Wer Schlechtes tut, dem Schlechtes geschieht

von Helge Lindau

Schon seit Wochen macht eine Hitzewelle das Leben in der bulgarischen Touristenmetropole am Schwarzen Meer zu einer Herausforderung.

Im Zimmer der Varnaer Innenstadtwohnung steht die Luft trotz der geöffneten Balkontür. Petja A. (61) liegt auf dem Bett des aufgeräumten Zimmers und schaut auf die an der Wand hängenden Gobelins. Vor 30 Jahren, als sich Ihre Krankheit noch im Frühstadium befand, hatte sie noch die Kraft, viele dieser Stoffbilder zu sticken. Jetzt liegt sie schon seit 20 Jahren ans Bett gefesselt und kann nur mit Mühe schwerfällig Kopf und Hände bewegen. Petja A. hat MS. Multiple Sklerose ist eine andauernde Entzündung des zentralen Nervensystems, mit der man in westlichen Ländern – mit Einschränkungen – leben kann. Doch in Bulgarien, wo ein Gesundheitssystem für ärmere Menschen fast nicht existiert, kommt diese Krankheit einem Todesurteil gleich. Jedoch wird dieses Urteil nicht sofort vollstreckt, sondern ist schleichend und qualvoll.

Medikamente und Therapien für MS Kranke kann sich die Familie von Petja A. – wenn überhaupt – nur in einem sehr begrenzten Umfang leisten. Von der Krankenkasse gibt es einen Zuschuss von zwei Euro fünfzig im Monat. Egal wie lebensnotwendig die Medikamente auch sein sollten, der bulgarische Patient muss fast alle Arzneien aus der eigenen Tasche bezahlen. Eine angemessene und etwas Erfolg versprechende medikamentöse Behandlung von MS kostet in Bulgarien etwa 1000 Euro monatlich. Ein Betrag den die ganze Familie jährlich zum Leben braucht.
Neben dem Bett der bis auf die Knochen abgemagerten Kranken, die nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein scheint, sitzt ihre Schwester Elena L. (65) und erklärt Monika Heitmann die fast aussichtslose finanzielle Lage der Familie. Monika Heitmann (35) ist Aufbaureferentin des bulgarisch-deutschen Hilfswerkes in Varna und berät die bulgarischen Mitarbeiter in der Sozialarbeit.
„Mein Mann, Petja und ich,“ so erzählt Elena, „haben zusammen eine Rente von 400 Euro im Monat. Davon gehen 300 Euro in die Pflege von Petja. Allein die Pflegerin, die wir bezahlen, bekommt davon 225 Euro. Der Rest, etwa 80 Euro, gehen für Windeln, Medikamente und Pflegehilfsmittel drauf. Für Lebensmittel und Kleidung bleiben also gerade einmal 100 Euro, für alle der im Haushalt lebenden Personen.
Hierzu muss man wissen, dass die Lebensmittelpreise in Bulgarien vergleichbar mit denen in Deutschland sind. Von den immensen Strom- und den winterlichen Heizkosten ganz zu schweigen.
„Bisher,“ so Elena weiter, „konnte mein Mann einen Großteil der Pflege bezahlen. Aber seit seinem Schlaganfall bekommt er auch nur eine magere Rente. Von dieser Rente müssen auch noch die Medikamente bezahlt werden, die er für seine Genesung braucht.“
Petja gibt ihrer Schwester – mit ihrer schwachen wispernden Stimme – recht. Doch sie ist kaum zu verstehen, denn durch die offene Balkontür dringt der in ganz Varna permanente Straßenlärm von hupenden Autos und abrupt aufheulenden Motoren.

Schicksale hinter Fenstern

Um Benzinkosten zu sparen wurde Monika Heitmann von einem Auto der Sozialstation, das Essen an Hilfs- und Pflegebedürftige wie Petja austeilt, in der Nähe von Petjas Wohnung abgesetzt. Den Rest des Weges musste sie zu Fuß gehen, da es vor dem Haus keine Haltemöglichkeit gibt und ein Aussteigen beim fließenden Verkehr unweigerlich zu Huporgien geführt hätte.

Monika H. arbeitet seit sechs Jahren für das Hilfswerk. Sie lernte bulgarisch; doch in erster Linie lernte sie die sozialen Gegebenheiten in Varna kennen. Petja A. und ihre Schwester Elena würden sicher schon auf sie warten. Trotzdem nimmt sie sich Zeit und schaut hoch zu den Plattenbauten, durch deren Schluchten sich die nicht abreißen wollende Schlange von Autos zieht. Die Wohnblocks wurden in der kommunistischen Zeit Bulgariens ohne Rücksicht auf bauästhetische Belange hochgezogen. In den Anfängen der postkommunistischen Zeit wurden dann die Wohnungen an die Mieter verkauft. Die neuen Wohnungsbesitzer begannen ihr Eigentum umzubauen und verwandelten es – auch von der Straße aus sichtbar- in skurril anmutenden Unikate. Aus manchen Fenstern schauen nun Ruß geschwärzte Schornsteinrohre; jeder Balkon bekam sein eigenes Aussehen und wurde in vielen der Wohnungen zum Kochplatz oder zur Abstellkammer. Einige Wohnungen wurden von aussen mit Isolierplatten verkleidet und neu gestrichen, was die unten liegende Etage noch heruntergekommener erscheinen lässt. In vielen Treppenaufgängen stapelt sich der Sperrmüll. Eine fatale Situation. Falls einmal der Lift ausfallen sollte, kann man nur noch in gewagten Kletteraktionen höhere Stockwerke über das Treppenhaus erreichen.

Heute, am frühen Morgen, war Monika H. bei Iwan Petrov*. Iwan ist neben Petja A. auch einer der vielen „Klienten“ des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerkes ´St. Andreas´ e.V.. Der ehemalige Zahnarzt Iwan ist blind, bettlägerig und kann sich nicht mehr selbst versorgen. Zusammen mit seiner geistig behinderten Tochter lebt er in einer verwahrlosten Zweizimmerwohnung eines Plattenbaus. Zweimal wöchentlich bekommt er Besuch von einer Krankenschwester, die ihn versorgt. Sie wechselt professionell seine Windeln, wäscht und rasiert ihn, findet, wenn sie nicht zu sehr im Zeitdruck ist, auch ein paar Minuten, um mit ihm über seine Ängste und Sorgen zu sprechen. Dann muss sie allerdings schon wieder weiter zum nächsten Pflegebedürftigen und Iwan bleibt wieder sich selbst überlassen – bis zum nächsten Termin.
Die Krankenschwestern arbeiten vor oder nach dem offiziellen Dienst im Krankenhaus für das Sozialwerk. Ein normaler Vorgang in Bulgarien, denn von einen Job allein kann man sich den Lebensunterhalt nicht sichern. Die tägliche Arbeitszeit einer solchen Krankenschwester kann dann schon einmal 16 Stunden betragen.
Hierbei hat Iwan Petrow noch Glück im Unglück. Viele seiner Leidensgenossen bekommen noch weniger oder keine Hilfe. Ein soziales Sicherungsnetz ist in Bulgarien so gut wie unbekannt. Viele Hilfsbedürftige haben weder eine Krankenversicherung noch irgendeine andere soziale Absicherung. Wenn diese Menschen eine medizinische Leistung in Anspruch nehmen wollen, so müssen sie, um krankenversichert zu werden, einen ganzen Jahressatz an Versicherungsgebühren auf einmal bezahlen. Da dieses kein Armer schaffen kann, sterben sie unbemerkt von der Öffentlichkeit in ihren Plattenbauwohnungen.

