Legenden, Hass und Provinzpolitik oder eine Reise in den Osten Ungarns

ein Feature von Helge Lindau

Die Ankunft

Selbst für das östliche Ungarn sind die Oktobertemperaturen, die gerade herrschen, recht hoch. In Debrecen, der zweitgrößten Stadt des Landes, waren es heute zur Mittagszeit um die 28 Grad. Jetzt, am frühen Nachmittag, sitze ich in einem alten Triebwagen und fahre von Debrecen in das etwa 70 Kilometer entfernte Tiszavasvári. An den Gleisen wurde wohl schon seit ewiger Zeit nichts mehr gemacht, denn der Wagen bewegt sich nur sehr langsam voran. Alle zwanzig Meter scheint ein Ruck den Wagen zerreißen zu wollen, nämlich immer dann, wenn der Zug über eine Stoßstelle zwischen den Schienen fährt.

Vor einigen Minuten klingelte mein Telefon und Istvan, mein Kontaktmann in Tiszavasvári, sagte mir, dass die Unterkünfte, die für mich vorgesehen waren, abgesagt wurden, obwohl keine anderen Gäste in der Stadt sind und meine Unterbringung gesichert schien.

Scheinbar bin ich in der Stadt, die sich selbst als die Hauptstadt der ‚Jobbik‘ bezeichnet, nicht wirklich willkommen. Die ‚Jobbik‘ in Ungarn ist vergleichbar mit der DVU in Deutschland. Jedoch ist ihr Hass auf Juden, Roma und Intellektuelle, wesentlich offener, als es sich die DVU zuzugeben traut. Dazu sitzt die Partei ‚Jobbik‘, deren Namen Programm ist, und je nach Deutung als die ‚Besseren‘ oder als die ‚Rechteren’ transkribiert werden kann, auch noch in einer Koalition mit der ,FIDEZ’ in der Regierung des EU-Staates Ungarn.

Tiszavasvári hat also die die Ehre, den ersten Jobbik-Bürgermeister des Landes gekürt zu haben, und dies gleich mit einem Stimmenanteil von 52 Prozent.

Was wird mich dort also erwarten? Ein Nest am nordöstlichen Rande der Puszta, ein paar Kilometer von Theiß entfernt, der weder Tourismus noch Wirtschaft kennt. Ein Ort, der aus aus etwa 13.000 Seelen besteht und außer ein paar Plattenbauten, die in der Zeit des Gulaschkommunismus von Kadár János hochgezogen wurden, kaum mehrgeschossige Häuser aus älterer Zeit zu bieten hat. Die Stadt ist eigentlich ein Dorf.

Der Bahnhof von Tiszavasvári, besteht aus drei Gleisen und einem kleinen Bahnhofsgebäude, das sich nicht im Wesentlichen von den anderen Gebäuden anderer Dörfer auf der Strecke unterscheidet.

Istvan wartet vor dem Bahnhof auf mich und versucht mir die Sache mit der Unterbringung zu erklären:

„Als die Stadtverwaltung Deinen Namen hörte, haben sie wahrscheinlich im Internet recherchiert und herausgefunden, dass Du Dich für die Interessen Roma eingesetzt hast. Das ist denen natürlich ein Dorn im Auge. Wie es aussieht, wurden alle Leute, die Zimmer vermieten, informiert, dass man Dir keine Unterkunft geben darf. Aber ich habe schon eine andere Absteige in Tiszalök, einer Stadt nicht weit von hier, gefunden.“

Wir gehen zu seiner Wohnung. Der Weg führt über staubige, ausgetrocknete Wege, auf denen die Wegplatten nur noch andeutungsweise durch den allgegenwärtigen Sand zu erkennen sind.

Vor seiner Wohnung, in einem dreigeschossigen Plattenbau, bleiben wir stehen und rauchen noch eine Zigarette. Zwei Bänke stehen vor dem Haus, wir setzen uns in den Schatten von Akazienbäumen. Neben den Bänken führt eine kleine Straße entlang, auf der ein Moskwitsch alter Bauart an uns vorbeiknattert. Auf den Wegen sind kaum Menschen zu sehen, doch hinter den mit teils dichten Gardinen verhängten Fenstern vermute ich viel Leben. Obwohl es schon gegen 3 Uhr nachmittags ist, ist die Luft von Mittagessenduft geschwängert. Gerade dies lässt meinen schon seit Stunden leeren Magen noch lauter knurrend protestieren.

„Meine Frau hat Essen gekocht“, sagt Istvan, der nach oben in Richtung seiner Wohnung zeigt. „Es gibt gefülltes Kraut. Magst Du das?“ Gerade wollte ich Istvan das Angebot machen, ihm zum Essen einzuladen. Dies hat sich jedoch wohl gerade erledigt. Wohlwissend wie ein ungarisches ‚gefülltes Kraut‘ schmeckt, wenn es zudem von einer erfahrenen ungarischen Hausfrau zubereitet wurde.

„Da sage ich nicht nein“, entgegne ich schnell, und bin froh, nach meinem mageren Frühstück in Debrecen wieder etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

Tiszalök

Zwei Stunden später sitze ich gut gesättigt in dem Zug, der mich nach Tiszalök bringen soll. Langsam setzt sich der Triebwagen in Bewegung. Tiszalök ist die Endstation dieser Strecke. Für die 10 Kilometer wird der Zug etwa zwanzig Minuten brauchen.

Während der Fahrt sehe ich den riesigen Gefängniskomplex von Tiszalök, der wie eine moderne Burg in die Landschaft gepflanzt wurde. Martialisch ragen an den mit Stacheldraht bewährten Mauern Wachtürme empor. Die Anlage ist exakt quadratisch angelegt und der Zug fährt nur wenige Meter an den Mauern vorbei. Die wenigen Passagiere im Triebwagen nehmen diesen Bau gar nicht wahr. Er hat sich in den Alltag der Leute eingepflanzt, obwohl er gerade mal vor fünf Jahren erbaut wurde. Ich jedoch starre auf dieses Manifest der staatlichen Exekutive, als wäre es eine Fata Morgana.

Gemächlich jedoch stolpert der Treibwagen, als würde er absichtlich den Knast ignorieren, auf das Städtchen Tiszalök zu.

Das Stationsgebäude unterscheidet sich augenscheinlich nicht von denen der anderen Stationen. Nur dass hier neben dem Bahnhof keine kleinen Plattenbauten stehen, sondern einfache Einfamilienhäuser.

Vor dem Bahnhofsgebäude blicke ich mich ratlos um, sehe dann doch in einer Entfernung von etwa zweihundert Metern einen Bus auf einer bestimmt größeren Straße vorbeifahren.

Ich schlage diesen Weg ein, und nach etwa fünf Minuten stehe ich mit meinem Gepäck im ‚Zentrum‘ vom Tiszalök. Das Zentrum besteht aus einem Restaurant, das allerdings nur noch als Bierausschank zu dienen scheint. Gleich daneben noch ein Supermarkt, dessen Angestellte, wie ich durch die Schaufensterscheiben sehe, gerade das Wurstsortiment aus den Tresen nimmt. Neben dem Supermarkt gibt es noch Blumengeschäft, ein Gemüsestand und ein Schreibwarenladen. Dazu gesellt sich – egal wie klein auch der Ort in Ungarn sein mag – das „Polgarmester Hivatal“, also das Rathaus.

Vor den meisten dieser Rathäuser herrscht die absolute Ordnung. So auch vor diesem.

In einem Garten, der frisch angelegt wurde, steht eine Bildhauerarbeit, die aus den ideologisch verbrämten Zeiten des Sozialismus – in diesem Fall wohl mehr des Faschismus – importiert wurde: Eine Frau steht mit einem Kind auf einer Insel, die das Ungarn in der heutigen Größe darstellt. Dieses Ungarn in seiner heutigen Form ragt jedoch aus dem Großungarn heraus, das vor dem Vertrag von Trianon bestand. Dieses Großungarn wieder national herzustellen ist der latente Wunsch der ,Fidesz‘ und der unbedingte Wille der „Jobbik“. Dass diese Skulptur jedoch besser als Grabstein für einen rechten Politiker zu taugen scheint, verstehen die wenigsten. Wie ich später erfahre, findet man dieses „Kunstwerk“ sehr schön, wenn auch etwas zu teuer.

Für Kunst ist nicht viel Platz im heutigen Ungarn.

Fähige Intendanten werden von ihren Posten entfernt und von parteigetreuen Vasallen ersetzt. Schriftsteller werden als Vaterlandsverräter und verkappte Juden enttarnt; ja selbst die Werke von Thomas Mann will man aus dem Schulunterricht entfernen, da dieser Schreiberling ja wohl schwul war.

Namhafte Künstler erheben ihre Stimmen gegen diesen Ausverkauf der Kultur und wandern aus, in der Hoffnung, dass sie vielleicht schon in naher Zukunft wieder zurück ins Land können. Andere wenden sich enttäuscht für immer von diesem Land ab und berichten im Ausland davon, was sie in diesem Land erlebt haben. Jedoch ist das Thema ,Ungarn‘ nicht so interessant für ausländische Medien. Es gelangen viel mehr Informationen, Skandale und menschenverachtende Geschichten ins Ausland, als die ausländische Presse – selbst die unabhängigen – verarbeiten könnten. Das Interesse an Ungarn in Europa ist derart gering, dass man lieber über Ungarn schweigt.

Positives gab es in den letzten Jahren sowieso nicht zu berichten. Wenn jedoch über das Land berichtet wurde, so waren es meist Randnotizen.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, merke ich, wie andere Leute aus dem Dorf – Pardon, der Stadt – mir zusehen, wie ich das vermeintliche Grabmal betrachte. Ich lächele freundlich meinen Beobachtern zu, greife meine Reisetasche und mache mich auf in Richtung der Pension, die ein Zimmer für mich reservieren konnte.

Außer mir beherbergt die Pension nur eine kleine Gruppe von Arbeitern, die sich gelangweilt im Vorraum zu den Zimmern eine amerikanische Sitcom anschauen, die im ,Off‘ vom Sender ins Ungarische übersetzt wird.

