Fragmente II -Hotel Hyatt

von Helge Lindau

Ich suchte im Schatten des letzten Hauses vor der langen Brücke noch etwas Schutz vor der gleißenden Sonne, bevor ich den Gang über die Brücke wagen wollte. Eigentlich war es unvernünftig von mir, schon so früh am Nachmittag einen Termin zu machen, musste mir doch klar sein, dass mir die Hitze endlos zusetzen würde. Nur wenige Wolken waren am Himmel zu sehen, es wehte kaum ein Lüftchen; trotzdem wartete ich auf eine Gelegenheit, über die Brücke zu kommen. Hierzu brauchte sich nur eine Wolke vor die Sonne zu schieben, um mir so den nötigen Schatten zur Überquerung zu spenden.

Ich war heute schon in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um mir die Wunden der NATO-Luftangriffe anzuschauen, die vor einem knappen Jahr das Unheil hierher gebracht hatten. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben, Tausende wurden verletzt – ich rede von Zivilisten – also Kinder, Frauen und Männer, die den Generälen der NATO oder dem damaligen „grünen“ deutschen Aussenminister Fischer nichts angetan haben oder antun wollten. Wer dabei als Sieger herauskam, war offensichtlich: die Rüstungsindustrie sowie die dahinterstehenden Banken.

Das Verteidigungsministerium war eine eine einzige Ruine; viele Häuser, so auch ein Krankenhaus und eine Schule in der Nähe des Ministeriums, wurden so stark beschädigt, dass hier nur noch ein Abriss helfen konnte. Das zivile Hochhaus und die chinesische Botschaft auf der anderen Seite des Flusses Save wurden ebenfalls getroffen, obwohl sich in der Nähe dieser Gebäude nicht ein einziges militärisches Objekt befand. Während meiner weiteren Tour fragte ich mich, wieso gerade die chinesische Botschaft bombardiert worden war? Das sollte aber nicht der einzige Angriff auf zivile Objekte bleiben: Ein paar Monate später, als die NATO versuchte, eventuelle serbische „Faschisten“ aus dem Kosovo herauszubomben, trafen unvermittelt vier Raketen – rein zufällig – ein Wohnhaus in Sofia, das etwa zweihundert Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt war. Der flapsige und zugleich genervt klingende Kommentar des NATO-Generals Clark war dann vor laufenden Kameras: „…nur ein Kollateralschaden…“
Immer noch zog sich eine Spur der Verwüstung durch Belgrad, doch die Menschen gingen ihren normalen Tagesgeschäften nach und versuchten, sofern sie sich unter freiem Himmel befanden, ein schattiges Plätzchen zu ergattern, denn die Sonne brannte erbarmungslos.

Diese Woche sollte später als die heißeste jemals gemessene Woche in die Geschichte der Stadt eingehen. Obwohl ich im Schatten stand, gab die Teerdecke des Bürgersteigs nach, und ich musste oftmals meine Standposition ändern, damit ich nicht zu tief in das Bitumen einsank.
Ich blickte wieder in den Himmel und beobachtete eine Wolke, die langsam aber stetig auf die Sonne zustrebte. In ein paar Minuten würde ich es wagen können, möglichst zügig über die Brücke zu gehen.
Am anderen Ende der Brücke gab es einen Stadtpark mit einigen Cafés, Restaurants und Imbissbuden. In einem dieser Lokale würde ich Pause machen und meine ‚Verabredung‘ treffen.

Ein paar Meter war ich schon auf der Brücke unterwegs, auf der ich nur die Ausdünstungen des aufgeweichten Straßenbelages roch, die einem das Atmen schwer machten. Gerade, als ich dachte, die Größe der Wolke würde sicher nicht ausreichen, mir den gesamten Weg über die Brücke zu beschatten, kam die Sonne wieder hervor und schien erbarmungslos auf meinen Kopf. Ich hatte wohl Richtung oder Größe der Wolke etwas unterschätzt, denn es lagen immer noch etwa 400 Meter der Brücke vor mir. Mein Hemd klebte an meinem Körper. Der Umhängeriemen meiner Kameratasche war vom Schweiß durchnässt und scheuerte meine Schulter wund. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich durch heiße Tage schleppte, doch dieses Mal wurden mir die Kameras zu einer wirklichen Last.