Es gibt keine Statistik über etwaige Pflegefälle in Bulgariens Meereshauptstadt Varna. Aber die Schätzungen von Sozial- und Hilfsorganisationen sind schockierend. Wenn man die bekannten Fälle hochrechnet und auf die verschiedenen Stadtteile verteilt, wäre eine Größenordnung von etwa 10.000 Menschen, die der Hilfe bedürfen und keine bekommen, sogar noch untertrieben.
Den bulgarischen Staat lassen jedoch solche Zahlen kalt. Die Politiker, Beamten und Unternehmer sind mit anderen Sachen beschäftigt. Zum Beispiel mit der Frage: ‚Wie fülle ich meinen eigenen Geldbeutel.‘
Deswegen hat auch die EU – wegen anhaltender Korruption in Bulgarien – dringend benötigte 500 Millionen Euro Hilfe vorerst auf Eis gelegt und weitere 200 Millionen ganz gestrichen. Wer die Leidtragenden dieser rigorosen Maßnahmen sind kann man sich schnell denken. Auf alle Fälle sind es nicht die korrupten, betrügerischen Machtinhaber. Doch die Damen und Herren im Sofioter oder im Brüsseler Parlament interessiert es nicht, wenn irgendwo am Schwarzen Meer – in der Platte – die Menschen verrecken.

Trotz des großen Engagements der Mitarbeiter vom Sozialwerk in Varna ist ihre Arbeit nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Sie können nur einem verschwindend kleinen Bruchteil der Hilfsbedürftigen ihre Hilfe zukommen lassen, da mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine flächendeckende Unterstützung von Hilfesuchenden unmöglich ist. Händeringend wird versucht jeden Euro, der zur Verfügung steht, zu optimieren. Dabei müssen dann schon einmal unpopuläre Maßnahmen ergriffen werden. Letztens wurde der geringfügige Obolus, den die Hilfsbedürftigen für ihre Essenversorgung bezahlen müssen, in manchen Fällen um bis zu hundert Prozent erhöht. Trotzdem deckt dieser Beitrag auch nur ein Promille der tatsächlichen Kosten. Wenn überhaupt, so bezieht der Großteil des Klientels des Sozialwerkes nur eine „soziale Mindestrente“, die bei etwa 46 Euro monatlich liegt. In einigen Fällen kann diese Rente auch bis 62 Euro ansteigen, wenn bestimmte Bedingungen, wie der Nachweis einer Schwerstbehinderung, angezeigt werden können. Für diesen Nachweis muss der Betreffende krankenversichert sein. Doch wer sich eine Krankenversicherung leisten kann, gilt schon als Reicher unter den Armen.

Die Ghettos der Stigmatisierten

Der soziale Wahnsinn von Varna spielt sich nicht nur hinter den Fenstern der Wohnblocks ab, in denen mehrheitlich bulgarisch ethnische Menschen wohnen, sondern auch in den Slums in und um Varna herum.
Hier leben in erster Linie Roma, von der Mehrheitsbevölkerung in diese Ghettos und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die größte dieser Enklaven heißt „Makzuda“ und liegt in der geografischen Mitte von Varna. Vorbei am Busbahnhof und der Shoppingmall von Varna eröffnet sich einem das Elendsviertel. Erst geht man neben gemauerten Steinhäusern vorbei, die, um so weiter man in das Viertel vordringt, von Holzbaracken und Wellblechhütten, dann von noch primitiveren Unterkünften abgelöst werden. Schätzungsweise 15.000 Menschen leben allein in „Makzuda“. Die Zahl ist sehr spekulativ, da andere Schätzungen von dem Doppelten ausgehen. Hier herrschen nicht dieselben Gesetze wie draußen in der anderen Welt, die Varna heißt. Diese Gesetze wurden von Menschen gemacht, die die Verzweiflung und die Armut ihrer Mitbewohner ausnutzen.
Die Polizei lässt sich in diesem Viertel nicht blicken. Im Gegenteil. Wenn sich hier die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, so ihr Gedankengang, gibt es ein paar Probleme weniger.

Oft wurde schon darüber geredet, das ganze Viertel einfach niederzuwalzen, doch raffinierte Politiker kamen dann auf die Idee die Bewohner von „Makzuda“ als williges Stimmvieh zu gebrauchen. Und tatsächlich! Immer pünktlich vor den Wahlen kommen Politiker der gerade regierenden Partei und versprechen das Ghetto nicht abzureißen, wenn ihre Partei gewählt wird. Dazu gibt es dann noch als Bonus etwa 15 Lewa (entspricht in etwa 7,50 Euro) für jede abgegebene Stimme. Nach der Wahl dann sind die Versprechen wieder vergessen, und man kann bis zur nächsten Wahl wieder Angst vor dem Abriss verbreiten, da, so dann dieselben Politiker: ‚Das Viertel ein großer Sumpf aus Kriminellen ist‘.
Dass sich hier die Kriminalität besonders gut entwickelt ist aber vor allem ein Verdienst der Politik. Überall wo sich Armut und Elend so unkontrolliert ausbreiten wie hier, sind dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet. Leider werden hier wirklich alle Klischees des Verbrechens bedient. Von der Prostitution, vor allem der Kinderprostitution, über Diebstahl, Schiebereien bis hin zu Gewaltverbrechen. Die Nutznießer dieser Verbrechen wohnen allerdings in den seltensten Fällen im Herzen von „Makzuda“. Vielleicht nur kleine Zuhälter, die sich für „Makzuder“ Verhältnisse wahre Paläste hingestellt haben.
Viele der Kinder und Erwachsenen, die hier leben, sind illegal. Illegal heißt in diesem Fall, dass sie keine behördliche Identität besitzen. Sie wurden geboren ohne Geburtsurkunde, ohne Pass, ohne von staatlicher Seite registriert zu sein. Krankheiten können nicht auskuriert werden, da ein Arztbesuch für diese Menschen nicht bezahlbar ist. Folge davon ist, dass viele Krankheiten chronisch werden. Kinder, die meist halbnackt auf der Straße und im Müll spielen, sind dadurch besonders anfällig für Infektionskrankheiten aller Art. Besonders grassieren zur Zeit die verschiedenen Formen der Hepatitis.
Der Alkohol- und Drogenkonsum gedeiht in diesem Umfeld hervorragend und gilt als Todesursache Nummer Eins.

„Makzuda“ ist jedoch nicht das einzige Ghetto dieser Art in Varna. Neben diesem gibt es etwas an den Rand der Stadt gedrängt noch die Quartiere in „Vladislavovo“, „Asparuchovo“ und „Kamenar“. Die Situation in diesen Vierteln ist ähnlich der in „Makzuda“.
Die Hilfe von Organisationen, die Kleider und von Fall zu Fall Medikamente spenden, ist zwar gut gemeint, aber letztendlich eher ineffektiv, solange man den Betroffnen keine Hilfe zur Selbsthilfe gibt.
„In erster Linie muss vor allem den jungen Menschen ihre Situation vor Augen geführt werden.“, so Monika Heitmann, „Die meisten Leute aus den Ghettos wurden dort geboren und kennen somit auch nichts anderes. Ihnen muss durch Bildung der momentane Ist-Zustand vor Augen geführt werden. Damit sie raus aus dem Ghetto und rein in die Gesellschaft finden.“
Diese Gedanken veranlassten Heitmann, dass sich das Sozialwerk nicht nur mit pflegebedürftigen Alten und Behinderten beschäftigt, sondern auch ein Projekt namens „Step in“ ins Leben gerufen wurde. Dieses Projekt ermöglichte einigen Kindern und Jugendlichen außerschulische Nach- und Hausaufgabenhilfe, Englisch- und Computerkurse zur Vorbereitung auf eine weiterführende Berufsbildung. Neben den Kursen wurde auch großen Wert auf eine umfassende Bildung gelegt, indem man Ausflüge an historische Orte sowie Museumsbesuche organisierte. Einen hohen Stellenwert nahmen aber auch die künstlerische und sportliche Erziehung sowie das kostenlose Mittagessen ein, das von den Schülern gern angenommen wurde.
Nach anfänglichen Erfolgen jedoch versiegten die Geldquellen, und das Projekt muss nun bis 2010 pausieren. Ein herber Rückschlag für die engagierte Frau, die – ob der beschränkten finanziellen Mitteln seitens der Behörden und Organisationen – noch lange nicht ans Aufgeben denkt.