Tiszavasvári

10 Uhr vormittags.

Der Bus, der mich von Tiszalök nach Tiszavavári bringt, hat etwas Verspätung. Ich steige in der Nähe der römisch-katholischen Kirche aus, eine schmucklose, weiß angestrichene Kirche, die von einem schmiedeeisernen Gitter umgeben ist und vor der die Hauptstraße der Stadt verläuft. Deswegen wurde diese Kirche auch zum Namensgeber dieser Bushaltestelle. Auf meinem Handy habe ich mir die Koordinaten für mein erstes Treffen mit einer engagierten ehrenamtlichen Wahlkämpferin der rechtskonservativen Partei ,FIEDESZ‘ gespeichert. Das Treffen mit ihr soll in einem kleinen Café in der Nähe des Bahnhofes des Städtchens sein. Ich habe noch etwas Zeit und schlendere an einem für diese Stadt zu groß dimensioniertem, dennoch nur zweigeschossigen Polizeihauptquartier vorbei.

Dann und wann donnern ukrainische und ungarische LKWs auf der Straße neben mir vorbei. Nach etwa drei Minuten biege ich in eine kleinere Straße in Richtung Zentrum ein. Ein paar Meter neben dem Eingang zu einer Schule sehe ich dann auch schon das Café, das von außen den Eindruck einer Eisbude macht.

Im Café befinden drei Tische, an denen jeweils vier gusseiserne Stühle stehen, die mit schmuddelig wirkenden Sitzpolstern ausgestattet sind.

Ich grüße freundlich die ältere Kellnerin hinter einem Kuchen- und Eistresen. Dann setze ich mich an einen der zwei freien Tische. An dem besetzten Tisch sitzt ein älteres Paar, das sich scheinbar nicht mehr zu erzählen hat. Er trinkt ein Glas Wein, sie schaut ihm dabei zu. In fünf Minuten wäre der Termin für das Gespräch mit Frau M., der Wahlkämpferin der FIDESZ.

Der Boden des Cafés ist luxuriös mit teuren Kacheln gefliest. Alles sieht peinlich sauber aus, als wolle man zeigen, dass hier in der „Zigeunerstadt Tiszavasvári“ auch Ordnung herrscht. Obwohl das, was ich bisher von der Stadt sah, nicht unordentlich oder heruntergekommen war. Im Gegenteil! Im Vergleich zu anderen ungarischen Dörfern und Städten sieht dieser Ort sogar aufgeräumt aus, wenn sich auch der ewige Sandstaub der Puszta wie eine Patina über die Stadt legt.

Auf dem Fenster, das in Richtung Straße, geht klebt eine große Coca-Cola-Reklame und versperrt mir so die Sicht nach draußen. Gerade, als ich versuche ausmachen, aus welcher Position man am besten draußen schauen kann, ertönt die elektronische Türglocke, die ich auch gehört habe, als ich den Laden betrat.

In der Tür steht nun eine leger, doch ordentlich gekleidete Frau, die ich auf Mitte dreißig schätzen würde und schaut sich kurz um. Sie ist recht klein, schlank, und hat ein etwas spitzbübisches Aussehen. Einen Augenblick später sieht sie in meine Richtung. Ich nicke ihr freundlich zu. Sie kommt zu meinem Tisch und sagt theatralisch auf ungarisch:

„Sie sind also der berüchtigte Menschenrechtler. Der Kämpfer für die Sache der Roma.“

Ich stehe auf und ziehe einen gusseisernen Stuhl so zurecht, dass sie sich bequemer setzen kann. Dabei kratzen die Beine des Stuhls über die Bodenfliesen und erzeugen eine Frequenz, die entsteht, wenn man unabsichtlich mit dem Fingernagel über eine Schultafel kratzt. Ein Geräusch, das einem Menschen mit empfindlichem Gehör meist eine Gänsehaut beschert.

Als ich mich wieder setze, sage ich:

„Ich bin weder berüchtigt, noch ein Kämpfer. Und die Menschenrechte sollten uns eigentlich alle interessieren. Jedenfalls die Leute, die noch in der Lage sind, klar zu denken. Trotzdem danke ich Ihnen, dass sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich hoffe, dass sie mir etwas weiterhelfen können, weil–“

„–Weiterhelfen kann ich immer“, fällt mir Frau M. ins Wort. „Ständig kommen Leute zu mir und wollen Hilfe. Meistens kann ich auch helfen. Doch seitdem die Jobbik hier in Tiszavasvári an der Macht sind, fällt selbst mir das Helfen oftmals schwer. Sie müssen wissen, die Leute, die jetzt im Rathaus sitzen, sind die schlimmsten Ganoven.“

Endlich kommt die Kellnerin und ich bestelle zwei Espresso und zwei Mineralwasser. Mein Gegenüber wartet brav mit ihren weiteren Ausführungen, bis ich die Bestellung aufgegeben habe.

„Stellen sie sich vor“, nahm sie das Gespräch wieder auf, „die neuen Leute Rathaus, die Jobbik-Leute, habe sich den Wahlsieg erkauft. Und zwar von dem Gesindel, dass sie am meisten hassen. Den Zigeunern!“

„Ich habe schon davon gehört“, sage ich und bin froh, dass das Gespräch ohne langes Vorgeplänkel gleich zum Punkt kommt. „Den Roma wurde Geld für ihre Wahlstimme geboten. Obwohl sich dieser Vorwurf nicht genau beweisen lässt. Haben Sie denn dafür Beweise, dass es wirklich so war?“

„Die Beweise? Na klar! Die standen sogar in den Zeitungen, als sich unser Bürgermeister mit ,Hauptgeldverleihern‘ von den Zigeunern fotografieren ließ.“

„Was für Geldverleiher?“, frage ich.

„Also die Geldverleiher sind Kredithaie unter den Roma, die ihre eigene Rasse aussaugen bis auf die Knochen. Wenn Sie ein Zigeuner sind, bekommen Sie von keiner Bank einen Kredit. Schon gar nicht, wenn ihre Adresse auf den Namen einer Straße lautet, die im Zigeunergebiet liegt.

Wenn sie aber Geld brauchen – also wirklich dringend – für Medikamente, für eine Operation oder weiß der Teufel was auch immer, dann gehen Sie zu diesen Kredithaien. Es wird Ihnen sofort geholfen. Das ist sicher! Sie, ich meine jetzt Sie als Zigeuner, brauchen – sagen wir 50.000 Forint. Die bekommen Sie dann bar auf die Kralle. Jedoch müssen Sie diesen Betrag mit einem Zins von zwanzig bis fünfzig Prozent – pro Monat! – zurückzahlen. Können Sie das nicht, so wird die anstehende Kreditsumme mit den bereits angefallenen Zinsen weiter verzinst, sodass sich der geliehene Betrag bereits im zweiten Monat nach der Kreditnahme verdoppelt hat. Können Sie dann wieder nicht den ausstehenden Betrag aufbringen, wird Ihnen eine erste Frist gesetzt, da die Verleiher ja wissen, dass Sie eine solche Summe sowieso nicht stemmen können. Dann wird Ihnen mit Prügel gedroht, danach werden Sie verprügelt; bis Sie total von den Kreditgebern abhängig sind. Im dümmsten Fall kann es Ihnen passieren, dass Sie umgebracht werden. Im unangenehmsten Fall hingegen kommt es vor, dass eines Ihrer Kinder zur Prostitution ins Ausland verkauft wird. Meist jedoch werden Sie zu Sachen gezwungen, die Sie so niemals tun würden: Nämlich Raub, Diebstahl…“

Jetzt unterbreche ich meine Gesprächspartnerin.

„Das mit den Kredithaien ist mir ja bekannt“, sage ich und werde kurz von Kindern abgelenkt, die draußen vor dem Café streiten.

„Aber was hat dies, so traurig das andere Thema auch ist, mit den Wahlen und dem ungewöhnlichen Sieg der Jobbik zu tun?“

In der Schule nebenan scheint große Pause zu sein, denn die Gruppe von Kindern, die eben noch draußen stritten, stürmt in den Laden und die Ruhe, die bisher hier herrschte, wird von Kindergeschrei zerrissen.

Frau M. hebt ihre Stimme etwas an, um gegen die Geräuschkulisse anzuerzählen.

„Was das mit der Jobbik zu hat?“, fragt meine Gesprächspartnerin, die sich gerade richtig in Rage geredet hat. “Okay, ich mag vielleicht etwas voreingenommen sein, da wir den Wahlkampf hier in Tiszavasvári mit fairen Mitteln geführt hatten und von dieser Bande Krimineller überrannt wurden. Es wurde ein Deal zwischen dem Oberkredithai und der Jobbik gemacht: ,Ich besorgen euch die notwendigen Wahlstimmen und ihr lasst mich dann, wenn ihr gewinnt, weiter die Kredite vergeben.`“

Die Kinder verlassen den Laden, doch dafür stürmt auch schon eine andere Gruppe in das Café herein. Wie es scheint, ist es keine Pause, sondern Schulschluss, obwohl es dafür noch noch zu früh am Tag ist.

„Aber Ungarn ist doch ein demokratisches Land“, frage ich und versuche das Geschrei der Kinder einfach auszublenden. „Demnach sind die Wahlen also auch geheim. Also woher wollen denn die Kredithaie, dass ihre Gläubiger auch wirklich das Kreuz im Kästchen der Jobbik machen?“

„Das war ganz einfach.“, fährt Frau M. Fort, und scheint froh zu sein, wieder das Wort zu haben. „Vor dem Wahllokal – in gebührendem Abstand – haben sich sie Handlanger der Geldverleiher postiert und haben nicht nur ihre Schuldner, sondern auch andere Zigeuner auf ihren Weg in das Wahllokal bedrängt. Die wahren Profiteure der Aktion waren natürlich an diesem Tag nicht im Zigeunerviertel.“

„Wie bedrängt?“, frage ich weiter.

„Na ja, sie haben den Leuten, von denen sie wussten, dass sie in das Wahllokal gehen, ein Angebot gemacht.“

„Das hört sich aber alles ziemlich nach Bananenrepublik an“, unterbreche ich aufs Neue meine Gesprächspartnerin.

„Bananenrepublik!“, sagt sie daraufhin, „das trifft den Nagel auf den Kopf. Also, zuerst installierte man einen parteilosen Kandidaten, der zufälligerweise im Zigeunergebiet eine Kneipe unterhält. Zufälligerweise kann man in dieser Kneipe auch auf Kredit trinken und an Automaten spielen. Das dieser ‚parteilose Kandidat‘ für die Jobbik arbeitet, darf natürlich von den Zigeunern keiner wissen.