Inzwischen hatte ich weit über die Hälfte der Brückenlänge hinter mich gebracht und schaute auf meine Uhr. Es war Viertel vor zwei. Um zwei Uhr war ich mit Dragana verabredet, würde also pünktlich sein.

Endlich war ich im Stadtpark und suchte sofort Schutz in einer Allee schattenspendender Bäume. Dort ließ ich mich auf einer Parkbank nieder und verschnaufte erst einmal fünf Minuten, um dann zum verabredeten Cafégarten zu gehen. Dragana wartete schon auf mich.

Dragana war ein 12-jähriges Mädchen mit langem schwarzen Haar, das zu vielen Zöpfen geflochten war. Sie wirkte etwas schlaksig und hatte lange dünne Arme, die durch die großen, jedoch feingliedrigen Hände noch zerbrechlicher wirkten. Man sah ihr an, dass der Körper am Überlegen war „Soll ich noch eine Weile Kind bleiben oder fange ich mit der Metamorphose zum Frauenkörper an?“. Die Anfänge der Umwandlung waren bereits gemacht, und man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass sie einmal eine schöne Frau werden würde.

Im Cafégarten waren wir die einzigen Besucher. Zwei Verkäuferinnen hatten es sich auf zwei Stühlen bequem gemacht, wobei sie noch zwei andere Stühle als Fußablage benutzen. Der Luftzug eines großen Ventilators war auf sie gerichtet. Eine der Frauen kühlte sich das Gesicht und die Stirn zusätzlich mit einer Fantadose, die sie gerade aus der Kühltruhe genommen hatte.
Nur kurz schauten sie zu uns herüber, als wir uns wie alte Freunde begrüßten.
Auf einer Tafel neben der Kühltruhe war in kyrillischen und lateinischen Buchstaben zu lesen, dass man hier „Kalte Getränke, Bier, Limonade, Café und Eis“ bekommen könnte.

„Was möchtest du trinken?“, fragte ich Dragana.
„Kann ich mir auch zwei Sachen wünschen?“, fragte sie im akzentfreien Deutsch zurück.
„Wenn es mich nicht finanziell ruiniert, dann darfst du das natürlich.“
„Dann hätte ich gerne ein Eis. Die haben hier so etwas ähnliches wie ‚Nogger‘ in Deutschland. Dazu dann bitte noch eine Limonade.“

Ich hatte ein Jahr zuvor die Familie von Dragana in Berlin kennen gelernt. Dragana ging dort zur Schule, gehörte mit zu den Guten in ihrer Klasse, hatte einen großen Kreis von Freundinnen und freute sich auf die neuesten Kinofilme, die sie sich dann immer mit ihrer Lieblingsfreundin Anna anschaute. Sie las gern, am liebsten ‚Die Drei Fragezeichen‘. Es unterschied sie nichts von den anderen Kindern, die in dieser Stadt lebten. Selbst ihre etwas dunklere Hautfarbe war – in dieser Stadt, die sich ‚Multikulturalität‘ auf die Fahne geschrieben hat – in keinster Weise auffällig.