Verwahranstalten

Eigentlich ist es die Hauptaufgabe von Monika Heitmann, soziale Projekte zu initiieren, aufzubauen, zu organisieren und begleiten. Jedoch lässt sie es sich nicht nehmen auch immer wieder die Menschen zu besuchen, um die es in Ihrer Arbeit geht. Daraus sind, wie im Fall von Petja A. und ihrer Familie, auch vertrauensvolle Beziehungen entstanden.

Trotz des surrenden Ventilators scheint die heisse Luft in Petjas Zimmer zu stehen. In einer Nachbarwohnung plärrt ein Radio oder Fernseher. Petja hat ihre dürre Hand auf die ihrer Schwester Elena gelegt. Jetzt wird erst der Unterschied zwischen beiden Händen deutlich. Während die Hände von Elena die einer Frau sind, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, wirken die der MS Kranken Petja zerbrechlich. Kein Muskel scheint mehr vorhanden zu sein. Zwischen den Fingerknochen und der Haut zeichnen sich deutlich die Adern ab, so als bestände ihre Haut aus Pergament.
Petja erzählt Monika H. von ihrer Zeit in Berlin und fast scheint es als würde ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht huschen. Ihr halbjähriger Aufenthalt in Berlin liegt nun schon 43 Jahre zurück, dennoch kann sie sich an vieles erinnern. Auch freut sie sich ihre guten Deutschkenntnisse durch ein Gespräch mit Monika H. aufzufrischen. Dies alles lässt sie für kurze Zeit ihr Leid vergessen.
„Könnt ihr vom Sozialwerk nicht ein Pflegeheim aufmachen?“, fragt Petja, und hebt dabei andeutungsweise, schwerfällig den Kopf. Doch ihre Schwester Elena beeilt sich schnell zu sagen: „Daheim ist es doch viel besser, da weißt Du, wer auf Dich aufpasst.“

Tatsache ist, dass es für die knapp 400.000 Einwohner von Varna nur ein staatliches Pflegeheim mit etwa 50 Plätzen für Bettlägerige gibt. Dort müssen sich jeweils drei Patienten ein Zimmer teilen. Diese Einrichtung verdient allerdings weniger den Namen Pflegeheim, als vielmehr den Titel Verwahranstalt.

Die wenigen privaten Heime kosten pro Pflegeplatz etwa 350 bis 500 Euro monatlich. Medikamente, Windeln und andere Pflegemittel müssen natürlich extra bezahlt werden. Für Petja ein schier unbezahlbares Unterfangen, da ihre gesamte Rente gerade 130 Euro beträgt. In einem kleinen Ort bei Varna gibt es noch ein staatliches Pflegeheim, in dem die Kranken im ersten Stock des Gebäudes untergebracht sind. Bezeichnenderweise können die Liegenden fast unmöglich transportiert werden, da das Gebäude nicht rollstuhlgerecht gebaut wurde. Die Greulgeschichten von Pflegeheimen machen immer noch die Runde in der Bevölkerung und scheinen einer wahren Grundlage nicht zu entbehren.
„In Povadija“, so weiß Elena zu berichten, „ist vor 15 Jahren ein Heim in Flammen aufgegangen. Bis zum heutigen Tag wurde lediglich die Kantine renoviert. Die Kranken wurden in einen nahe gelegenem Busbahnhof evakuiert, in dem sie bis zum heutigen Tag untergebracht sind.“

Resignation

„Wir haben diesen Staat aufgebaut“, resümiert Elena mit Tränen in den Augen, „und jetzt interessiert sich keiner mehr für uns. Auch der Staat interessiert sich weder für die gesunden, noch für die kranken Menschen.“ Sie macht eine kleine Pause und schaut Petja an. „In Alter und Krankheit ist man auf sich allein gestellt. Wer keine Nächsten hat, der bleibt ohne Hilfe und Pflege und verwahrlost. Die Gesunden verlassen das Land. Der Staat kann ja nicht einmal für die Gesunden sorgen.“

Bulgarien behandelt in der Tat seine Bürger stiefmütterlich. Die Renten sind so niedrig, dass selbst ein sparsamer Mensch unmöglich davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Die durchschnittliche bulgarische Rente beträgt gerade einmal 115 Euro. Auch derjenige, der die Maximalrente von 240 Euro bekommt (und dies sind sehr wenige), hat Schwierigkeiten über den Monat zu kommen. Selbst ein ganztägig arbeitender Mensch muss sein Leben sehr einschränken, denn auch mit monatlich 270 Euro – bulgarisches Durchschnittseinkommen für Berufstätige – kann man keine großen Sprünge wagen.

Elena glaubt längst nicht mehr an einen Gott. Ihr Glaube ist ihr über die Jahre abhanden gekommen. Von zu vielen Schicksalsschlägen wurde sie verbittert. Sie glaubt einfach nicht mehr an die Gerechtigkeit in dieser Welt. „Wer Gutes tut, dem Gutes geschieht; wer Schlechtes tut, dem Schlechtes geschieht.“ sagt sie an Monika H. gewandt, „Nein! Das stimmt so leider nicht…“

Seit zwei Jahren ist Bulgarien volles Mitglied in der Europäischen Union. Jedoch vom sozialen, kulturellen oder wirtschaftlichen Standpunkt aus, wäre es nicht übertrieben Bulgarien als ein Entwicklungsland zu bezeichnen. Wie auch in Entwicklungsländern üblich, fehlt die große Masse die ein Staat erst lebensfähig macht: nämlich die Mittelschicht. In diesem Staat existiert nur das Heer der Armen, das von von einer kleinen elitären Gruppe, der Reichen, mehr oder weniger gelenkt wird.

(c) by Helge Lindau

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Fragmente II -Hotel Hyatt

von Helge Lindau

Ich suchte im Schatten des letzten Hauses vor der langen Brücke noch etwas Schutz vor der gleißenden Sonne, bevor ich den Gang über die Brücke wagen wollte. Eigentlich war es unvernünftig von mir, schon so früh am Nachmittag einen Termin zu machen, musste mir doch klar sein, dass mir die Hitze endlos zusetzen würde. Nur wenige Wolken waren am Himmel zu sehen, es wehte kaum ein Lüftchen; trotzdem wartete ich auf eine Gelegenheit, über die Brücke zu kommen. Hierzu brauchte sich nur eine Wolke vor die Sonne zu schieben, um mir so den nötigen Schatten zur Überquerung zu spenden.

Ich war heute schon in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um mir die Wunden der NATO-Luftangriffe anzuschauen, die vor einem knappen Jahr das Unheil hierher gebracht hatten. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben, Tausende wurden verletzt – ich rede von Zivilisten – also Kinder, Frauen und Männer, die den Generälen der NATO oder dem damaligen „grünen“ deutschen Aussenminister Fischer nichts angetan haben oder antun wollten. Wer dabei als Sieger herauskam, war offensichtlich: die Rüstungsindustrie sowie die dahinterstehenden Banken.