Dann hielt man die ‚Wahlverdächtigen‘ an und versprach ihnen, wenn sie ihr Kreuz neben einen bestimmten Namen machen, bekommen 1500 Forint und eine Pizza. Wenn sie sich dazu bereit erklärten – was sicher nicht ohne Druck vonstatten ging –, bekamen sie ein Handy mit einer Kamera, mit dem sie den Stimmzettel, den sie ausgefüllt hatten, fotografieren mussten. So einfach geht das. Die Kamera mussten sie dann nach dem Wahlgang wieder an den Komparsen der Kredithaie zurückgeben, die dann den fotografierten Stimmzettel prüften. Und somit kamen allein im 8. Wahlbezirk 258 Stimmen für den ,parteilosen‘ Jobbik-Kandidaten zusammen. Das sind fast 42% Prozent der Leute aus der Széles utca, also aus dem größten Romagebiet in Tiszavasvári.“

Sie nippt an ihrem Kaffee, der inzwischen schon kalt sein dürfte, und schaut mich an. Ich sehe deutlich, dass sie auf eine Reaktion von mir wartet.

Ich frage jedoch: „Die ganze Zeit haben sie von Zigeunern geredet. Eben sagten sie aber Romagebiet? Wie komm das?“

Verwundert schaut mich Frau M. an.

Die Schulkinder haben sich wieder verzogen. Es war wohl doch nur eine große Pause in der Schule, da nun im Laden und auf der Straße wieder die gewohnte Ruhe herrscht. Die Kellnerin und Verkäuferin in Personalunion steht nun an der offenen Ladentür und raucht eine Zigarette. Der Qualm zieht in das Café und schafft eine Geruchskulisse, wie wohl noch vor einem Jahr hier geherrscht haben dürfte, bevor die strengen Nichtrauchergesetze in Europa wie auch Ungarn griffen.

Ich frage nochmals: „Also, wieso sagen sie manchmal Zigeuner und Gesindel, dann aber, wie eben, Roma?“

„Das kommt ganz drauf an“, sagt sie, als fühle sie sich bei einer Schwäche ertappt. „Wie sagt man bei Ihnen?“ und meint damit wohl das westliche Europa, „ihr sagt dort political correctness. Oder?“

Ich zucke mit den Schultern, als weiß ich nicht, worauf sie hinaus will.

„Hier in Ungarn benutzt man nur das Wort Zigeuner. Selbst die Zigeuner sagen nie Roma zu ihrer Rasse. Jedenfalls nicht die, die hier leben. In Budapest gibt es bestimmt auch elitäre Zigeuner, die sich Roma nennen. Doch hier in der Provinz gibt es so etwas nicht. Das Wort Roma haben wir nur während des Wahlkampfes bei den Zigeunern gebraucht und nun schlüpft es noch manchmal in mein Vokabular.“

Die Kellnerin kommt wieder zu unserem Tisch. Auf ihre fragenden Augen hin, schüttele ich den Kopf und gebe ihr so zu erkennen, dass ich keine neue Bestellung aufgeben möchte. Sie geht wieder in Richtung des Kuchen- und Eistresens und sagt beim Gehen:

„Das macht dann 1250 Forint. Bezahlen können Sie dann hier an der Kasse:“

Frau M. sieht der Kellnerin hinterher und zieht hinter ihrem Rücken eine verächtliche Grimasse, die sagen soll: ‚Geht es vielleicht noch etwas unfreundlicher?‘

Dann schaut sie wieder in meine Richtung.

„Wissen Sie, dass Wort Zigeuner gehört auch irgendwie zur ungarischen Geschichte. Es ist sozusagen ein Teil unserer nationalen Identität. Ich finde, ein gesunder Nationalismus ist gar nicht so schlecht.“

„Was kann ich mir unter diesem ‚gesunden Nationalismus‘ vorstellen?“, frage ich.

„Gesunder Nationalismus ist es, wenn ich mich nicht schäme, ein Ungar zu sein. Wenn ich mich nicht dafür schäme, die ungarische Fahne auf meinem Balkon zu hissen. Gesunder Nationalismus heißt auch, beim Erklingen der Nationalhymne aufzustehen und die rechte Hand aufs Herz zu legen. Ich schäme mich auch nicht dafür, ab und an in den Trachten meiner Heimat zu gehen und ungarische Volkslieder zu singen. Viele trauen sich das nicht, doch ich möchte meine nationale Identität bewahren.“

Im Gegensatz zu ihren vorhergehenden Äußerungen, die eher schrill und aufgeregt klangen, schwang in ihrer letzten Äußerung fast so etwas Pathos, Rührung oder fast eine gewisse Verliebtheit mit.

Legenden

Ich winke kurz dem kleinen blauen Auto hinterher, in das Frau M. stieg und gehe weiter in Richtung Innenstadt. In etwa zwei Stunden habe ich den nächsten Interviewtermin mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Tiszavasvári.

Jetzt rufe ich Istvan an und frage ihn, ob es hier irgendwo ein einfaches Restaurant gibt, in dem man Mittag essen könne. Er klingt etwas verärgert, da ich vergessen hatte, ihn heute morgen von der Pension aus anzurufen, um ihm zu bestätigen, dass alles mit mir in Ordnung sei. Auf meine Frage antwortete er lapidar, dass es kein Restaurant in Tiszavasvári gibt; jedenfalls keines, in dem gut essen kann. Ich solle doch in eine der zahlreichen Pizzerias essen gehen – und legt das Telefon auf. Wie es aussieht, ist er wohl wirklich etwas ‚verschnupft‘.

Die Straße in Richtung Innenstadt wirkt dörflich und vielleicht gerade deswegen auch sehr gemütlich. Vor einem Haus sitzt ein älteres Paar und redet lautstark mit einer Nachbarin, die aus dem Fenster eines Hauses schaut, dass auf der anderen Seite der wenig befahrenen Straße liegt. Hinter verschossenen Gartentoren kläffen Hunde; ein Postbote protestiert lautstark über die Werbung, die seine Briefkästen verstopfen, obwohl ihm kein Mensch zuhört.

Es ist wieder sehr warm geworden. Keine Wolken sind am Himmel zu sehen und die Sonne erreicht jetzt zur Mittagszeit gerade den Zenit. Die wenigen Menschen, die auf der Straße zu sehen sind, tragen Sommerkleidung. Obwohl kaum Wind weht, schmeckt die Luft nach Sand und kratzt beim Atmen im Hals.

Nach ein paar weiteren Metern scheine ich das Zentrum der Stadt erreicht zu haben, denn nun stehe ich vor einem zweigeschossigem Haus, auf dem groß der Name „Amazon“ prangt. Dies wäre eine der möglichen Unterkünfte hier in Tiszavasvári gewesen, in der ich hätte absteigen können, denn das „Amazon“ soll eine Pension mit Gaststätte sein. Das Gebäude jedoch macht einen sehr verlassenen und heruntergekommenen Eindruck. Die Fenster, hinter denen ich die Pension vermute, sind verdreckt. Das scheinbare Restaurant entpuppt sich als Kaschemme.

Nur einige Meter neben dem „Amazon“ erkenne ich das Rathaus.

Ich halte Ausschau nach einer Möglichkeit, etwas zu Essen zu bekommen, kann aber beim besten Willen nichts finden, was einer Gaststätte ähnlich sehen würde. Deshalb entschließe ich mich für einen Lebensmittelladen, der eher einem Kiosk gleicht, und kaufe mir dort zwei frische Semmeln und ein paar Scheiben Parizsi, eine Wurstart, die der deutsch-italienischen Mortadella gleichkommt. Dazu noch ein eine Flasche Wasser – und schon bin ich im Besitz eines nahezu perfekten Mittagessens.

Ich setzte mich auf eine Bank vor der reformierten Kirche. Die Kirche ist halb Wahrzeichen, halb Mittelpunkt der Stadt. Der Platz vor der Kirche wurde gerade mit neuem Straßenpflaster versehen, neue Beete wurden angelegt und daneben neue Bänke aufgestellt.

Dann hole ich die Semmeln und Wurst aus meiner Umhängetasche.

Ungarische Semmeln muss man sofort essen. Schon nach ein paar Stunden schmecken sie wie Pappe. Frisch jedoch sind sie ein Genuss.

Auf einer Bank neben mir nimmt ein älterer Herr Platz und schaut zu mir herüber, wie ich mir meine Wurstsemmel schmecken lasse.

„Sie sind nicht von hier, oder?“, spricht er mich an.

Mit vollem Mund schüttele ich den Kopf und lege die Semmel auf die Papiertüte, in der die Mortadellascheiben eingepackt waren, schraube die Flasche Wasser auf und trinke einen kleinen Schluck, damit der trockene Batzen in meinem Mund sich leichter schlucken lässt. Die Semmeln, die ich kaufte, waren sicher von heute Morgen, da die Geschmacksgrenze zu Pappe doch schon leicht erreicht ist.

Der Herr auf der Nebenbank ist in einem sehr traditionell wirkendem Anzug gekleidet, trägt einen gewaltigen Schnauzbart und scheint für sein Alter noch recht fit zu sein.

„Das merkt man, dass sie nicht von hier sind.“

Ich schlucke und schaue ihn fragend an. „Ach ja? Und woran merkt man das?“, entgegne ich etwas gereizt.

„Also, erstens habe ich sie hier noch nie gesehen und zweitens würde ein Ungar aus Tiszavasvári nicht auf einer Bank essen. Das machen höchstens Zigeuner.“

„Also haben Ungarn aus Tiszavasvári auch kein Hunger“, entgegnete ich schnoddrig.

„Natürlich haben Ungarn auch Hunger. Aber wir essen daheim oder in einer Csárda.“

Ich wende mich von dem alten Mann auf der Nebenbank ab und widme mich wieder ganz meiner Semmel, wobei mein Hunger deren pappigen Geschmack übertüncht.

Dann nehme ich mein Smartphone aus der Tasche und will mir die Interviewpunkte untern dem Begriff „Rathaus“ durchlesen, die ich gestern Abend noch in aller Eile notiert habe.

Doch da unterbricht mich wieder der schnauzbärtige Herr, als habe er nur darauf gewartet, mich bei irgendetwas zu stören.

„Wie es aussieht, sind sie nicht einmal Ungar! Dafür ist Ihre Aussprache nicht rein genug. Sind sie etwa Rumäne oder Ukrainer?“

„Nein“, sage ich, „ich bin kein Ungar. Keine Angst, ich habe auch keine ungarische Vorfahren. Da ich annehme, dass dies Ihre nächste Frage wäre.“

„Dafür sprechen sie aber recht gut unsere Sprache. Was machen sie hier, wenn man fragen darf. Tiszavasvári ist ja kein begehrter Touristenort?“

Ich entschließe mich, dem alten Mann nicht mehr die ‚kalte Schulter‘ zu zeigen und sage ihm, dass mich die Stimmungen in kleinen ungarischen Städten wie diese interessiert. Vor allen Dingen die der Roma.

