Fragmente I -Der Imbissladen

von Helge Lindau

In der Serie „Fragmente“ möchte ich einige Episoden von meinen Reisen zu den Roma in Osteuropa erzählen. „Fragmente“ auch deswegen, da die Geschichten aus den Kontexten genommen wurden, um die Stimmung einer Situation zu vermitteln.

Satu Mare – Der Imbissladen
Die Bremsen des Zuges quietschten erneut und brachten ihn nun endgültig zum Stehen. Vor einer Stunde bin ich in Debrecen losgefahren und das geplante Ziel wäre eigentlich Zalău gewesen. Doch als ich mich bei der ungarischen Schaffnerin erkundigte, schien sie sich absolut nicht sicher zu sein, ob der Zug wirklich dort ankommen würde.
Nun standen wir an der ungarisch-rumänischen Grenze in der Nähe von Nyirábrány, einem kleinen Grenzdorf, und fast schien es, als würden die rumänischen Zollbeamten mit ihren umgehängten Kalaschnikows den Zug stürmen wollen.

Wir schrieben das Jahr 1996 und Rumänien war der Ära von Ceauşescu noch wesentlich näher als der freien Welt westlicher Scheindemokratien. Trotzdem schien mich mein deutscher Pass vor einer gründlichen Kontrolle zu schützen, während andere Mitreisende, vor allem Rumänen, draußen auf dem angedeuteten Bahnsteig ihre Koffer auspacken mussten.

Die ungarische Lokomotive wurde von den Wagen abgekoppelt, um einer noch nicht vorhandenen rumänischen Lok Platz zu machen. Nach einer Stunde des Wartens verbreitete sich das Gerücht, dass der Zug hier seine Endstation haben würde und der nächste Zug nach Zalău voraussichtlich erst gegen 21 Uhr fahren solle. Es war gerade erst 13.30 Uhr.

Durch die jahrelange Mangelwirtschaft sind die Rumänen jedoch Meister der Improvisation geworden. Die Passagiere überquerten die Grenze nach Rumänien einfach zu Fuß. Vor der kleinen rumänischen Bahnstation war ein Parkplatz, auf dem schon selbst ernannte Taxifahrer mit ihren klapprigen Dacias warteten, um die Fahrgemeinschaften, die sich während des kurzen Ganges über die Grenze gebildet hatten, aufzunehmen. Leider fuhr keiner der Chauffeure nach Zalău, doch fand ich noch Platz in einem Auto, das nach Satu Mare fuhr.
Satu Mare ist ca. 70 Kilometer von Nyírábrány entfernt und hat einen größeren Bahnhof, von dem aus bestimmt ein Zug nach Zalău gehen würde.
Der Platz neben dem Fahrer war noch frei. Auf der Rückbank saß ein älteres Pärchen, das schon nach der Hälfte der Strecke sein Ziel erreicht hatte.

Nach einer etwa 90-minütigen Fahrt kam ich in Satu Mare an und beschloss, vielleicht doch ein paar Tage hierzubleiben, da ich während der Fahrt mit dem Dacia eine Romasiedlung gesehen hatte, der ich gerne einen Besuch abgestattet hätte. Langsam machte sich auch mein Magen bemerkbar und mir fiel ein, dass ich schon seit meiner Abfahrt heute Vormittag in Debrecen noch nichts gegessen hatte. Auf der Suche nach einem Restaurant fand ich dann schließlich auf einem Platz, der von wuchtigen Gebäuden à la Ceauşescu gesäumt war, eine Art Imbissgeschäft, vor dem ein paar Holzbänke und Tische standen. Gewiss erwarteten mich hier keine kulinarischen Kostbarkeiten, doch mein Magen war genügsam und durch die viele Reisen schon an Speisen gewöhnt, die diese Bezeichnung bestimmt nicht verdient hatten.