Das Verteidigungsministerium war eine eine einzige Ruine; viele Häuser, so auch ein Krankenhaus und eine Schule in der Nähe des Ministeriums, wurden so stark beschädigt, dass hier nur noch ein Abriss helfen konnte. Das zivile Hochhaus und die chinesische Botschaft auf der anderen Seite des Flusses Save wurden ebenfalls getroffen, obwohl sich in der Nähe dieser Gebäude nicht ein einziges militärisches Objekt befand. Während meiner weiteren Tour fragte ich mich, wieso gerade die chinesische Botschaft bombardiert worden war? Das sollte aber nicht der einzige Angriff auf zivile Objekte bleiben: Ein paar Monate später, als die NATO versuchte, eventuelle serbische „Faschisten“ aus dem Kosovo herauszubomben, trafen unvermittelt vier Raketen – rein zufällig – ein Wohnhaus in Sofia, das etwa zweihundert Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt war. Der flapsige und zugleich genervt klingende Kommentar des NATO-Generals Clark war dann vor laufenden Kameras: „…nur ein Kollateralschaden…“
Immer noch zog sich eine Spur der Verwüstung durch Belgrad, doch die Menschen gingen ihren normalen Tagesgeschäften nach und versuchten, sofern sie sich unter freiem Himmel befanden, ein schattiges Plätzchen zu ergattern, denn die Sonne brannte erbarmungslos.

Diese Woche sollte später als die heißeste jemals gemessene Woche in die Geschichte der Stadt eingehen. Obwohl ich im Schatten stand, gab die Teerdecke des Bürgersteigs nach, und ich musste oftmals meine Standposition ändern, damit ich nicht zu tief in das Bitumen einsank.
Ich blickte wieder in den Himmel und beobachtete eine Wolke, die langsam aber stetig auf die Sonne zustrebte. In ein paar Minuten würde ich es wagen können, möglichst zügig über die Brücke zu gehen.
Am anderen Ende der Brücke gab es einen Stadtpark mit einigen Cafés, Restaurants und Imbissbuden. In einem dieser Lokale würde ich Pause machen und meine ‚Verabredung‘ treffen.

Ein paar Meter war ich schon auf der Brücke unterwegs, auf der ich nur die Ausdünstungen des aufgeweichten Straßenbelages roch, die einem das Atmen schwer machten. Gerade, als ich dachte, die Größe der Wolke würde sicher nicht ausreichen, mir den gesamten Weg über die Brücke zu beschatten, kam die Sonne wieder hervor und schien erbarmungslos auf meinen Kopf. Ich hatte wohl Richtung oder Größe der Wolke etwas unterschätzt, denn es lagen immer noch etwa 400 Meter der Brücke vor mir. Mein Hemd klebte an meinem Körper. Der Umhängeriemen meiner Kameratasche war vom Schweiß durchnässt und scheuerte meine Schulter wund. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich durch heiße Tage schleppte, doch dieses Mal wurden mir die Kameras zu einer wirklichen Last.

Inzwischen hatte ich weit über die Hälfte der Brückenlänge hinter mich gebracht und schaute auf meine Uhr. Es war Viertel vor zwei. Um zwei Uhr war ich mit Dragana verabredet, würde also pünktlich sein.

Endlich war ich im Stadtpark und suchte sofort Schutz in einer Allee schattenspendender Bäume. Dort ließ ich mich auf einer Parkbank nieder und verschnaufte erst einmal fünf Minuten, um dann zum verabredeten Cafégarten zu gehen. Dragana wartete schon auf mich.

Dragana war ein 12-jähriges Mädchen mit langem schwarzen Haar, das zu vielen Zöpfen geflochten war. Sie wirkte etwas schlaksig und hatte lange dünne Arme, die durch die großen, jedoch feingliedrigen Hände noch zerbrechlicher wirkten. Man sah ihr an, dass der Körper am Überlegen war „Soll ich noch eine Weile Kind bleiben oder fange ich mit der Metamorphose zum Frauenkörper an?“. Die Anfänge der Umwandlung waren bereits gemacht, und man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass sie einmal eine schöne Frau werden würde.

Im Cafégarten waren wir die einzigen Besucher. Zwei Verkäuferinnen hatten es sich auf zwei Stühlen bequem gemacht, wobei sie noch zwei andere Stühle als Fußablage benutzen. Der Luftzug eines großen Ventilators war auf sie gerichtet. Eine der Frauen kühlte sich das Gesicht und die Stirn zusätzlich mit einer Fantadose, die sie gerade aus der Kühltruhe genommen hatte.
Nur kurz schauten sie zu uns herüber, als wir uns wie alte Freunde begrüßten.
Auf einer Tafel neben der Kühltruhe war in kyrillischen und lateinischen Buchstaben zu lesen, dass man hier „Kalte Getränke, Bier, Limonade, Café und Eis“ bekommen könnte.

„Was möchtest du trinken?“, fragte ich Dragana.
„Kann ich mir auch zwei Sachen wünschen?“, fragte sie im akzentfreien Deutsch zurück.
„Wenn es mich nicht finanziell ruiniert, dann darfst du das natürlich.“
„Dann hätte ich gerne ein Eis. Die haben hier so etwas ähnliches wie ‚Nogger‘ in Deutschland. Dazu dann bitte noch eine Limonade.“

Ich hatte ein Jahr zuvor die Familie von Dragana in Berlin kennen gelernt. Dragana ging dort zur Schule, gehörte mit zu den Guten in ihrer Klasse, hatte einen großen Kreis von Freundinnen und freute sich auf die neuesten Kinofilme, die sie sich dann immer mit ihrer Lieblingsfreundin Anna anschaute. Sie las gern, am liebsten ‚Die Drei Fragezeichen‘. Es unterschied sie nichts von den anderen Kindern, die in dieser Stadt lebten. Selbst ihre etwas dunklere Hautfarbe war – in dieser Stadt, die sich ‚Multikulturalität‘ auf die Fahne geschrieben hat – in keinster Weise auffällig.

Die Familie war fünf Jahren zuvor nach Berlin gekommen. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan, bei dem ihr Volk eine besondere Stellung einnahm, denn sie wurden von allen kriegsführenden Parteien gleichermaßen verfolgt und gehasst. Sie führten weder Krieg noch besaßen sie Waffen – deswegen hatten sie auch keine Lobby. Sie wurden nur aus einem einzigen einfachen Grund verfolgt: Sie waren Roma, stinkende Zigeuner, Lumpenpack, Parasiten. Das Haus von Draganas Familie wurde angezündet, woraufhin die Familie in die Berge floh. Dort versteckten sie sich mehrere Tage mit anderen Romafamilien aus ihrer Siedlung. Als sie keine Lebensmittel mehr hatten, schlichen sie sich durch die Fronten. Aber egal, auf welche Seite der Front sie auch gelangten: Sie waren von Feinden umgeben, bis sie auf einen SFOR-Konvoi stießen.

Dann ging alles sehr schnell.

Den Kulturschock, in Berlin zu sein, hatten sie rasch überwunden. Zuerst wohnten sie in einem Asylantenheim, jedoch nach einiger Zeit konnten sie eine Wohnung beziehen, da der Vater eine vorübergehende Arbeitserlaubnis bekam und einen Job im Supermarkt aufnehmen konnte. Sie lebten sich ein, schafften das, was ihnen über Generationen in ihrer eigentlichen Heimat nicht gelungen war, sich nämlich selbst in die Gesellschaft zu integrieren, ohne sich assimilieren zu lassen.

Vor einem Jahr hatten dann Bürokraten entschieden, dass das Heimatland der Familie, nämlich Serbien, für sie nicht mehr gefährlich sei. ‚Wie bitte?‘, fragte sich Draganas Familie. ‚Unser Haus ist niedergebrannt. Unser Clan ist in alle Richtungen versprengt. In unserer `Heimat` macht man immer noch Jagd auf die Roma. Unsere Kinder sprechen deutsch und englisch, aber kein serbisch mehr, und mit Romanes kann man in der Schule nichts anfangen. Unsere Heimat ist doch jetzt hier!‘

So wurden sie, nach knapp sechsjährigem Wohnen in Berlin, zusammen mit Hunderten von anderen Roma zurück in das noch unbefriedete und zerstörte Restjugoslawien geschickt.