„Roma?“, entgegnet der Mann und nimmt aus seiner Jackentasche ein silbernes Zigarettenetui, brennt sich kurz darauf eine Zigarette an, um dann nochmals fortzufahren.

„Roma? Die gibt es hier nicht! Hier gibt es nur Zigeuner, die vor ihre Häuser scheißen. Das sind Terroristen, die uns Ungarn ausrotten wollen. Hören Sie zu! Seit einigen Tagen streichen ein paar von denen durch die Stadt, die TBC haben. Und die spucken dann absichtlich auf die Straße, damit wir uns auch mit der Dreckskrankheit infizieren. Die Mütter lassen nicht einmal mehr ihre Kinder allein auf der Straße spielen, weil sie Angst haben, die Gören würden in den Auswurf dieser Leute fassen und sich anstecken. Glauben Sie mir, dies ist kein Spaß! Denn damit nicht genug. Die vergiften auch die Hunde vor unseren Häusern. Wenn die dann wieder ein Hund weg ist, kann man zu hundert Prozent davon ausgehen, dass in dieses Haus am nächsten eingebrochen wird. Die klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Zudem leben die im Dreck. Ständig müssen unsere ungarischen Ärzte Zigeunerkinder behandeln, weil Ratten die Hände oder Füße von Zigeunern-Kleinkindern abgefressen haben. Das nur, weil die besoffenen Eltern ihren Rausch ausschliefen und nicht das Gebrüll der Kinder gehört haben.“

Mir ist der Appetit vergangen. Der Rest der Semmel liegt auf der Papiertüte neben mir. Die Märchen mit dem TBC habe ich ja schon in vielen Gegenden aufgetischt bekommen. Doch dass man nun den Kindern auch noch die Gliedmaßen von Ratten abfressen lässt, setzt dem dumpfen Hass auf die Roma die Krone auf. Dies sind also die Auswirkungen, wenn Antiziganismus und Antisemitismus, wenn der Hass auf Andersdenkende zur Staatsideologie ausgerufen wird.

„Sind den schon viele ungarische Kinder an TBC erkrankt?“, frage ich, und spiele dabei den Ahnungslosen, der sich der Gefahr, die von TBC ausgeht, durchaus bewusst ist.

„Nein! Natürlich nicht“, schnaubt der ältere Mann neben mir auf der Bank, „aber auch nur deswegen, weil die Mütter gut auf ihre Kinder acht geben.“

„Hat man denn schon einmal einen Roma dabei gestellt, wie er einen Hund vergiftet?“, sage ich und versuche so wirken, als wäre dieses Thema Neuland für mich.

„Junger Mann! Das weiß doch jeder, wer für diese Taten verantwortlich ist. Oder meinen sie denn, dass Ungarn von Ungarn beklaut werden?“

Ich zucke die Achseln.

„Wir Ungarn halten zusammen. Jedenfalls wenn sie die richtige Einstellung zur ungarischen Nation haben. Die Kommunisten und Sozialisten sind ja in einer so lächerlichen Unterzahl, dass man diese schon gar nicht mehr als Ungarn bezeichnen kann. Wir hier in Tiszavasvári haben den richtigen Weg gefunden. Einen jungen Bürgermeister, der sogar schon Doktor ist, und eine kompetente Gruppe von Fachleuten um ihn herum – das bringt uns weiter!“

„Dann aber nochmals zurück zu den Roma“, versuche ich anzuregen, damit das Thema nicht erkaltet.

„Was gibt es dazu noch zu sagen?“, antwortet er und schnippt seinen aufgerauchten Zigarettenstummel im hohen Bogen auf ein Herbstblumenbeet.

Der Mann sieht in meine Richtung, blickt aber durch mich hindurch, als hätte er eine große Vision. Dann hebt er seinen Arm nach oben, deutet mit seinem Finger in Richtung Himmel und sagt:

„Lieber Gott! Ich möchte den Tag nicht erleben, an dem wir wir von den Zigeunern massakriert werden. Sie werden uns als Sklaven halten, wenn wir überleben, weil sie in der Übermacht sind.“

Jetzt steht er auf, kommt zu meiner Bank und reicht mir die Hand. Obwohl ich keine Ehrfurcht vor dem Alter habe, stehe ich auf. Ich mag es einfach nicht, wenn andere Leute auf mich herabschauen und sei es bei Höflichkeitsfloskeln.

Die Iraner kommen

Das Rathaus ist nur wenige Meter von der reformierten Kirche entfernt. Es wird eigentlich nur durch die Hauptstraße, die durch Tiszavasvári verläuft, von der Kirche getrennt.

Das Gebäude an sich ist ein schmuckloser, aber praktischer Bau mit einem Flachdach und bunkerähnlichem Aussehen.

‚Führerbunker‘, denke ich unweigerlich, da ich davor stehe.

Es ist fast 14 Uhr und es ist Freitag. Zwar habe ich einen Gesprächstermin vereinbart, glaube jedoch, dass um diese Zeit in dieser Stadt alle schon ihr Wochenende eingeläutet haben.

Ich zünde mir eine Zigarette an, denn bis zum Termin sind es noch gute zehn Minuten. Weder kommt ein Mensch aus dem Gebäude noch geht einer hinein.

Über dem Eingang hängt ein Lampenschlauch – wahrscheinlich noch vom letzten Jahr-, der zum Schriftzug ‚Fröhliche Weihnachten‘ geformt wurde.

Ich gehe ein paar Schritte, um durch die Glasfront des Eingangsbereiches in das Innere des Gebäudes zu schauen, sehe allerdings keine Bewegung. Selbst die Pförtnerloge scheint verlassen zu sein. Einzig der Ehrentisch für die ungarische Verfassung ist deutlich zu erkennen. Dieser mit ungarischen Nationalfarben bunt geschmückte Tisch, der an eine Wandzeitung im Kommunismus erinnert und seit ein paar Monaten in allen staatlichen Einrichtungen aufgestellt werden muss, prangt wie das Manifest ‚Gott beschütze die Ungarn‘ in der Verlassenheit des Eingangsbereichs des Rathauses.

Ich drücke meine Zigarette an einem Abfallkorb aus, überzeuge mich davon, dass keine Glut mehr glimmt und werfen dann den Stummel in den Korb.

Im Rathaus riecht es schon nach ‚Hypo‘, einem Putz- und Desinfektionsmittel. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wenn es nach diesem Umweltkiller in einer Behörde riecht, auch kein Mensch mehr in diesem Gebäude zu erreichen ist.

Die Eingangstür fällt hinter mir ins Schloss, laut genug, das sich ein Pförtner, der nun doch in der Pförtnerloge sitzt, aufzurichten beginnt.

Ich gehe auf die Pförtnerloge zu und sage dem müde aussehenden älteren Mann hinter der Glasscheibe, dass ich mit dem stellvertretenden Bürgermeister Császár verabredet bin.

„Der Herr stellvertretende Bürgermeister Császár hat vor einer guten halben Stunde das Haus verlassen“, antwortet der Pförtner. „Ich weiß auch nicht, ob er heute noch einmal wiederkommen wird. Aber sein Sekretär ist noch im Hause. Ich versuche ihn mal zu erreichen.“ Damit wendet er sich seinem Telefon zu und begann damit, eine Nummer nach der anderen zu wählen.

„Tut mir leid“, sagte er an mich gewandt. „Telefonisch erreiche ich niemanden. Da bleibt mir wohl nichts weiter übrig, als selbst mal noch oben in die Etage zu schauen.“ Mit diesen Worten verlässt er sein gläsernes Domizil und geht in Richtung Treppenhaus.

Das ist ja so, wie ich es mir vorgestellt habe, denke ich mir.

In dem Moment, als der Pförtner verschwindet, kommt aus einem anderen Gang eine Frau mit einem Stapel Servietten in der Hand und legt sie auf einem Tisch, der in der Nähe des ‚Verfassungstempels’ steht und beginnt dann, die Servietten kunstvoll zu falten. Als sie mich bemerkt, grüßt sie freundlich in meine Richtung.

„Ich habe gehört, sie wollen zum Herrn Császár?“, sagt sie. (Woher sie das wohl weiß?) „Ich habe gerade gesehen, wie er vor ein paar Minuten weg ist. Wir habe gerade eine Menge zu tun. Zu morgen erwarten wir nämlich eine große Delegation aus dem Iran.“

„Aus dem Iran?“, frage ich als hätte ich nicht richtig verstanden. „Was wollen denn die Iraner hier in Tiszavasvári?“

„Was die genau hier wollen, weiß ich nicht.“, erwidert sie, und hört kurz damit auf, die Servietten zu falten. „Soviel ich weiß, geht es wohl um irgendeine Städtepartnerschaft zwischen einer iranischen Stadt und Tiszavasvári. “

Da fällt mir ein, dass Vona Gábor, Chef der neofaschistischen ‚Jobbik‘, schon 2009 angekündigt hat, zu den Parlamentswahlen 2010 in Ungarn Wahlbeobachter aus der Revolutionsgarde des Präsidenten Ahmadinedschad rekrutieren wollen. Offensichtlich verzichtete er darauf, diese Beobachter aus den Ländern der EU zu holen, da diese jüdisch durchsetzt sind. Die jetzige Regierungspartei ‚Jobbik‘ hat die Gefahr der jüdischen Weltverschwörung, vor allem die Vereinnahmung Ungarns durch die ‚hinterlistigen Juden‘, im Klartext auf ihre Fahnen geschrieben. Vor allen Dingen scheint der Partei die Auschwitzleugnung und der offengelegte Hass auf Israel als ‚alles Übel dieser Welt‘ wunderbar in das Programm zu passen.

Und die Menschen nehmen dieses Geschwafel ernst. Fühlen sich beschützt und schaurig berührt, wenn das Hauptquartier der Jobbik wieder Hasstiraden über Roma, Juden, Intellektuelle und Andersdenkende abfeuert, ohne die wirkliche Gefahr zu erkennen.