Ich betrat also das Geschäft und hatte die Auswahl zwischen Hotdog und Hamburger, wobei ich Letzteres wählte. Draußen waren von den vier Tischen nur zwei besetzt. Ich setzte mich an einen der freien und beobachtete beim Essen die Vorübergehenden, die anscheinend wie ich das Kommen des etwas kühleren Abends genossen. In der Nähe der beiden anderen besetzten Tische bemerkte ich einen Jungen, der die dort sitzenden Jugendlichen beim Essen beobachtete. Es dauerte auch nicht lange, bis die Beobachteten ebenfalls auf den Jungen aufmerksam wurden und anfingen, ihn zu vertreiben: „Verpiss dich, du Penner! Hol dir dein Fressen aus’m Müllcontainer, du Scheißzigeuner!“

Der Junge schien solche Beschimpfungen öfter zu hören, denn seine Reaktion darauf war eher gelassen und bestand lediglich darin, ein paar Meter weiter vom Tisch weg in Richtung des gepflasterten Platzes zu gehen. Die jungen Leute waren mit ihren Essen fertig und machten sich zum Gehen auf, als der Junge unbemerkt näher kam, um sich die Reste auf dem mit Ketchup und Cola verschmierten Tisch anzuschauen. Und gerade als die Jugendlichen in Richtung des Platzes aufgebrochen waren, stürmte der Junge auf den Tisch zu, um sich über den Rest eines Hotdogs, das zwischen zerdrückten Coladosen und benutzen Servietten lag, herzumachen. Wie ein Adler fixierte er den Essensrest, stopfte ihn in seinen Mund und verschluckte ihn, ohne vorher zu kauen – wohl aus Angst, ein anderer könnte ihm den Bissen noch in seinem Mund streitig machen.
Kaum hatte er den Rest des Tisches nach Brauchbarem untersucht, begab er sich wieder in sichere Entfernung zu dem Imbissladen. Sicherlich fürchtete er, von den Angestellten des Ladens entdeckt und vertrieben zu werden.

Nun stand er wieder an einer Säule des Arkadenganges, in dem sich auch die Tische befanden, und er beobachtete das Geschehen ringsumher.
Ich schaute seinem Treiben von meinem Platz aus zu und sah, dass sich der Romajunge auf seinen „Beobachtungsposten“ zurückgezogen hatte. Dann beschloss ich, noch einmal in den Laden zu gehen, um dem Jungen etwas zu essen zu holen. Drinnen, von wo aus man die Szene ebenfalls beobachtet hatte, wurde wahrscheinlich mein Vorhaben erahnt und mir in gebrochenem Deutsch geraten: „Nix gute Idee für Hamburger und Junge.“
Ich lächelte und sagte in ebenfalls gebrochenem Rumänisch: „Doch, gute Idee!“ Dann verließ ich den Laden mit einem Hamburger und einer Limonade und setzte mich auf meinen alten Platz.

Der Junge beobachtete mein Tun von seiner Position aus, während ich den Hamburger und das Getränk auf die Tischseite vis à vis stellte und ihm durch ein Winken zu verstehen gab, dass die Sachen für ihn seien.

Langsam kam der Junge, sich ängstlich nach den Verkäufern im Imbissladen umschauend, auf meinen Tisch zu. Er hatte schwarzes Haar, das trotz seiner Kürze strubbelig war. Er trug eine lange weiß gestreifte Baumwollhose, die ihm zu lang und deshalb an den Beinenden zerrissen war. Dem Hemd, das er anhatte, sah man an, dass es ihm schon seit geraumer Zeit sowohl als Schlafanzug als auch als Tagesgarderobe diente. Außerdem schien er es von einem wesentlich größeren Menschen geerbt zu haben. Er war bestimmt nicht älter als neun Jahre. Seine großen braunen ehrlichen Augen sahen mich freundlich, jedoch etwas skeptisch an und spiegelten die Frage wider: Willst du mich verarschen oder meinst du es wirklich ernst mit dem Hamburger?