Der Regierung in Belgrad waren die Roma schon immer ein Dorn im Auge, und so wurden auch keine Maßnahmen getroffen, den zurückkehrenden Flüchtlingen in irgendeiner Art zu helfen, geschweige denn, ihnen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. In Belgrad gab es insgesamt drei Elendsviertel, die fast ausschließlich von Roma bewohnt wurden. Die beiden größten waren ‚das alte Betonwerk‘ und ‚Hyatt‘. Diese Viertel platzten nun – ob der Ankunft der ‚Berliner‘ und ‚Wiener‘ – aus allen Nähten. Denn auch aus der österreichischen Hauptstadt wurden jugoslawische Romaflüchtlinge zurück in ihre Heimat geschickt. Als dies alles geschah, schauten die Medien absichtlich weg, so dass die Öffentlichkeit von den Massenausweisungen aus Deutschland und Österreich kaum etwas mitbekamen.

Dragana lebte mit ihrer Familie im ‚Hyatt‘. Das Viertel hat seinen Namen von einem Hotel-Prunkbau, welches man in der Nachbarschaft zum Ghetto errichtet hatte.
Richtige Häuser gab es im Ghetto kaum. Die meisten Unterkünfte waren Hütten – aus Wellblech, Brettern und Plastikplanen zusammengezimmert. Über einen Teil des Ghettos verlief die große Savebrücke, auf der Tag und Nacht der Lastwagenverkehr der Europastraße 70 donnerte.
Wer in Hyatt gelandet war, für den war nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart verbaut.

Dragana saß mir am Tisch gegenüber. Das letzte Mal hatten wir uns kurz vor der Abschiebung in Berlin gesehen und sprachen über das, was in der Zwischenzeit passiert war. In der Schule wurde sie zwei Klassen tiefer bei den 10-jährigen eingeschult, da sie nur sehr mangelhaft serbisch sprach. Nur mit Schwierigkeiten konnte es verhindert werden, dass sie auf eine Sonderschule für Lernunwillige kam. Überhaupt wunderte man sich, dass ein Zigeunermädchen unbedingt auf die Schule wollte.
Ihr häusliches Umfeld war trostlos. Der Vater hatte wieder das Trinken angefangen, die Mutter hing ständig der Zeit in Berlin nach und weinte oft. Von den paar Mark, die sie in Deutschland zusammengespart hatten, konnten sie sich wenigstens ein kleines Zwei-Zimmer-Haus aus Steinziegeln kaufen. Das Grundstück lag am Rande von Hyatt an der Peripherie zwischen Roma und Belgradern.

„Komm mit!“ sagte Dragana, „Ich will dir unser neues Zuhause zeigen!“
Wir tranken unsere Limonade aus und gingen zurück zum Ufer der Save. Hier lagen noch die Discoschiffe, die Abend für Abend hunderte von Jugendlichen anlockten. Doch einen Kilometer weiter traute sich kein Belgrader mehr, denn dort begann HYATT!
Die ersten Bars auf den Schiffen, die solche Namen wie „La Havanna“ oder „Miami“ trugen, öffneten gerade, als wir das Ufer erreichten. Auf der anderen Seite der Save, auf einem Hügel, erhob sich protzig der Rohbau der Kirche, die die prächtigste serbisch-orthodoxe des Landes werden sollte. Am Ufer standen vereinzelt Bäume, in deren Schatten wir gemütlich dahinschlenderten. An den schattenlosen Stellen beschleunigten wir unsere Schritte, um den nächsten Schatten zu erreichen.

„Wir gehörten zu den Ersten, die neu in Hyatt ankamen. So konnten wir uns noch zu einem erträglichen Preis ein Häuschen kaufen. Für die Leute, die später kamen, sah es düsterer aus, denn zum Preis unseres Hauses bekamen die dann gerade noch eine Wellblechhütte mitten im Ghetto.“, begann Dragana wieder zu erzählen.
„Abends oder am späten Nachmittag gehe ich auch nicht mehr raus. Es ist einfach zu gefährlich. Wenn die Leute nicht besoffen sind, dann haben sie irgendwelche Drogen genommen. Ständig gibt es Prügeleien, oder ein Besoffner raubt eine Besoffene aus oder vergewaltigt sie. Die Polizei kommt aber nur, wenn einer aus Hyatt etwas unrechtes außerhalb des Viertels angestellt hat. Was hier drinnen passiert, ist den Bullen aber scheißegal. Manchmal kommt es mir so vor, als freuten die sich, wenn wir uns hier gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Wir nährten uns dem Ghetto. Am Ufer unter der großen Savebrücke wuschen einige Romafrauen Wäsche im Fluss. Hierzu mussten sie die steile, betonierte Uferböschung hinunterklettern, wobei sie sich an einem Tau festhielten. Einige der Frauen grüßten uns, indem sie uns andeutungsweise zunickten. Andere sahen uns skeptisch hinterher, als wir einen kleinen staubigen Pfad neben den Brückenpfeilern hinauf gingen. Hier befanden sich schon die ersten heruntergekommenen Hütten. Ein paar Schritte weiter hatte man schon einen guten Überblick über den unteren Teil des Ghettos. Kreuz und Quer standen Hütten, Buden und Zelte aus Plastikplanen, dazwischen ein labyrinthisch wirkendes Netz aus Pfaden und Sandwegen. Von vielen Stellen stiegen Rauchsäulen auf – von Feuern, auf denen gerade gekocht wurde, oder von Feuern, die die Isolationen von Kupferkabeln abbrannten, was den Wert des Kupfers beim Schrotthändler erhöhte. Schrott und Papier waren die Haupteinnahmequellen der Bewohner von Hyatt. Überall konnte man dürftig zusammengebastelte Karren entdecken, mit denen dann die Ladungen Kupfer oder Pappe transportiert wurden. In der Luft lag eine Mischung aus verbranntem PVC und Müll, die durch die drückende Hitze noch dumpfer und unerträglicher wurde. Da dies jedoch nicht mein erster Besuch in einem solchen Lager war, wusste ich, dass man sich selbst an diesen Gestank schnell gewöhnen würde und selbigen nach spätestens zwanzig Minuten nicht mehr wahrnehmen würde.
Dragana schaute mich an und schien fragen zu wollen: ‚Na? hast du dir das so vorgestellt?‘
Ich zog nur die Augenbrauen hoch, machte ein gleichgültiges Gesicht und zuckte leicht und gleichgültig mit den Schultern.

Kinder beobachteten uns erst aus einer sicheren Entfernung. Doch als sich herausstellte, dass von uns keine Gefahr auszugehen schien, kamen sie näher, bis sich dann nach und nach eine Traube grölender Kinder um uns wand. Dragana spielte die Gleichgültige, aber man merkte ihr an, dass sie schon stolz darauf war, neben einem Mann zu gehen, der so gar nicht hierher passte.
Die Erwachsenen, denen wir begegneten, zeigten absolut kein Interesse an uns. Es kam mir im Gegenteil so vor, als gingen sie, nachdem sie uns bemerkten, noch konzentrierter und zielstrebiger ihren Weg weiter. Auch die Kinderschar verlor langsam das Interesse an uns, nachdem sie gemerkt hatte, dass es hier nichts zu holen gab – weder Geld noch Süßigkeiten. Ein Junge allerdings, der in Draganas Alter war, blieb bei uns. Schnell stellte sich heraus, dass er der Freund von Dragana war. Er hieß Zoran, war ordentlich gekleidet und sprach ebenfalls ein fast akzentfreies Deutsch. Seine Geschichte ähnelte der von Dragana sehr, mit dem Unterschied, dass seine Familie vor dem Exil in Deutschland auch noch knapp zwei Jahre in Ungarn Asyl gefunden hatte. Von daher konnte Zoran neben serbisch und romanes auch noch ungarisch, deutsch und englisch sprechen, und dies in einer Perfektion, die mich erstaunte.