Dazu dienen auch Verlautbarungen aus den Reihen der Jobbik, die so lauten:

„Wir wollen unsere natürlichen Ressourcen wie unser Trinkwasser und unseren Ackerboden nicht in fremde Hände (lies: Israel) geben und der Iran ist ein Brudervolk, denn sie stammen aus dem Land der Arier, so wie auch die Jassen“

Quelle: Pusztaranger

Wohl auch deswegen wurde zwischen der ungarischen Stadt Jászbérény, die als Heimat der Jassen gilt, schon 1996 die erste Städtepartnerschaft mit der iranischen Stadt Yazd gegründet.

Doch von der hellen Aufregung und den quirligen Vorbereitungsarbeiten des iranischen Besuches merke ich jetzt recht wenig.

Im Gegenteil. Das Rathaus wirkt eher verwaist, als dass sich ein Stab von Mitarbeitern und Leitern um den Besuch zu kümmern scheint.

Der Pförtner kommt, sichtlich außer Atem, die Treppe herunter. Ihm folgt ein junger Mann, der wohl der Sekretär von Herrn Császár sein dürfte. Der junge Mann versuchte sich Aura des Kompetenten überstreifen zu wollen, als er mir gönnerhaft die Hand reicht und sich dafür entschuldigt, dass der Herr Császár wohl erst ein paar Minuten später den Interviewtermin wahrnehmen könne, da für morgen eine hochrangige iranische Delegation erwartet würde, die momentan alle Kräfte, die zur Verfügung stehen würden, beanspruche.

Insgeheim dachte ich mir, dass dieser Emporkömmling sich schon als Pressesprecher der ‚Jobbik‘, im Budapester Parlament sieht. Dazu hat er dem ersten Augenschein nach auch die besten Voraussetzungen: Er ist jung, dynamisch, eloquent und glitschig.

Er führt mich in den Machtbereich des stellvertretenden Bürgermeisters, dessen Name links neben der Tür steht, durch die wir gehen. Rechts neben der Tür steht jedoch auch der Name des amtierenden Bürgermeisters: Dr. Fülöp Erik. Stellvertreter und und Amtierender teilen sich also ein Vorzimmer.

Bewusst habe ich mich bei meinen Recherchen zu Tiszavasvári für den Stellvertreter als Interviewpartner entschieden, da alle Interviews mit dem Bürgermeister nicht Neues brachten. Wie ein eingefleischter Politiker wiederholt er ständig dieselben Phrasen, dieselben Lügen, dieselben Anschuldigungen.

Nun stehe ich im dem Vorzimmer von Chef und Stellvertreter der Stadt Tiszavasvári.

Mehr oder weniger hilflos neben mir steht die rechte Hand des Stellvertreters.

„Ich möchte mich nochmals dafür entschuldigen, dass der Herr Császár Sie noch nicht empfangen kann“, sagt er gespielt erschüttert. „Doch kann ich Ihnen vielleicht einen Kaffee anbieten?“

Eine kurze Verlegenheitspause.

„Oh mein Gott! Ich habe die Sekretärinnen schon alle nach Hause geschickt, weil sie ja morgen, also am Samstag, arbeiten müssen. Dann vielleicht ein Wasser?“

In diesem Moment kommt ein stämmiger Mann in das Vorzimmer, der den Sekretär zu ignorieren scheint. Das Poloshirt spannt sich über seinen beleibten Oberkörper, sein Hals verschwindet unter seinem Kinn.

Der eben noch so wichtige Sekretär wird zur Nebensache und verschwindet unbemerkt hinter einem Schreibtisch im Vorzimmer.

„Du bist also der deutsche Reporter“, sagte er und schüttelt mir freundlich lächelnd die Hand.

Das er mich sofort duzt, kann der Sache eigentlich nur dienlich sein, obwohl ich doch etwas überrascht bin, mich von ihm gleich in diese Kategorie eingestuft zu sehen.

Um die ‚Augenhöhe‘ wieder herzustellen, antworte ich: „Völlig korrekt. Dann müsstest du also der stellvertretende Bürgermeister sein.“

Der Stellvertreter

Jozsef Császár weist mir mit seiner einladend ausgestreckten Hand den Weg in sein Büro. Hier steht ein Besprechungstisch mit etwa 8 Stühlen, daneben in einer Ecke, sein Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop steht.

An der Wand hängen die Fahnen mit den Wappen von Tiszavasvári, daneben die ungarische Nationalflagge. Hinter dem Schreibtisch ist ein Relief mit den Grenzen des Großungarischen Reiches in den Grenzen vor dem Trianoner Vertrag an der Wand angebracht. Das dargestellte Gebiet erstreckt von der Adria bis an das Schwarze Meer.

„Wir können uns ruhig an meinen Schreibtisch setzen, wenn es dir nichts ausmacht“, sagt Császár und rückt einen Stuhl vom Besprechungstisch an die schmale Seite seines Schreibtisches.

Mir gegenüber fällt nun eine weitere Landkarte auf, die den östliche Teil Siebenbürgens darstellt. Im oberen Bereich ist ein Textfeld, dass die Gegend mit lateinischen Buchstaben betitelt, gleich darunter findet sich der adäquate Name in ‚Szekler-Runen‘. Diese Runen sind nach der Machtergreifung der Ultrarechten in Ungarn sehr in Mode gekommen. Wer etwas auf sich hält, der kennt die Runenschrift! Wenn auch kaum zehn Prozent der Ungarn einigermaßen verständlich eine Fremdsprache sprechen, so sind sie doch jetzt richtig wild darauf, die Runenschrift zu erlernen.

„Ich habe gehört, dass Du keine Unterkunft hier bekommen konntest. Das verstehe ich gar nicht. Wenn Du das nächste mal kommst, so kannst Du gerne in meinem Haus schlafen. Tiszavasvári ist schön, hier kann man auch richtig gut Urlaub machen.“

„Vielen Dank“, sage ich, „aber in diesen Teil von Ungarn komme ich in erster Linie zum Arbeiten, nicht aber, um Urlaub zu machen.“

Jetzt bekommt die gestrige Vermutung, dass die Stadtverwaltung hinter der Tatsache steht, dass ich hier keine Unterkunft bekommen habe, noch mehr Gewicht. Denn woher weiß der Bürgermeister, dass ich nicht hier, sondern in einer anderen Stadt untergekommen bin, lasse mir aber meine Verärgerung darüber nicht anmerken, sondern gehe gleich zu meinen Fragen über:

„Wie würdest Du das Verhältnis zwischen Ungarn und Roma hier in Tiszavasvári einschätzen?“

Ich lege mein Aufnahmegerät auf den Schreibtisch und frage ihn, ob er was dagegen hat, dass ich das Gespräch aufzeichne. Er schüttelt leicht seinen runden Kopf und meint, dass dies in Ordnung sei.

„Wie ich das Verhältnis zwischen Ungarn und Zigeunern einschätze?“, wiederholt er meine Frage.

„Wir haben ein umgekehrtes Verhältnis zwischen den Ungarn und den anderen. Während bei den Ungarn eine Arbeitslosigkeit von 18 Prozent herrscht, haben etwa 15-20 Prozent der Zigeuner Arbeit. Während die Ungarn die Gärten bestellen, beackern und pflegen, ernten die Zigeuner die Früchte. Viele Ungarn haben ihre Gärten aufgegeben, weil kurz vor der Ernte ihre Gärten geplündert werden. Wer das getan hat, liegt auf der Hand. Und die Justiz spricht ihr Recht nicht umsonst.“

Er schaut mich an, als will er überprüfen, welchen Eindruck seine Worte auf mich machen; wohl auch, wie weit er bei mir gehen kann.

Ein erstes Taxieren des Gegners wie bei einem zweitklassigen Fußballspiel. Doch ich will ihm kein Gegner sein, sondern möchte einfach nur Informationen von ihm.

„Sie haben doch sicher unsere neue Justizvollzugsanstalt gesehen?“, fährt er fort, „Die Insassen sind 70-90% Zigeuner, obwohl deren Anteil an der Bevölkerung nur etwa 2% beträgt. Da kann man sich ja leicht vorstellen, wie es bei den Zigeunern zugeht. Sicher es gibt solche und solche Zigeuner, wie es auch solche und solche Ungarn gibt. Sicher suchen auch viele von den Roma eine Arbeit. Wie man etwas sucht, das es nicht gibt. Aber die Zahlen der Statistiken sprechen eine deutliche Sprache.“

Mir fällt auf, dass auch er, wenn seine Worte einen offiziellen Charakter bekommen sollen, den Ausdruck ‚Roma‘ gebraucht.

„Ich persönlich habe nichts gegen Zigeuner, wenn sie sich anständig benehmen. Meine Sekretärin ist auch Roma“, spricht er weiter, während draußen irgendein Händlerauto mit einer Sirene versucht, auf sich aufmerksam zu machen.

„Bedenklich finde ich es aber, wenn eine Zigeunerfamilie, die acht bis zehn Kinder hat, mehr Geld vom Staat bekommt als eine rechtschaffene ungarische Familie mit zwei bis 3 Kindern verdient, obwohl der Vater und die Mutter im Dreischichtbetrieb arbeiten und deswegen von den Zigeunern noch ausgelacht wird.“

„Stimmt es“, frage ich, „dass die Sozialhilfe gekürzt oder gestrichen wird, wenn ein Rom nicht der von der Gemeinde angeordneten ‚Zwangsarbeit‘ nachgeht?“

Er beugt sich ein Stück zu mir und fragt mich: „Ich darf dich doch duzen. Oder?!“

Verwundert schaue ich ihn an und frage mich, welche Form der Anrede wir denn bis eben benutzt haben. Trotzdem sage ich: „Natürlich.“

„Eigentlich müssten wir die Vorgaben aus Budapest wesentlich härter umsetzten. Aber viele der Politiker, die im Parlament sitzen, fehlt der Bezug zur Realität. Normalerweise hätten wir auch das Recht, die Bezüge der Zigeuner zu kürzen, wenn sie ihren Hof oder das Haus nicht sauber halten würden. Aber bei denen ist der Schmutz und die Unordnung schon seit Generationen gewachsen. Da ist es schwer, auf einmal Ordnung in die Sache zu bringen. Würden wir also die Anweisungen der Regierung umsetzen, so würde kaum ein Zigeuner noch Sozialhilfe erhalten und mehrere tausend Menschen würden hier in Tiszavasvári hungern. Allerdings werden die Hilfen gestrichen, wenn sie nicht oder lückenhaft zur gemeinnützigen Arbeit erscheinen. So konsequent müssen wir dann schon sein.“