Jetzt stand er an meinem Tisch und ich deutete auf das Essen mir gegenüber. Ohne sich zu setzen, griff er den Hamburger, steckte ihn sich bis zur Hälfte in den Mund und schien ihn auf die gleiche Weise essen zu wollen wie ein paar Minuten zuvor das Hotdog.
„Langsam, langsam!“, sagte ich zu ihm. „Setz dich doch hin! Du hast Zeit und es nimmt dir keiner etwas weg!“
Zögernd begann sein vollgestopfter Mund zu kauen und während er mich etwas misstrauisch und verwundert anschaute, schob er sich über die Bank auf seinen Platz. Ich ließ ihn erst einmal in Ruhe essen. Er schaute sich die Dose Limonade an wie ein Weinexperte, der eine seltene alte Flasche Bordeaux betrachtet und deren Wert zu schätzen weiß. Dann öffnete er sie und trank die Limonade mit schnellen Schlucken aus. In nicht ganz einer Minute hatte er sein Menü verdrückt.
„Mulţumesc“, bedankte er sich. „Sprichst du vielleicht auch ungarisch? Das kann ich besser als rumänisch …“
Ich bejahte und freute mich darüber, dass er nicht gleich wieder auf seinen „Beobachtungsposten“ ging, sondern sich noch etwas mit mir unterhalten wollte. „Ungarisch kann ich sogar wesentlich besser sprechen als rumänisch“, sagte ich und versuchte so, ein Gespräch einzuleiten. „Hast du oft Ärger mit den Leuten vom Imbissgeschäft?“
„Ärger kann man so nicht sagen“, antwortete der Junge mit einem verschmitzten Grinsen. „Die haben halt nur was dagegen, wenn ich die Leute, die hier sitzen, frage, ob ich was abhaben kann. Die nennen das betteln – aber irgendwoher muss ich ja was zu futtern für mich und meinen Bruder bekommen. Seitdem ich aber nur kurz hingehe, wenn die Leute etwas zu essen liegen lassen haben, und ich mich dann schnell wieder aus dem Staub mache, sagen sie eigentlich nichts mehr. Aber es kommt selten vor, dass die Leute was übrig lassen.“ Er machte eine kurze Pause und schoss dann heraus, als wäre dies eine Frage, die ihm sehr unter den Nägeln brannte: „Wo kommst du eigentlich her?“

Ich erzählte ihm kurz etwas über mich und sagte ihm, dass ich Fotograf sei und mein Hauptthema das Volk der Roma wäre, dass ich eigentlich nach Zalău wollte, es mich aber – dank der Eisenbahn – hierher nach Satu Mare verschlagen hätte. Ich sagte ihm auch, dass ich mir gut vorstellen könnte, für ein paar Tage hierzubleiben, da ich vom Auto aus eine Romasiedlung gesehen hätte, in der die Menschen anscheinend Lehmziegel herstellten. „Kommst du vielleicht aus dieser Siedlung?“, fragte ich den Jungen.
„Nein“, antwortete er, „ich bin aus der Nähe von Cluj. Meine Eltern haben aber verdammt wenig Kohle und so kommt es, dass ich mit meinem Bruder im Sommer durch die Gegend ziehe. Hier versorgen wir uns selbst und schnorren uns auch etwas Geld zusammen, damit wir was für den Winter haben, wenn wir wieder in Cluj sind.“
„Aha“, gab ich etwas staunend von mir. „Und dein Bruder, wo ist der gerade?“
„Da drüben!“ Er zeigte auf eine der vielen Neubau-Ruinen, die ebenfalls den Platz säumten – Häuser, die in kommunistischer Zeit ihren Baubeginn erfuhren, um dann im Postkommunismus wieder zu verfallen. „Da drüben haben wir unsere Bleibe hier in Satu Mare. Da übernachten wir mit anderen Kindern, die es genauso machen wie wir. Nur mein Bruder braucht viel Schlaf, weißt du? Der ist nämlich nicht ganz dicht … Ich meine, er ist krank, krank geboren. Ach ja, ich heiße Tamás und du?“
Ich sagte ihm meinen Namen und schlug vor, dass wir uns hier treffen könnten, wenn ich abends von meinen Touren wieder nach Satu Mare zurückkäme, damit ich ihnen ein Abendbrot ausgeben könne.
„Tolles Angebot!“, freute er sich. „Aber wieso machst du das eigentlich? Wenn das die anderen Kinder aus der Ruine mitbekommen, dann hast du aber ein mittelgroßes Problem.“
Ich lächelte etwas bitter.
„Aber keine Angst!“, sagte Tamás weiter. „Die meisten von denen sind um diese Zeit schon reichlich mit Aurolac vollgepumpt.“
„Mit was vollgepumpt?“, fragte ich.
„Na, mit Aurolac! Das ist so’n Kram, den man in Farben machen kann. Aber man kann ihn auch schnüffeln, so, wie der da!“ Er zeigte auf die Ruine, in der gerade sein Bruder schlief. Am Fenster sah ich einen Jungen, der sich eine Plastiktüte vor Mund und Nase hielt und kräftig zu inhalieren schien. Bei jedem Atemzug, den der Junge tat, schrumpfte die Plastiktüte, beim Ausatmen dann blähte sie sich wieder auf. „Ich mache so was aber nicht. Ich bin doch nicht blöd! Wenn man das Zeug geatmet hat, läuft man rum wie ein Zombie und bekommt nichts mehr mit. Was meinst du, wie schnell man da beklaut werden kann! Und außerdem kann man auch davon sterben. Zwei von meinen Bekannten sind schon bei den Engeln. Aber nun muss ich langsam los. In der katholischen Kirche ist gleich der Gottesdienst vorbei und ich muss mir noch ein paar Leu für den Winter verdienen.“