„Heute Abend fängt hier eine Hochzeit an.“, sagte Zoran.
„Wieso fängt denn die Hochzeit an?“, fragte ich und ging davon aus, dass er doch ein paar deutsche Wörter durcheinander gebracht hatte, indem er ‚fängt‘ mit ‚ist‘ verwechselte.
„Na ja, die Hochzeit fängt nun eben heute Abend an und wird über mehrere Tagen gehen. Eine Hochzeitsfeier unter drei Tagen ist keine Feier.“

In einer Entfernung von etwa 200 Metern sah ich, wie ein paar Leute Tische und Bänke in der Mitte unter der Savebrücke aufbauten. Andere waren gerade damit beschäftigt, große Lautsprecherboxen auf dafür vorgesehene Stative zu hieven. Aus einem Radiorecorder, der anscheinend auf volle Lautstärke gestellt war, plärrte Discomusik und wurde nur noch vom Gegröle zweier Betrunkener übertönt, die halbnackt vor ihrer Hütte lagen und sich den Rest einer Flasche Sljivovic teilten. Überhaupt spielte sich das ganze Leben in der Öffentlichkeit ab. Man lag vor den Hütten auf alten Matratzen oder Sofas. Man kochte im schattenspendenden Schutz der Brücke auf Lagerfeuern oder auf lädierten Küchenöfen. Auf zwei Sesseln saßen Frauen, die sich angeregt unterhielten und dabei ihre Kinder stillten. Nicht weit davon stand ein Jugendlicher und schürte ein Feuer, dessen Flammen giftig grünlich und blau züngelten. Er war gerade dabei, Kabelisolation zu verbrennen. Gleich nebenan verkauften zwei junge Männer aus dem geöffneten Kofferraum eines alten Ladas Obst und Gemüse, das ihre Frische durch die Hitze des Tages bereits eingebüßt hatte. Es herrschte überall ein reges Treiben, verursacht vor allem durch die vielen Kinder, die sich balgten, die rannten, spielten und sich jagten.

„Komm!“, sagte Dragana, „ich werde dir jetzt mal unser Haus zeigen. Sind nur noch ein paar Minuten bis dorthin.“
Wir gingen vorbei an den Vorbereitern der Hochzeitstafel auf eine kleine Straße zu, die nicht zufällig durch den Bau einer Hütte entstanden war, sondern die es – wie es aussah – schon vor der Zeit des Ghettos gab. Am Ende der Straße war auch die Grenze des Ghettos erreicht.
Vor einem kleinen Lebensmittelladen standen Männer und tranken Bier. Zwei der Männer stritten lautstark und stießen sich ständig gegen die Schultern. Es waren offenkundig nicht ihre ersten Biere!

Dem Laden schräg gegenüber stand nun das kleine Häuschen von Draganas Familie. Es war eingeschossig und sah im Gegensatz zu den anderen Häusern und Hütten sehr gepflegt aus.
Es war wirklich nur ein kleines Häuschen, vergleichbar mit einer Gartenlaube in einem deutschen Kleingärtnerverein.
Auf einem kleinen verandaartigen Vorbau, auf dem ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen standen, saß Draganas Mutter und unterhielt sich mit einem Nachbarn. In meiner Erinnerung war die Mutter eine kleine quirlige Frau, die stets etwas zu erzählen hatte, was sich in ihrem damaligen gebrochenem Deutsch lustig anhörte. Jetzt stand ich allerdings einer Frau gegenüber, deren schwarzumrandeten Augen sehr traurig wirkten. Sie war auch sichtlich abgemagert.
Die Mutter erkannte mich nicht sofort, wusste erst nicht genau, wohin sie mich stecken sollte. Doch als Dragana ihr meinen Namen sagte, füllten sich die Augen mit Tränen.
Der Nachbar, ein älterer Mann, stand auf, bot mir seinen Stuhl an und verabschiedete sich, indem er seine Bierflasche vom Tisch nahm und uns während des Gehens zuprostete.

Das Gespräch mit der Mutter dauerte lange. Nach etwa einer Stunde entschuldigte sie sich jedoch damit, dass sie müde sei und sich irgendwie nicht richtig konzentrieren könne. Sie zeigte mir noch ihr Häuschen, das sauber aber ärmlich war. Zu fünft schlief die Familie im einzigen Zimmer. Dazu gab es noch eine kleine Küche und eine Art Vorraum. Trotz der Bescheidenheit war zu erkennen, dass das Haus in demselben Stil – der Wohnung in Berlin entsprechend – versucht wurde, zu gestalten.
Der Vater war außer Haus. Dragana sagte – mehr oder weniger gleichgültig:
„Wenn er nicht vorm Lebensmittelladen stand, dann weiß ich auch nicht, wo er gerade wieder herumsäuft.“
Sie lächelte mich bitter an.
„Was haltet ihr davon, wenn wir mal zur Hochzeit schauen.“, rief Zoran, der die ganze Zeit vorm Haus gewartet hatte, „die sind jetzt bestimmt schon fertig mit den Vorbereitungen.“
„Das ist eine gute Idee!“, rief ich ihm zu und fing an meine Kameras zusammen zu bauen.
Danach umarmte ich die Mutter und versprach ihr während der Hochzeit auf ‚ihre Kleine‘ acht zu geben.
„Zoran und ich passen schon auf sie auf.“, sagte ich lächelnd.
Die Mutter legte sich auf eines der Sofas im großen Zimmer.
Dragana, Zoran und ich gingen zurück: Unter die Brücke von Hyatt.

(c) 2009 by Helge Lindau

Fragmente I -Der Imbissladen

von Helge Lindau

In der Serie „Fragmente“ möchte ich einige Episoden von meinen Reisen zu den Roma in Osteuropa erzählen. „Fragmente“ auch deswegen, da die Geschichten aus den Kontexten genommen wurden, um die Stimmung einer Situation zu vermitteln.

Satu Mare – Der Imbissladen
Die Bremsen des Zuges quietschten erneut und brachten ihn nun endgültig zum Stehen. Vor einer Stunde bin ich in Debrecen losgefahren und das geplante Ziel wäre eigentlich Zalău gewesen. Doch als ich mich bei der ungarischen Schaffnerin erkundigte, schien sie sich absolut nicht sicher zu sein, ob der Zug wirklich dort ankommen würde.
Nun standen wir an der ungarisch-rumänischen Grenze in der Nähe von Nyirábrány, einem kleinen Grenzdorf, und fast schien es, als würden die rumänischen Zollbeamten mit ihren umgehängten Kalaschnikows den Zug stürmen wollen.

Wir schrieben das Jahr 1996 und Rumänien war der Ära von Ceauşescu noch wesentlich näher als der freien Welt westlicher Scheindemokratien. Trotzdem schien mich mein deutscher Pass vor einer gründlichen Kontrolle zu schützen, während andere Mitreisende, vor allem Rumänen, draußen auf dem angedeuteten Bahnsteig ihre Koffer auspacken mussten.

Die ungarische Lokomotive wurde von den Wagen abgekoppelt, um einer noch nicht vorhandenen rumänischen Lok Platz zu machen. Nach einer Stunde des Wartens verbreitete sich das Gerücht, dass der Zug hier seine Endstation haben würde und der nächste Zug nach Zalău voraussichtlich erst gegen 21 Uhr fahren solle. Es war gerade erst 13.30 Uhr.