Durch die offene Bürotür sehe ich, wie der erste Bürgermeister, Erik Fülöp, das Vorzimmer betritt und kurz in das Büro grüßt, in dem wir sitzen. Der stellvertretende Bürgermeister grüßt kurz zurück, ohne seinen Redefluss zu unterbrechen:

„Arme Menschen haben schon immer mehr Kinder gehabt als die Reichen. Das ist eine ganz natürliche Sache. Allein schon deswegen muss man den Zigeunern beibringen, dass höchstens drei Kinder reichen, wenn sie sich in unsere Gesellschaft integrieren wollen. Wie es aussieht, wollen sie aber gar nicht den Wohlstand den Ungarn haben. Sie haben kein Auto, ihnen reicht ein Fahrrad und das haben sie dann auch noch geklaut. Sie leben lieber von ihrer Sozialhilfe.“

„Was ist eigentlich mit der Csendörség⁠? Wie ich gehört habe, hat Ihre Partei diese gestapoähnliche Ordnungsmacht, die in Ungarn, das sich an der Seite Hitlerdeutschlands befand, vor einiger Zeit wieder in Tiszavasvári eingeführt, um der ‚Zigeunerkriminalität‘ Herr zu werden?“

„Die Csendörség haben wir nicht gegen die Zigeuner aufgestellt, sondern gegen die Kriminellen. Aber da fängt eigentlich schon das Problem an. Der Mensch weiß ja, dass der Zigeuner oft kriminell ist. Und es vergeht keine Nacht in Ungarn, äh, ich meine in Tiszavasvári, in der nicht eingebrochen wird, Gärten ausgeraubt werden oder Tiere aus Ställen verschwinden. Besonders gern wird bei alten Leuten gestohlen, weil die es sich nicht trauen, nachts vor die Tür zu gehen. Und wenn an irgendeinem Haus wieder ein Hund vergiftet wird, dann kann man schon darauf warten, das ein oder zwei Nächte später die Zigeuner dort einbrechen. Das ist halt deren Masche.

Sie brauchen einfach nur hier auf der Hautstraße in einige Geschäfte zu gehen, da wird man dann Ihnen schon erzählen, was die Zigeuner anstellen. Sie überfallen Läden, schlagen die Verkäuferinnen. Am liebsten gehen sie zu fünft oder zu zehnt in ein Laden, drei oder vier von ihnen lenken die Verkäuferin ab, der Rest von ihnen raubt dann den Laden aus.“

„Dann hat ja Ihre Truppe richtig viel zu tun“, gab ich von mir und wundere mich, dass er die Ironie in meinen Worten nicht erkennt.

„Die Csendörség gab es schon einmal in Ungarn und sie haben hervorragende Arbeit gemacht. Die hatten eine Aufklärungsquote von 80-90 Prozent. Damals gab es noch keine Handys, damit man jemanden informieren kann, und trotzdem arbeiteten sie so hervorragend. Tja und deswegen haben wir unsere Spezialeinheit auch Csendörség genannt. Doch einige Politiker aus der Koalition waren dagegen, dass wir sie so nennen.“

„Kein Wunder“, sage ich. „schließlich wird die Csendörség mit der damaligen deutschen Gestapo gleichgesetzt.“

„Ja natürlich, aber das waren lediglich ein bis zwei Jahre während des Krieges. Soviel ich weiß, haben sie nur die Regierenden mit Informationen versorgt. Aber trotzdem hat diese Einheit, die in Großungarn eingesetzt war, hervorragend funktioniert.“

„Stimmt es“, frage ich weiter, „dass die Csendörség aus zehn Leuten hier in der Stadt besteht?“

„Ja, das stimmt, allerdings dürfen wir sie nicht mehr Csendörség nennen, dies hat das Parlament so beschlossen. Sondern nur noch ‚Varosörök‘ (Stadtaufpasser).“

„Also gibt es keine Csendörség mehr hier?“

„Nein, die Funktion ist die Gleiche, nur heißen sie nun anders. Wir haben sie nur deswegen Csendörség genannt, weil sie im Volk damals Respekt genossen und die Kriminellen Angst vor ihnen gehabt haben.“

„Und haben diese Leute denn schon Kriminelle fassen können und wenn ja, was waren das für Kriminelle?“, versuche ich, genauere Informationen zu bekommen.

„Meistens setzen wir sie ein, wenn Sozialhilfe ausgezahlt wird. Weil gerade an diesen Tagen die Zigeuner oftmals dazu neigen zu randalieren. Wenn dann aber unsere Leute auftauchen, dann wird die wirklich gefährliche Lage entschärft.“

Auf die Frage nach den wirklichen Kriminellen, die von der tiszavasvárischen Gestapo überführt wurden, möchte er wohl keine Antwort geben. Was mir jetzt auch besonders auffällt, ist, dass die Geschichten, die ich erzählt bekomme, einander gleichen wie ein Ei dem anderem. So werden Legenden gebildet, die sich noch in vielen Jahren erzählt werden. Böse Nachreden werden vermischt mit Wunschdenken und Vorurteilen.

Jedoch glaube ich, soviel Vertrauen in ihm geweckt zu haben, dass er noch etwas mehr aus dem Nähkästchen plaudert.

„Wie sieht die Zukunft im Zusammenleben zwischen den Roma und den Ungarn aus?“, frage ich.

„Ich habe keine Angst um die Zukunft der Roma. Ich habe Angst um die Zukunft der Ungarn. Momentan haben wir hier in Tiszavasvári 400 schwangere Frauen, darunter sind lediglich 37 ungarische Frauen. Auch unter den Sterbefällen sieht es ähnlich aus: Im Jahr sterben etwa 250 Menschen hier, darunter sind aber nur 2 Zigeuner. Da braucht man also kein großer Mathematiker zu sein, um zu sehen, wo wir in 20 Jahren sein werden.“

Er macht eine kleine Pause und fährt dann in einem verschwörerischen Ton fort, als würde er mir nun ein Geheimnis verraten.

„Am meisten enttäuscht bin ich eigentlich von Westeuropa, weil die uns nicht helfen, das Zigeunerproblem zu lösen. Das Einzige, was die wollen, ist, dass die Zigeuner hier im Land bleiben. Aber spätestens in 50 Jahren wird sich das rächen. Wir haben Europa vor den Überfällen der Tataren und der Türken geschützt. Doch konnten die sich wenigstens noch benehmen. Jetzt noch sind wir allein die Leidtragenden, doch in 20 Jahren werden hier so viele Zigeuner sein, dass sie die Regierung übernehmen. Und in 50 Jahren müssen die Westeuropäer eine dicke Mauer um Ungarn bauen, ansonsten wird Europa von den Zigeunern überrannt.“

Hier war also das Gespenst, das noch an die Wand gemalt werden musste. Der erhobene Zeigefinger in Richtung Westen! Wenn ihr nicht unsere Probleme abnehmt, dann werden wir euch eben überrennen.

Ich bedanke mich für das Interview und versuche schnellstmöglich das Rathaus zu verlassen.

Irgendwie ist mir übel.

Wenig später bin ich auf der Hauptstraße und versuche in einigen Geschäften noch etwas von den vermeintlichen Überfällen der Roma in Erfahrung zu bringen. Überall jedoch hat man nur etwas darüber gehört und die Befragten fangen an, mir die krudesten Geschichten über die Gräueltaten der Roma zu erzählen. Ich winke dann meist dankend ab, da mir diese Geschichten schon in all ihren Facetten erzählt wurden.

Ich entschließe mich, es für heute genug sein zu lassen. In der Nähe der Bushaltestelle, von der der Bus nach Tiszalök abfährt, um mich dann zu meiner Pension zu bringen, habe ich vorhin eine Kocsma (Kneipe) gesehen. Es bleibt mir noch genügend Zeit, ein Bier zu trinken, bevor ich in den Bus steige, dessen Weg mich auch wieder am Knast von Tiszavasvári vorbeiführen wird.

Breite Straße

Auch der heutige Tag ist sommerlich. Keine Wolke trübt den blauen Himmel. Lediglich die Kondensstreifen von Flugzeuge filtern ab und zu leicht Sonnenlicht. Vom Bus aus, der mich wieder nach Tiszavasvári brachte, konnte in der Ferne Konturen des Zempliner Gebirges ausmachen.

Ich bin wieder an der katholischen Kirche ausgestiegen und warte nun auf István, der mich in das Romagebiet begleiten will, dass in Tiszavasvári nur Széles utca (Breite Straße) genannt wird. Allein die Erwähnung dieses Namens ‚Szeles utca’ wird in Tiszavasvári als Stilbruch gewertet und dem anständigem Ungar verursacht es einen grusligen Schauer. Denn dort leben die Diebe, die Tuberkulosekranken, die Schläger, die Trinker, die Unberührbaren, die, die mit den Ratten tanzen.

Aus der Richtung des Plattenbaugebietes sehe ich István kommen. Das ich gestern die Einladung zum Essen nicht annahm, hat er mir, wie er mir am Telefon sagte, bereits verziehen. Wie immer trägt er eine ausgewaschene Jeans und eine speckige Lederweste.

Wir gehen ein Stück an der Hauptstraße, die parallel zu den Gleisen der Eisenbahn verläuft, dann über die Straße, die zur Zeit von vielen LKWs befahren wird und kommen auf die auf die Gépàllomás utca (Maschinenstation-Straße).

„Du siehst, was hier für ein Verkehr ist“, sagt István zu mir. „Nachmittags, wenn die Schule zu Ende ist, dann ist der aus Ukraine kommende Verkehr noch größer und viele Kinder müssen hier über diese Straße, um in die ‚Breite Straße‘ zu gelangen. Schon oft wurden Anträge gestellt, hier eine Ampel anzubringen, sodass die Kiddis die Straße ohne große Gefahr überqueren können. Geschehen ist jedoch nichts. Genau wie mit vielen anderen Versprechungen, die gemacht wurden, aber nie einhalten wurden. Doch dies ist wohl kein typisch ungarisches Problem. Die Wahlversprechen werden wohl überall gebrochen. Je nach Bedarf.“

Wir gehen eine asphaltierte schmale Straße entlang. Links und rechts neben der Straße ist meterhohes Gestrüpp. Eine Gruppe Kinder, vielleicht im Vorschulalter, kommt uns entgegen. Sie albern herum und nehmen uns kaum zur Kenntnis.