Die Familie war fünf Jahren zuvor nach Berlin gekommen. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan, bei dem ihr Volk eine besondere Stellung einnahm, denn sie wurden von allen kriegsführenden Parteien gleichermaßen verfolgt und gehasst. Sie führten weder Krieg noch besaßen sie Waffen – deswegen hatten sie auch keine Lobby. Sie wurden nur aus einem einzigen einfachen Grund verfolgt: Sie waren Roma, stinkende Zigeuner, Lumpenpack, Parasiten. Das Haus von Draganas Familie wurde angezündet, woraufhin die Familie in die Berge floh. Dort versteckten sie sich mehrere Tage mit anderen Romafamilien aus ihrer Siedlung. Als sie keine Lebensmittel mehr hatten, schlichen sie sich durch die Fronten. Aber egal, auf welche Seite der Front sie auch gelangten: Sie waren von Feinden umgeben, bis sie auf einen SFOR-Konvoi stießen.

Dann ging alles sehr schnell.

Den Kulturschock, in Berlin zu sein, hatten sie rasch überwunden. Zuerst wohnten sie in einem Asylantenheim, jedoch nach einiger Zeit konnten sie eine Wohnung beziehen, da der Vater eine vorübergehende Arbeitserlaubnis bekam und einen Job im Supermarkt aufnehmen konnte. Sie lebten sich ein, schafften das, was ihnen über Generationen in ihrer eigentlichen Heimat nicht gelungen war, sich nämlich selbst in die Gesellschaft zu integrieren, ohne sich assimilieren zu lassen.

Vor einem Jahr hatten dann Bürokraten entschieden, dass das Heimatland der Familie, nämlich Serbien, für sie nicht mehr gefährlich sei. ‚Wie bitte?‘, fragte sich Draganas Familie. ‚Unser Haus ist niedergebrannt. Unser Clan ist in alle Richtungen versprengt. In unserer `Heimat` macht man immer noch Jagd auf die Roma. Unsere Kinder sprechen deutsch und englisch, aber kein serbisch mehr, und mit Romanes kann man in der Schule nichts anfangen. Unsere Heimat ist doch jetzt hier!‘

So wurden sie, nach knapp sechsjährigem Wohnen in Berlin, zusammen mit Hunderten von anderen Roma zurück in das noch unbefriedete und zerstörte Restjugoslawien geschickt.

Der Regierung in Belgrad waren die Roma schon immer ein Dorn im Auge, und so wurden auch keine Maßnahmen getroffen, den zurückkehrenden Flüchtlingen in irgendeiner Art zu helfen, geschweige denn, ihnen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. In Belgrad gab es insgesamt drei Elendsviertel, die fast ausschließlich von Roma bewohnt wurden. Die beiden größten waren ‚das alte Betonwerk‘ und ‚Hyatt‘. Diese Viertel platzten nun – ob der Ankunft der ‚Berliner‘ und ‚Wiener‘ – aus allen Nähten. Denn auch aus der österreichischen Hauptstadt wurden jugoslawische Romaflüchtlinge zurück in ihre Heimat geschickt. Als dies alles geschah, schauten die Medien absichtlich weg, so dass die Öffentlichkeit von den Massenausweisungen aus Deutschland und Österreich kaum etwas mitbekamen.

Dragana lebte mit ihrer Familie im ‚Hyatt‘. Das Viertel hat seinen Namen von einem Hotel-Prunkbau, welches man in der Nachbarschaft zum Ghetto errichtet hatte.
Richtige Häuser gab es im Ghetto kaum. Die meisten Unterkünfte waren Hütten – aus Wellblech, Brettern und Plastikplanen zusammengezimmert. Über einen Teil des Ghettos verlief die große Savebrücke, auf der Tag und Nacht der Lastwagenverkehr der Europastraße 70 donnerte.
Wer in Hyatt gelandet war, für den war nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart verbaut.