Durch die jahrelange Mangelwirtschaft sind die Rumänen jedoch Meister der Improvisation geworden. Die Passagiere überquerten die Grenze nach Rumänien einfach zu Fuß. Vor der kleinen rumänischen Bahnstation war ein Parkplatz, auf dem schon selbst ernannte Taxifahrer mit ihren klapprigen Dacias warteten, um die Fahrgemeinschaften, die sich während des kurzen Ganges über die Grenze gebildet hatten, aufzunehmen. Leider fuhr keiner der Chauffeure nach Zalău, doch fand ich noch Platz in einem Auto, das nach Satu Mare fuhr.
Satu Mare ist ca. 70 Kilometer von Nyírábrány entfernt und hat einen größeren Bahnhof, von dem aus bestimmt ein Zug nach Zalău gehen würde.
Der Platz neben dem Fahrer war noch frei. Auf der Rückbank saß ein älteres Pärchen, das schon nach der Hälfte der Strecke sein Ziel erreicht hatte.

Nach einer etwa 90-minütigen Fahrt kam ich in Satu Mare an und beschloss, vielleicht doch ein paar Tage hierzubleiben, da ich während der Fahrt mit dem Dacia eine Romasiedlung gesehen hatte, der ich gerne einen Besuch abgestattet hätte. Langsam machte sich auch mein Magen bemerkbar und mir fiel ein, dass ich schon seit meiner Abfahrt heute Vormittag in Debrecen noch nichts gegessen hatte. Auf der Suche nach einem Restaurant fand ich dann schließlich auf einem Platz, der von wuchtigen Gebäuden à la Ceauşescu gesäumt war, eine Art Imbissgeschäft, vor dem ein paar Holzbänke und Tische standen. Gewiss erwarteten mich hier keine kulinarischen Kostbarkeiten, doch mein Magen war genügsam und durch die viele Reisen schon an Speisen gewöhnt, die diese Bezeichnung bestimmt nicht verdient hatten.

Ich betrat also das Geschäft und hatte die Auswahl zwischen Hotdog und Hamburger, wobei ich Letzteres wählte. Draußen waren von den vier Tischen nur zwei besetzt. Ich setzte mich an einen der freien und beobachtete beim Essen die Vorübergehenden, die anscheinend wie ich das Kommen des etwas kühleren Abends genossen. In der Nähe der beiden anderen besetzten Tische bemerkte ich einen Jungen, der die dort sitzenden Jugendlichen beim Essen beobachtete. Es dauerte auch nicht lange, bis die Beobachteten ebenfalls auf den Jungen aufmerksam wurden und anfingen, ihn zu vertreiben: „Verpiss dich, du Penner! Hol dir dein Fressen aus’m Müllcontainer, du Scheißzigeuner!“

Der Junge schien solche Beschimpfungen öfter zu hören, denn seine Reaktion darauf war eher gelassen und bestand lediglich darin, ein paar Meter weiter vom Tisch weg in Richtung des gepflasterten Platzes zu gehen. Die jungen Leute waren mit ihren Essen fertig und machten sich zum Gehen auf, als der Junge unbemerkt näher kam, um sich die Reste auf dem mit Ketchup und Cola verschmierten Tisch anzuschauen. Und gerade als die Jugendlichen in Richtung des Platzes aufgebrochen waren, stürmte der Junge auf den Tisch zu, um sich über den Rest eines Hotdogs, das zwischen zerdrückten Coladosen und benutzen Servietten lag, herzumachen. Wie ein Adler fixierte er den Essensrest, stopfte ihn in seinen Mund und verschluckte ihn, ohne vorher zu kauen – wohl aus Angst, ein anderer könnte ihm den Bissen noch in seinem Mund streitig machen.
Kaum hatte er den Rest des Tisches nach Brauchbarem untersucht, begab er sich wieder in sichere Entfernung zu dem Imbissladen. Sicherlich fürchtete er, von den Angestellten des Ladens entdeckt und vertrieben zu werden.

Nun stand er wieder an einer Säule des Arkadenganges, in dem sich auch die Tische befanden, und er beobachtete das Geschehen ringsumher.
Ich schaute seinem Treiben von meinem Platz aus zu und sah, dass sich der Romajunge auf seinen „Beobachtungsposten“ zurückgezogen hatte. Dann beschloss ich, noch einmal in den Laden zu gehen, um dem Jungen etwas zu essen zu holen. Drinnen, von wo aus man die Szene ebenfalls beobachtet hatte, wurde wahrscheinlich mein Vorhaben erahnt und mir in gebrochenem Deutsch geraten: „Nix gute Idee für Hamburger und Junge.“
Ich lächelte und sagte in ebenfalls gebrochenem Rumänisch: „Doch, gute Idee!“ Dann verließ ich den Laden mit einem Hamburger und einer Limonade und setzte mich auf meinen alten Platz.

Der Junge beobachtete mein Tun von seiner Position aus, während ich den Hamburger und das Getränk auf die Tischseite vis à vis stellte und ihm durch ein Winken zu verstehen gab, dass die Sachen für ihn seien.

Langsam kam der Junge, sich ängstlich nach den Verkäufern im Imbissladen umschauend, auf meinen Tisch zu. Er hatte schwarzes Haar, das trotz seiner Kürze strubbelig war. Er trug eine lange weiß gestreifte Baumwollhose, die ihm zu lang und deshalb an den Beinenden zerrissen war. Dem Hemd, das er anhatte, sah man an, dass es ihm schon seit geraumer Zeit sowohl als Schlafanzug als auch als Tagesgarderobe diente. Außerdem schien er es von einem wesentlich größeren Menschen geerbt zu haben. Er war bestimmt nicht älter als neun Jahre. Seine großen braunen ehrlichen Augen sahen mich freundlich, jedoch etwas skeptisch an und spiegelten die Frage wider: Willst du mich verarschen oder meinst du es wirklich ernst mit dem Hamburger?

Jetzt stand er an meinem Tisch und ich deutete auf das Essen mir gegenüber. Ohne sich zu setzen, griff er den Hamburger, steckte ihn sich bis zur Hälfte in den Mund und schien ihn auf die gleiche Weise essen zu wollen wie ein paar Minuten zuvor das Hotdog.
„Langsam, langsam!“, sagte ich zu ihm. „Setz dich doch hin! Du hast Zeit und es nimmt dir keiner etwas weg!“
Zögernd begann sein vollgestopfter Mund zu kauen und während er mich etwas misstrauisch und verwundert anschaute, schob er sich über die Bank auf seinen Platz. Ich ließ ihn erst einmal in Ruhe essen. Er schaute sich die Dose Limonade an wie ein Weinexperte, der eine seltene alte Flasche Bordeaux betrachtet und deren Wert zu schätzen weiß. Dann öffnete er sie und trank die Limonade mit schnellen Schlucken aus. In nicht ganz einer Minute hatte er sein Menü verdrückt.
„Mulţumesc“, bedankte er sich. „Sprichst du vielleicht auch ungarisch? Das kann ich besser als rumänisch …“
Ich bejahte und freute mich darüber, dass er nicht gleich wieder auf seinen „Beobachtungsposten“ ging, sondern sich noch etwas mit mir unterhalten wollte. „Ungarisch kann ich sogar wesentlich besser sprechen als rumänisch“, sagte ich und versuchte so, ein Gespräch einzuleiten. „Hast du oft Ärger mit den Leuten vom Imbissgeschäft?“
„Ärger kann man so nicht sagen“, antwortete der Junge mit einem verschmitzten Grinsen. „Die haben halt nur was dagegen, wenn ich die Leute, die hier sitzen, frage, ob ich was abhaben kann. Die nennen das betteln – aber irgendwoher muss ich ja was zu futtern für mich und meinen Bruder bekommen. Seitdem ich aber nur kurz hingehe, wenn die Leute etwas zu essen liegen lassen haben, und ich mich dann schnell wieder aus dem Staub mache, sagen sie eigentlich nichts mehr. Aber es kommt selten vor, dass die Leute was übrig lassen.“ Er machte eine kurze Pause und schoss dann heraus, als wäre dies eine Frage, die ihm sehr unter den Nägeln brannte: „Wo kommst du eigentlich her?“