„Dies ist die Zufahrtsstraße zum Romaviertel“, erklärt István. „In dieser Gegend gibt nur noch sehr wenige Häuser, in denen Ungarn wohnen; und wenn sie hier wohnen, dann sind sie mindestens in der sozialen Lage, in der sich auch die meisten Roma befinden. Wer hier einmal angekommen ist, für den gibt es auch kein ‚weg‘ mehr.“

Ein Radfahrer überholt uns. An dem Fahrrad ist mit Draht ein Karren gebunden. Bei jedem kleinen Schlagloch in der Straße, von denen es hier viele gibt, scheppert das Gefährt, als würde es auseinanderfallen. Der Anhänger des Fahrrades hatte sicher gerade noch Altmetall transportiert, das beim Schrotthändler abgegeben wurde.

„Lass uns mal hier den Hügel raufgehen“, sagt mein Begleiter, „da hat man einen schönen Überblick über das Romagebiet. Oben kann ich Dir dann auch die wichtigen Punkte des Gebietes erklären.“

Wir gehen einen leichten Hügel hinauf, der keine natürliche Entstehung hat, sondern aufgeschüttet wurde. Oben angekommen haben wir Sicht auf den Stadtteil, der ‚Breite Straße‘ genannt wird. István kündigte das ‚Gebiet‘ an, als würden wir nun in das Lager einer besonderen Spezies schauen. Ein Lager von Terroristen, dass vom CIA überwacht wird? Ein noch nicht entdeckter Stamm, den es erst zu erforschen gilt? Eine Sekte, die sich im beschaulichen Tiszavasvári eingenistet hat?

Nein! Eine einfache Romasiedlung, wie sie es in vielen ungarische Städten und Dörfern gibt. Mit der Zeit an den Rand der Stadt gedrängt, damit diese Menschen nicht mehr im unmittelbaren Stadtbild auftauchen.

Ein paar Kinder, die auf dem kleinen Hügel spielen, laufen weg, als sie unser Kommen bemerken. Der Hügel mag etwa sieben oder acht Meter hoch sein, was in der Puszta fast einem Gebirge gleichkommt. Von hieraus sehe ich eine Vielzahl von ärmlichen Häusern, die gerade im Bereich der Straße, die ‚Breite Straße“ genannt wird, aussieht, als würden die kleinen Häuser wie an einer Schnur aufgefädelt sein.

Istvan sagt mir, mit seiner Hand auf ein Haus deutend: „Das etwas längere Haus – dort – ist die Sozialstation. Die Station wird von einer Romafrau geleitet. Gleich neben der Sozialstation ist die Kneipe. Es gibt mehrere Kneipen im Gebiet. Diese aber ist die zentrale Kneipe. Die restliche Häuser sind einfach nur die Unterkünfte der Roma. Doch davon gibt es viele.“

Dann gehen wir den Hügel wieder hinunter, jedoch in eine andere Richtung, die den eigentlichen Weg um ein paar Meter abschneidet. Neben einen Haus, auf dessen Hof Kinder spielen, kommen wir wieder auf die Straße, die zur ‚Breiten Straße‘ führt. Ein älterer Mann, ein Roma, der an einem Mofa bastelt, entdeckt uns ‚Fremde‘ und grüßt freundlich mit einem Kopfnicken.

Nach ein paar Metern kommen wir an einem Weiher vorbei. István bleibt verwundert stehen und schaut durch das Schilf am Ufer des Weihers.

„Was ist los?“, frage ich, „gibt es etwas besonderes?“

„Merkwürdig!“, antwortet er. „Als ich das letze Mal hier war, da war dieser Tümpel noch über und über zugemüllt. Anscheinend hat sich sich jemand die Mühe gemacht, den Teich einmal zu entrümpeln. Egal! Lass uns weitergehen.“

Links und rechts der Straße tauchen jetzt immer mehr Häuser auf, die sich in einem erbärmliche Zustand befinden. Meist sind Frauen und Kinder auf den Höfen. Wenn man uns bemerkt, sieht man uns neugierig nach, als hätte man auf uns gewartet. Jedoch fehlt das Geschrei der Kinder, die jeden Fremden sofort verfolgen, um diesen mit Fragen zu überhäufen.

Wir erreichen die Sozialstation. Mir wurde versichert, dass hier immer jemand zu erreichen ist. Doch auf mein Klopfen wird nicht aufgemacht. Es ist also niemand im Haus.

Wir setzen uns auf die Treppenstufen und ich krame eine Zigarette aus der Schachtel und zünde sie an. Der provisorische Weg zu dem Aufgang, auf dem wir sitzen, ist gerade mit einem Reisigbesen gefegt wurde. Deutlich erkenne ich die Spuren des Fegens im Staub, die sich an beiden Seiten des Weges befinden. Ich fühle mich von allen Richtungen her beobachtet. Und tatsächlich sehe ich von den umliegenden Häusern, dass ab und an auf uns gezeigt wird. Leute, die vorbeigehen, scheinen uninteressiert ihren Weg zu gehen, doch in Momenten, in denen ich sie nicht beachte, drehen sie sich zu uns Sitzenden um. Das Ganze kommt mir irgendwie inszeniert vor und ich wähne mich in einem falschen Film.

„Lass uns eine Runde drehen“, sage ich zu István, stehe dabei auf und schnipse meinen Zigarettenstummel auf die Straße. „Vielleicht finden wir ja eine Möglichkeit, mit Leuten zu reden.“

Wir gehen die Breite Straße entlang in Richtung Siedlungsgrenze. Wir werden von den Roma gesehen, aber scheinbar nicht wahrgenommen. Wenn wir über einen Hauszaun hinweg in den Hof grüßen, so grüßen die Menschen, die sich auf dem Hof befinden, freundlich zurück. Doch habe ich nicht das Gefühl, dass keiner wissen möchte, was wir hier suchen. Im Allgemeinen ist die Frage von den Menschen in einer Siedlung: ‚Was wollt ihr hier?‘, oder ‚Sucht ihr jemanden?‘. Das ist dann auch immer die einfachste und freundlichste Art, ein Gespräch zu beginnen. Nur hier und heute scheint man uns zu ignorieren. So als wurde den Bewohnern der Siedlung befohlen, keinen Kontakt mit mir aufzunehmen.

Ich wage einen Versuch, mich mit einem Bewohner zu unterhalten. Ein junger, hagerer Mann steht an der Eingangstür seines Hauses. Als ich über den niedrigen Zaun schaue, sieht er weg.

„Guten Tag“, rufe ich über den kleinen Hof. Der Mann nickt als Antwort auf meinen Gruß und verschwindet in das Haus. Dabei wollte ich mich gerade vorstellen. Doch sein Verschwinden ersticken meine nächsten Worte schon im Hals.

Ich geben nicht auf. Ein paar Häuser weiter sitzen drei junge kräftige Kerle auf den Stufen vor einem Haus.

„Hallo?!“, rufe ich den jungen Leuten zu, um sie auf mich aufmerksam zu machen. Einer von den Dreien, der wohl das Sagen hat, zieht seine Kopf nach oben, was heißen soll, ‚Was wollt ihr denn von uns?‘. In diesem Moment dröhnt ein Müllauto die Straße entlang, sodass ich das, was er nun sagt, nicht hören kann. Ein Müllauto in einer Romasiedlung ist äußerst ungewöhnlich, da die Bewohner nur in den seltensten Fällen die Entsorgungsgebühren bezahlen können. Trotzdem ist mir schon bei Betreten der Siedlung aufgefallen, dass kaum Unrat herumlag und die wenig vorhandenen Mülltonnen sichtlich nicht überquellen.

„Guten Tag“, versuche ich erneut mit lautere Stimme, um den wegfahrenden Müllwagen zu übertönen, die jungen Männer zu grüßen. „Dürfen wir hereinkommen? Ich hätte ein paar Fragen“, beeile mich aber sofort nachzuschicken, dass ich nicht von der ungarischen Presse bin, sondern aus dem Ausland komme.

„Na dann komm Sie halt rein“, sagt der Mittlere von den Dreien, scheint sich aber bei dieser Entscheidung nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. „Was wollen Sie denn von uns?“

Ich öffne die verschlagähnliche Tür und wir gehen auf die Drei zu. Der Hof ist aufgeräumt, nirgendwo liegt Unrat herum. Eine Ratte würde hier schwerlich ihr Auskommen finden. Ich stelle mich den Leuten vor und sage, dass ich mich für die jetzige Situation der Roma in Tiszavasvári interessiere.

„Was soll das denn sein?“, antwortet wieder derjenige der auch schon vorher als einziger gesprochen hat. „Wir haben eigentlich nichts zu sagen… Ist alles prima hier. Wenn ihr was wissen wollt, so müsst ihr euch schon an die Sozialstation wenden. Die können euch was sagen. Uns geht es hier gut.“

Jetzt klingeln bei mir alle Alarmglocken, die ein menschliches Gehirn nur aktivieren kann. Selbst wenn man einen Reichen fragen würde; sei es Ungar, sei es Roma. Nie würde er freiwillig zugeben, dass es ihm gut gehe und schon gar nicht in dieser Wohnumgebung.

Ich versuche mein Erstaunen zu unterdrücken und frage:

„Sagt mal, stimmt das, dass man euch die Sozialhilfe kürzt, wenn der Hof nicht aufgeräumt ist? Oder auch dann, wenn ihr nicht der Gemeindearbeit nachkommt?

„Wenn der Hof nicht sauber ist? Das ich nicht lache. Vor ein paar Tagen waren die sogar in meinem Haus gewesen. Fast hätten die in meiner Unterwäsche rumgewühlt. Die kommen rein, ohne zu fragen. Vor denen bist du ein Nichts.“

Doch scheint er sich auf einmal zu besinnen.

„Ne Leute vergesst das! Ich habe nichts gesagt! Aber wen ihr genaueres wissen wollt, so fragt meine Nachbarin. Der haben sie die Sozialhilfe gestrichen, weil ihr Haus nicht in Ordnung war. Dazu müsst ihr neben das Sozialgebäude gehen. Da wohnt ihr Sohn. Da ist die gerade. Aber ich habe jetzt wirklich nichts gesagt. Und jetzt Tschüss. Gott mit euch!“, dann macht er noch eine hektische ausladende Handbewegung und wir gehen wieder vom staubigen Hof auf die staubige Straße.