Dragana saß mir am Tisch gegenüber. Das letzte Mal hatten wir uns kurz vor der Abschiebung in Berlin gesehen und sprachen über das, was in der Zwischenzeit passiert war. In der Schule wurde sie zwei Klassen tiefer bei den 10-jährigen eingeschult, da sie nur sehr mangelhaft serbisch sprach. Nur mit Schwierigkeiten konnte es verhindert werden, dass sie auf eine Sonderschule für Lernunwillige kam. Überhaupt wunderte man sich, dass ein Zigeunermädchen unbedingt auf die Schule wollte.
Ihr häusliches Umfeld war trostlos. Der Vater hatte wieder das Trinken angefangen, die Mutter hing ständig der Zeit in Berlin nach und weinte oft. Von den paar Mark, die sie in Deutschland zusammengespart hatten, konnten sie sich wenigstens ein kleines Zwei-Zimmer-Haus aus Steinziegeln kaufen. Das Grundstück lag am Rande von Hyatt an der Peripherie zwischen Roma und Belgradern.

„Komm mit!“ sagte Dragana, „Ich will dir unser neues Zuhause zeigen!“
Wir tranken unsere Limonade aus und gingen zurück zum Ufer der Save. Hier lagen noch die Discoschiffe, die Abend für Abend hunderte von Jugendlichen anlockten. Doch einen Kilometer weiter traute sich kein Belgrader mehr, denn dort begann HYATT!
Die ersten Bars auf den Schiffen, die solche Namen wie „La Havanna“ oder „Miami“ trugen, öffneten gerade, als wir das Ufer erreichten. Auf der anderen Seite der Save, auf einem Hügel, erhob sich protzig der Rohbau der Kirche, die die prächtigste serbisch-orthodoxe des Landes werden sollte. Am Ufer standen vereinzelt Bäume, in deren Schatten wir gemütlich dahinschlenderten. An den schattenlosen Stellen beschleunigten wir unsere Schritte, um den nächsten Schatten zu erreichen.

„Wir gehörten zu den Ersten, die neu in Hyatt ankamen. So konnten wir uns noch zu einem erträglichen Preis ein Häuschen kaufen. Für die Leute, die später kamen, sah es düsterer aus, denn zum Preis unseres Hauses bekamen die dann gerade noch eine Wellblechhütte mitten im Ghetto.“, begann Dragana wieder zu erzählen.
„Abends oder am späten Nachmittag gehe ich auch nicht mehr raus. Es ist einfach zu gefährlich. Wenn die Leute nicht besoffen sind, dann haben sie irgendwelche Drogen genommen. Ständig gibt es Prügeleien, oder ein Besoffner raubt eine Besoffene aus oder vergewaltigt sie. Die Polizei kommt aber nur, wenn einer aus Hyatt etwas unrechtes außerhalb des Viertels angestellt hat. Was hier drinnen passiert, ist den Bullen aber scheißegal. Manchmal kommt es mir so vor, als freuten die sich, wenn wir uns hier gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Wir nährten uns dem Ghetto. Am Ufer unter der großen Savebrücke wuschen einige Romafrauen Wäsche im Fluss. Hierzu mussten sie die steile, betonierte Uferböschung hinunterklettern, wobei sie sich an einem Tau festhielten. Einige der Frauen grüßten uns, indem sie uns andeutungsweise zunickten. Andere sahen uns skeptisch hinterher, als wir einen kleinen staubigen Pfad neben den Brückenpfeilern hinauf gingen. Hier befanden sich schon die ersten heruntergekommenen Hütten. Ein paar Schritte weiter hatte man schon einen guten Überblick über den unteren Teil des Ghettos. Kreuz und Quer standen Hütten, Buden und Zelte aus Plastikplanen, dazwischen ein labyrinthisch wirkendes Netz aus Pfaden und Sandwegen. Von vielen Stellen stiegen Rauchsäulen auf – von Feuern, auf denen gerade gekocht wurde, oder von Feuern, die die Isolationen von Kupferkabeln abbrannten, was den Wert des Kupfers beim Schrotthändler erhöhte. Schrott und Papier waren die Haupteinnahmequellen der Bewohner von Hyatt. Überall konnte man dürftig zusammengebastelte Karren entdecken, mit denen dann die Ladungen Kupfer oder Pappe transportiert wurden. In der Luft lag eine Mischung aus verbranntem PVC und Müll, die durch die drückende Hitze noch dumpfer und unerträglicher wurde. Da dies jedoch nicht mein erster Besuch in einem solchen Lager war, wusste ich, dass man sich selbst an diesen Gestank schnell gewöhnen würde und selbigen nach spätestens zwanzig Minuten nicht mehr wahrnehmen würde.
Dragana schaute mich an und schien fragen zu wollen: ‚Na? hast du dir das so vorgestellt?‘
Ich zog nur die Augenbrauen hoch, machte ein gleichgültiges Gesicht und zuckte leicht und gleichgültig mit den Schultern.