Ich erzählte ihm kurz etwas über mich und sagte ihm, dass ich Fotograf sei und mein Hauptthema das Volk der Roma wäre, dass ich eigentlich nach Zalău wollte, es mich aber – dank der Eisenbahn – hierher nach Satu Mare verschlagen hätte. Ich sagte ihm auch, dass ich mir gut vorstellen könnte, für ein paar Tage hierzubleiben, da ich vom Auto aus eine Romasiedlung gesehen hätte, in der die Menschen anscheinend Lehmziegel herstellten. „Kommst du vielleicht aus dieser Siedlung?“, fragte ich den Jungen.
„Nein“, antwortete er, „ich bin aus der Nähe von Cluj. Meine Eltern haben aber verdammt wenig Kohle und so kommt es, dass ich mit meinem Bruder im Sommer durch die Gegend ziehe. Hier versorgen wir uns selbst und schnorren uns auch etwas Geld zusammen, damit wir was für den Winter haben, wenn wir wieder in Cluj sind.“
„Aha“, gab ich etwas staunend von mir. „Und dein Bruder, wo ist der gerade?“
„Da drüben!“ Er zeigte auf eine der vielen Neubau-Ruinen, die ebenfalls den Platz säumten – Häuser, die in kommunistischer Zeit ihren Baubeginn erfuhren, um dann im Postkommunismus wieder zu verfallen. „Da drüben haben wir unsere Bleibe hier in Satu Mare. Da übernachten wir mit anderen Kindern, die es genauso machen wie wir. Nur mein Bruder braucht viel Schlaf, weißt du? Der ist nämlich nicht ganz dicht … Ich meine, er ist krank, krank geboren. Ach ja, ich heiße Tamás und du?“
Ich sagte ihm meinen Namen und schlug vor, dass wir uns hier treffen könnten, wenn ich abends von meinen Touren wieder nach Satu Mare zurückkäme, damit ich ihnen ein Abendbrot ausgeben könne.
„Tolles Angebot!“, freute er sich. „Aber wieso machst du das eigentlich? Wenn das die anderen Kinder aus der Ruine mitbekommen, dann hast du aber ein mittelgroßes Problem.“
Ich lächelte etwas bitter.
„Aber keine Angst!“, sagte Tamás weiter. „Die meisten von denen sind um diese Zeit schon reichlich mit Aurolac vollgepumpt.“
„Mit was vollgepumpt?“, fragte ich.
„Na, mit Aurolac! Das ist so’n Kram, den man in Farben machen kann. Aber man kann ihn auch schnüffeln, so, wie der da!“ Er zeigte auf die Ruine, in der gerade sein Bruder schlief. Am Fenster sah ich einen Jungen, der sich eine Plastiktüte vor Mund und Nase hielt und kräftig zu inhalieren schien. Bei jedem Atemzug, den der Junge tat, schrumpfte die Plastiktüte, beim Ausatmen dann blähte sie sich wieder auf. „Ich mache so was aber nicht. Ich bin doch nicht blöd! Wenn man das Zeug geatmet hat, läuft man rum wie ein Zombie und bekommt nichts mehr mit. Was meinst du, wie schnell man da beklaut werden kann! Und außerdem kann man auch davon sterben. Zwei von meinen Bekannten sind schon bei den Engeln. Aber nun muss ich langsam los. In der katholischen Kirche ist gleich der Gottesdienst vorbei und ich muss mir noch ein paar Leu für den Winter verdienen.“

Am nächsten Tag lernte ich dann auch den Bruder kennen. Er war etwa zwei Jahre älter als Tamás und man sah ihm seine geistige Behinderung deutlich an. Trotzdem waren die Geschwister ein Team: Der Bruder saß mitleiderregend auf der Straße und guckte starr vor sich hin, während Tamás in einem Coca-Cola-Plastikbecher Geld von den Passanten einsammelte.

Am letzten Abend meines Satu-Mare-Aufenthaltes kam ich etwas früher von meiner Tour zurück. Ich ging wieder zum Platz, auf dem sich auch der Imbissladen befand, und ich setzte mich auf den Rand eines dieser Blumenkästen, die jeweils neben den Säulen in der Arkade standen. Von dort aus schaute ich mir das Treiben ringsumher an. Mitten auf dem Platz spielten Straßenkinder eine Art „Räuber und Gendarm“. Unter ihnen war auch Tamás, der gerade zwei andere Kinder, mit einer Spielzeugpistole in der Hand jagte. Erst nach einer ganzen Weile sah er mich, grüßte mich von Weitem und gab mir zu verstehen, dass ich warten solle und er gleich kommen würde. Er rief seinen Spielkameraden irgendetwas zu und kam dann zu mir gerannt.
Ein letztes Mal gingen wir zum Imbissladen und holten uns unser Abendbrot, setzten uns an einen der Tische und begannen zu essen. Ich sagte Tamás, dass ich in dieser Nacht weiter nach Zalău fahren würde.
„Na, dann werde ich wohl nicht mehr so günstig an einen Hamburger kommen“, antwortete er lachend.

Wir verabschiedeten uns mit Handschlag und ich machte mich auf den Weg ins Hotel. Als ich ein paar hundert Meter gegangen war, hörte ich Tamás meinen Namen rufen und sah, wie er hinter mir her rannte. „Pass auf, du bist doch Fotograf“, keuchte er. „Ich lasse mich zwar nicht gerne fotografieren, aber vielleicht kannst du ja mit diesem Foto was anfangen?“ Tamás stellte sich vor mich hin und hielt seine Pistole direkt in Richtung meiner Kamera.
Ich drückte einfach ab – wohl mehr, um Tamás einen Gefallen zu tun als wirklich etwas mit dieser Aufnahme anfangen zu wollen.
Heute aber ist dieses Bild auf einigen meiner Ausstellungen zu sehen.

***

Jetzt schreiben wir das Jahr 2009 (Tamás dürfte wohl schon über 20 Jahre alt sein) und die Situation der Straßenkinder in Rumänien oder Bulgarien hat sich nicht wirklich verbessert. Es gibt keine offiziellen Statistiken über die Zahl der obdachlosen Minderjährigen, nur vage Schätzungen, die eine Toleranz von 200 Prozent beinhalten.

Die vergessenen Kinder haben in der Welt von Turbo-Kapitalismus, Renditen, Karriere, Korruption und Geld einfach keine Chance. Sie werden durch uns, durch unsere Ignoranz und Selbstsucht zur Kriminalität, zum Betteln, zur Prostitution und zum Hass gezwungen, um überleben zu können. Viele gewinnen diesen Überlebenskampf nicht. Sie werden Opfer von Drogen oder Freiern. Sie werden Opfer der eigenen Resignation, die dann im Selbstmord endet.

Tamás und sein Bruder nehmen ihr Los noch mit einer gewissen Gelassenheit, da sie sich fast sicher sein können, im Herbst wieder bei ihren Eltern zu sein. Es ist ein Strohhalm, an den sie sich klammern, die Hoffnung auf eine Verbesserung…

(c) by Helge Lindau