Am nächsten Tag lernte ich dann auch den Bruder kennen. Er war etwa zwei Jahre älter als Tamás und man sah ihm seine geistige Behinderung deutlich an. Trotzdem waren die Geschwister ein Team: Der Bruder saß mitleiderregend auf der Straße und guckte starr vor sich hin, während Tamás in einem Coca-Cola-Plastikbecher Geld von den Passanten einsammelte.

Am letzten Abend meines Satu-Mare-Aufenthaltes kam ich etwas früher von meiner Tour zurück. Ich ging wieder zum Platz, auf dem sich auch der Imbissladen befand, und ich setzte mich auf den Rand eines dieser Blumenkästen, die jeweils neben den Säulen in der Arkade standen. Von dort aus schaute ich mir das Treiben ringsumher an. Mitten auf dem Platz spielten Straßenkinder eine Art „Räuber und Gendarm“. Unter ihnen war auch Tamás, der gerade zwei andere Kinder, mit einer Spielzeugpistole in der Hand jagte. Erst nach einer ganzen Weile sah er mich, grüßte mich von Weitem und gab mir zu verstehen, dass ich warten solle und er gleich kommen würde. Er rief seinen Spielkameraden irgendetwas zu und kam dann zu mir gerannt.
Ein letztes Mal gingen wir zum Imbissladen und holten uns unser Abendbrot, setzten uns an einen der Tische und begannen zu essen. Ich sagte Tamás, dass ich in dieser Nacht weiter nach Zalău fahren würde.
„Na, dann werde ich wohl nicht mehr so günstig an einen Hamburger kommen“, antwortete er lachend.

Wir verabschiedeten uns mit Handschlag und ich machte mich auf den Weg ins Hotel. Als ich ein paar hundert Meter gegangen war, hörte ich Tamás meinen Namen rufen und sah, wie er hinter mir her rannte. „Pass auf, du bist doch Fotograf“, keuchte er. „Ich lasse mich zwar nicht gerne fotografieren, aber vielleicht kannst du ja mit diesem Foto was anfangen?“ Tamás stellte sich vor mich hin und hielt seine Pistole direkt in Richtung meiner Kamera.
Ich drückte einfach ab – wohl mehr, um Tamás einen Gefallen zu tun als wirklich etwas mit dieser Aufnahme anfangen zu wollen.
Heute aber ist dieses Bild auf einigen meiner Ausstellungen zu sehen.

***

Jetzt schreiben wir das Jahr 2009 (Tamás dürfte wohl schon über 20 Jahre alt sein) und die Situation der Straßenkinder in Rumänien oder Bulgarien hat sich nicht wirklich verbessert. Es gibt keine offiziellen Statistiken über die Zahl der obdachlosen Minderjährigen, nur vage Schätzungen, die eine Toleranz von 200 Prozent beinhalten.

Die vergessenen Kinder haben in der Welt von Turbo-Kapitalismus, Renditen, Karriere, Korruption und Geld einfach keine Chance. Sie werden durch uns, durch unsere Ignoranz und Selbstsucht zur Kriminalität, zum Betteln, zur Prostitution und zum Hass gezwungen, um überleben zu können. Viele gewinnen diesen Überlebenskampf nicht. Sie werden Opfer von Drogen oder Freiern. Sie werden Opfer der eigenen Resignation, die dann im Selbstmord endet.

Tamás und sein Bruder nehmen ihr Los noch mit einer gewissen Gelassenheit, da sie sich fast sicher sein können, im Herbst wieder bei ihren Eltern zu sein. Es ist ein Strohhalm, an den sie sich klammern, die Hoffnung auf eine Verbesserung…

(c) by Helge Lindau

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