Kinder beobachteten uns erst aus einer sicheren Entfernung. Doch als sich herausstellte, dass von uns keine Gefahr auszugehen schien, kamen sie näher, bis sich dann nach und nach eine Traube grölender Kinder um uns wand. Dragana spielte die Gleichgültige, aber man merkte ihr an, dass sie schon stolz darauf war, neben einem Mann zu gehen, der so gar nicht hierher passte.
Die Erwachsenen, denen wir begegneten, zeigten absolut kein Interesse an uns. Es kam mir im Gegenteil so vor, als gingen sie, nachdem sie uns bemerkten, noch konzentrierter und zielstrebiger ihren Weg weiter. Auch die Kinderschar verlor langsam das Interesse an uns, nachdem sie gemerkt hatte, dass es hier nichts zu holen gab – weder Geld noch Süßigkeiten. Ein Junge allerdings, der in Draganas Alter war, blieb bei uns. Schnell stellte sich heraus, dass er der Freund von Dragana war. Er hieß Zoran, war ordentlich gekleidet und sprach ebenfalls ein fast akzentfreies Deutsch. Seine Geschichte ähnelte der von Dragana sehr, mit dem Unterschied, dass seine Familie vor dem Exil in Deutschland auch noch knapp zwei Jahre in Ungarn Asyl gefunden hatte. Von daher konnte Zoran neben serbisch und romanes auch noch ungarisch, deutsch und englisch sprechen, und dies in einer Perfektion, die mich erstaunte.

„Heute Abend fängt hier eine Hochzeit an.“, sagte Zoran.
„Wieso fängt denn die Hochzeit an?“, fragte ich und ging davon aus, dass er doch ein paar deutsche Wörter durcheinander gebracht hatte, indem er ‚fängt‘ mit ‚ist‘ verwechselte.
„Na ja, die Hochzeit fängt nun eben heute Abend an und wird über mehrere Tagen gehen. Eine Hochzeitsfeier unter drei Tagen ist keine Feier.“

In einer Entfernung von etwa 200 Metern sah ich, wie ein paar Leute Tische und Bänke in der Mitte unter der Savebrücke aufbauten. Andere waren gerade damit beschäftigt, große Lautsprecherboxen auf dafür vorgesehene Stative zu hieven. Aus einem Radiorecorder, der anscheinend auf volle Lautstärke gestellt war, plärrte Discomusik und wurde nur noch vom Gegröle zweier Betrunkener übertönt, die halbnackt vor ihrer Hütte lagen und sich den Rest einer Flasche Sljivovic teilten. Überhaupt spielte sich das ganze Leben in der Öffentlichkeit ab. Man lag vor den Hütten auf alten Matratzen oder Sofas. Man kochte im schattenspendenden Schutz der Brücke auf Lagerfeuern oder auf lädierten Küchenöfen. Auf zwei Sesseln saßen Frauen, die sich angeregt unterhielten und dabei ihre Kinder stillten. Nicht weit davon stand ein Jugendlicher und schürte ein Feuer, dessen Flammen giftig grünlich und blau züngelten. Er war gerade dabei, Kabelisolation zu verbrennen. Gleich nebenan verkauften zwei junge Männer aus dem geöffneten Kofferraum eines alten Ladas Obst und Gemüse, das ihre Frische durch die Hitze des Tages bereits eingebüßt hatte. Es herrschte überall ein reges Treiben, verursacht vor allem durch die vielen Kinder, die sich balgten, die rannten, spielten und sich jagten.