Direkt vor dem Haus beginnt ein Trampelpfad, der zurück auf die Breite Straße führt. Erst jetzt fällt mir auf, dass in der ganzen Siedlung keine Bäume stehen. Auch fallen mir keine Baumstümpfe auf. Wenn es hier einmal Bäume gab, so müssen die Wurzeln gerodet worden sein. Trotzdem bin ich mir sicher, dass – sollte es hier einmal Bäume gegeben haben – sie nicht aus Habgier gefällt wurden, sondern aus Armut. Eine Armut, wie sie fast allen Siedlungen dieser Art zu finden ist. Das schwächste Glied in einer Gesellschaft. Und da es auch das letzte Glied ist, kann man gut und gern darauf verzichten. Eine Volksgruppe wird stigmatisiert und kriminalisiert. Gerade diese öffentliche Meinungsmache wird geschürt von den Regierenden, denen nichts besser in den Kram passt, als einen solch idealen Prügelknaben im eigenen Land zu haben, auf den man den gesamten Zorn der Bevölkerung fokussieren kann.

Wen ich daran denke, was diesen Menschen angedichtet wird, so verstehe ich auch die aufkeimende Wut der Roma gegenüber den Ungarn.

„Lass uns dann mal zu dem Haus schauen, von dem der junge Mann gesprochen hat“, sagte ich zu István und wir gehen zurück in die Richtung des Sozialgebäudes. Etwa hundert Meter vor unserem Ziel sehe ich zwei junge Leute, die mir schon aufgefallen waren, als wir in die Siedlung kamen und die sich betont gleichgültig und zurückhaltend benahmen. Nun sah ich aber, dass sie uns mit einem Handy fotografieren.

„Sollen wir auch lächeln?“, ruft István den Beiden zu. Daraufhin verschwinden die Leute in Richtung Kneipe.

„Das waren Käufliche.“ sagt mein Begleiter, „irgendwelche Spitzel, die für einen Personenkreis arbeiten, die es interessiert, was du hier tust. Die werden jetzt erst mal das Honorar für die Fotos – das sie noch nicht haben – versaufen. Aber keine Angst. Das sind nicht die einzigen, die dich hier oder in der Stadt beobachten.“

Wir stehen nun vor dem Haus des Sohnes, dessen Mutter anscheinend die Sozialhilfe gestrichen wurde. Vor dem Haus sitzt ein junger Mann, raucht und schaut seinem spielenden Kind zu. Das Haus ist neu verputzt und scheint in einem tadellosen Zustand zu sein. Der Mann schaut uns fragend an:

„Was wollt ihr hier? Sucht ihr jemanden?“

„Ja“, sage ich. „Wohnt Ihre Mutter dahinten, in der zweiten Reihe der Häuser?“ Ich zeige mit meiner Hand in die Richtung die ich meine.

„Da wohnt sie,“ antwortet der junge Vater, „wieso, stimmt was nicht mit ihr?“

Jetzt meldet sich István zu Wort: „Also der Nachbar ihrer Mutter behauptet, dass sie keine Sozialhilfe mehr bekommt, weil Haus und Hof nicht in Ordnung seien. Der Nachbar hat uns dann zu Ihnen geschickt, weil Ihre Mutter wohl jetzt hier sein soll. Können wir vielleicht kurz mit ihr sprechen? Oder wissen Sie vielleicht was darüber?“

„Also, meine Mutter ist nicht hier.“ antwortet er. „Ich habe auch keine Ahnung wo sie gerade ist. Dass ihr die ‚Sozi‘ gestrichen wurde, davon habe ich auch keine Ahnung. Ich brauche keine Sozialhilfe! Ich habe Arbeit.“

„Das ist ja toll“, sage ich jetzt. „Wo arbeiten Sie denn? Ein schönes Haus haben Sie.“

„Ich arbeite in der Geflügelfabrik“, sagt er nicht ohne eine gewissen Stolz. „Da arbeiten viele die hier wohnen. Wenn sie meine Mutter suchen..? Vielleicht ist sie ja bei ihrer Freundin. Jozsi, mein Junge“, sagt er jetzt an sein Kind gerichtet, „gehe doch mal zu Oma, die bei Tante Roszsa ist und sage ihr, dass sie herkommen soll.“

Wie ein Blitz ist der Kleine in Richtung des Tümpels verschwunden, der an dem Haus grenzt.

Keine zwei Minuten später kommt der Junge mit seiner Oma im Schlepptau wieder. Die alte Frau mit einem langen bunten Rock, einem etwas schmuddeligen Pullover und einem roten Kopftuch, unter dem ihre offenen Haare hervorlugten, machte einen überraschten Eindruck und fängt sofort zu erzählen an:

„Was wollt ihr denn von mir? In der Siedlung sagte man doch, dass wenn ihr kommen solltet, dass dann schon Leute da wären, die eure Fragen beantworten. Uns hat man aber gesagt, wie sollen nichts sagen. Also was wollen Sie dann von mir?

„Küss die Hand“, sage ich, (da dies die Anrede für eine ältere Frau ist) „nur eine ganz kurze Frage. Stimmt es, dass Ihnen die Sozialhilfe gestrichen wurde, weil Ihr Haus und ihr Hof nicht in Ordnung waren?

Diese Frage hätte ich besser nicht gestellt, denn sofort begann ein großes Gezeter: „Wer hat das gesagt? Der Blödmann, der das gesagt hat, will nur, dass meine Hilfe wirklich gestrichen wird. Jeder hier kann bezeugen, dass ich eine saubere rechtschaffene Frau bin, das ist üble Nachrede, das kann doch wohl nicht wahr sein!“

Mir tut jetzt meine Frage leid, die ich an Sie richtete. Ich hätte sensibler, diplomatischer vorgehen sollen. Dass ich jetzt noch eine brauchbare Antwort von ihr bekomme, kann ich vergessen. Außerdem habe ich sie bloßgestellt, was um so schlimmer ist, das ich ein Gadjo (Nicht-Roma) bin. Die einzige Reaktion, die sie jetzt zeigen kann, ja muss, ist die, ihre Empörung über den Vorwurf der gesamten Siedlung lautstark mitzuteilen.

„Macht, dass ihr wegkommt!“, ruft sie alte Frau, als sie schon auf dem Trampelpfad ist, der in die Richtung ihres Hauses geht und den wir vor einigen Minuten auch genommen haben, um hierher zum Haus ihres Sohnes zu kommen.

„Geht zurück nach Deutschland und nervt dann dann dort eure eigenen Menschen… So ein Schwachsinn! Mir und die Hilfe streichen.“

Die ganze Siedlung ist jetzt aufmerksam geworden. Die Menschen kommen aus den Häusern und wollen sehen, was der Anlass für diesen Aufruhr ist.

„Tut mir leid“, sagt der Sohn der Frau. „Da habt ihr wohl einen schlechten Tag erwischt. Aber ich brauche keine Angst zu haben, dass man mir die Hilfe streicht, denn ich habe Arbeit.“

Ich schaue ihn fragend an. „Kann ich dass so verstehen, dass Leute, die Sozialhilfe bekommen, Angst haben müssen, mit uns zu reden?“

„Natürlich!“, antwortet er und sieht dabei mit gelassener Miene auf seinen spielenden Sohn. „Die Menschen wissen hier schon seit Tagen, dass irgendwelche Menschenrechtler aus Deutschland kommen werden, um Fragen zu stellen. Den Leuten wurde gesagt, dass sie aufpassen sollen, was sie sagen, wenn sie was sagen. Von daher haben sich fast alle vorgenommen, den Mund zu halten. Das einzige Gute, was euer Besuch brachte, ist, dass endlich mal der Teich gereinigt wurde. Außerdem wurde wieder mal seit langem der Müll abgeholt. Wollt ihr vielleicht einen Kaffee?“

Ich bedanke mich und wir setzen uns auf die Fliesen der Terrasse neben den Vater, der seinem Sohn noch immer beim Spielen zuschaut. Nach einigen Minuten kommt seine Frau aus dem Haus mit zwei Tassen Espresso.

„Ich würde sagen, dass ihr hier und heute bestimmt keine Fragen mehr beantwortet bekommt“, sagt unser Gastgeber. „Ich denke auch morgen oder übermorgen werden die Leute noch Angst vor Fragen haben. Aber in ein paar Monaten könnt ihr ja wiederkommen. Kann ja sein, dass sich bis dahin der Wirbel gelegt hat. Eins ist aber sicher. In den nächsten Wochen wird euer Besuch hier garantiert noch ein Thema sein.“

Wir gehen zurück in Richtung Innenstadt. In der Nähe der Kneipe ruft uns ein schon Angetrunkener zu: „Wenn ihr das nächste Mal herkommt, solltet ihr euch nicht anmelden.“

Auf der Gépàllomás utca, die jetzt in umgekehrter Richtung in die Stadt führt, kommen uns viele Kinder entgegen.

„Schulschluss in der ‚Magister Schule‘“, sagt Istvan, „das ist eine Schule ausschließlich für Romakinder. Vom Kindergarten bis zum Schulabschluss. Ein kleines Universum für Romakinder. Kein Aufwachsen mit den ungarischen Kindern, denn die habe ihre eigenen Schulen. Schön sauber getrennt. Wir wollen ja schließlich nicht, dass die Zigeuner unsere Kinder mit Krankheiten und Prügel verunstalten.“ Dabei grinst Istvan verschwörerisch, in der Hoffnung, wieder einen Nerv in mir getroffen zu haben. Doch in der Tat. In Ungarn gibt es in vielen, wenn nicht in den meisten Städten getrennte Schulen für ungarische Kinder und Romakinder.

Wieder in der Stadt angekommen, empfängt mich eine ungewohnte Kälte, obwohl die Sonne noch scheint.

István bringt mich noch zum Bus nach Tiszalök. Vom Bus aus sehe ich wieder die moderne Festung, die ein Knast ist. Martialisch trotzt sie meinen Blicken und ihre weißen Mauen reflektieren die Wärme der Sonne.

Es wird kälter in Ungarn…

Anmerkung

Einige Namen in diesem Feature wurden geändert, da die Gefragten Angst vor Verfolgung durch staatliche oder lokale Behörden haben.

Die Angst vor einer „jüdischen Weltverschwörung“ und einer zu stark wachsenden ethnischen Minderheit beherrscht das Leben hier in Tiszavasvári und ist Stammtischgespräch in ganz Ungarn.

Neuste Informationen zur politischen Lage in Ungarn gibt es beim „Pester Lloyd“ und auf der Bloggerseite von „Pusztaranger“.

Homepage des Autors:

http://www.sozialfotografie.de

mailto: foto@helge-lindau.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s