„Komm!“, sagte Dragana, „ich werde dir jetzt mal unser Haus zeigen. Sind nur noch ein paar Minuten bis dorthin.“
Wir gingen vorbei an den Vorbereitern der Hochzeitstafel auf eine kleine Straße zu, die nicht zufällig durch den Bau einer Hütte entstanden war, sondern die es – wie es aussah – schon vor der Zeit des Ghettos gab. Am Ende der Straße war auch die Grenze des Ghettos erreicht.
Vor einem kleinen Lebensmittelladen standen Männer und tranken Bier. Zwei der Männer stritten lautstark und stießen sich ständig gegen die Schultern. Es waren offenkundig nicht ihre ersten Biere!

Dem Laden schräg gegenüber stand nun das kleine Häuschen von Draganas Familie. Es war eingeschossig und sah im Gegensatz zu den anderen Häusern und Hütten sehr gepflegt aus.
Es war wirklich nur ein kleines Häuschen, vergleichbar mit einer Gartenlaube in einem deutschen Kleingärtnerverein.
Auf einem kleinen verandaartigen Vorbau, auf dem ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen standen, saß Draganas Mutter und unterhielt sich mit einem Nachbarn. In meiner Erinnerung war die Mutter eine kleine quirlige Frau, die stets etwas zu erzählen hatte, was sich in ihrem damaligen gebrochenem Deutsch lustig anhörte. Jetzt stand ich allerdings einer Frau gegenüber, deren schwarzumrandeten Augen sehr traurig wirkten. Sie war auch sichtlich abgemagert.
Die Mutter erkannte mich nicht sofort, wusste erst nicht genau, wohin sie mich stecken sollte. Doch als Dragana ihr meinen Namen sagte, füllten sich die Augen mit Tränen.
Der Nachbar, ein älterer Mann, stand auf, bot mir seinen Stuhl an und verabschiedete sich, indem er seine Bierflasche vom Tisch nahm und uns während des Gehens zuprostete.

Das Gespräch mit der Mutter dauerte lange. Nach etwa einer Stunde entschuldigte sie sich jedoch damit, dass sie müde sei und sich irgendwie nicht richtig konzentrieren könne. Sie zeigte mir noch ihr Häuschen, das sauber aber ärmlich war. Zu fünft schlief die Familie im einzigen Zimmer. Dazu gab es noch eine kleine Küche und eine Art Vorraum. Trotz der Bescheidenheit war zu erkennen, dass das Haus in demselben Stil – der Wohnung in Berlin entsprechend – versucht wurde, zu gestalten.
Der Vater war außer Haus. Dragana sagte – mehr oder weniger gleichgültig:
„Wenn er nicht vorm Lebensmittelladen stand, dann weiß ich auch nicht, wo er gerade wieder herumsäuft.“
Sie lächelte mich bitter an.
„Was haltet ihr davon, wenn wir mal zur Hochzeit schauen.“, rief Zoran, der die ganze Zeit vorm Haus gewartet hatte, „die sind jetzt bestimmt schon fertig mit den Vorbereitungen.“
„Das ist eine gute Idee!“, rief ich ihm zu und fing an meine Kameras zusammen zu bauen.
Danach umarmte ich die Mutter und versprach ihr während der Hochzeit auf ‚ihre Kleine‘ acht zu geben.
„Zoran und ich passen schon auf sie auf.“, sagte ich lächelnd.
Die Mutter legte sich auf eines der Sofas im großen Zimmer.
Dragana, Zoran und ich gingen zurück: Unter die Brücke von Hyatt.

(c) 2009 by Helge Lindau

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