Wer Schlechtes tut, dem Schlechtes geschieht

von Helge Lindau

Schon seit Wochen macht eine Hitzewelle das Leben in der bulgarischen Touristenmetropole am Schwarzen Meer zu einer Herausforderung.

Im Zimmer der Varnaer Innenstadtwohnung steht die Luft trotz der geöffneten Balkontür. Petja A. (61) liegt auf dem Bett des aufgeräumten Zimmers und schaut auf die an der Wand hängenden Gobelins. Vor 30 Jahren, als sich Ihre Krankheit noch im Frühstadium befand, hatte sie noch die Kraft, viele dieser Stoffbilder zu sticken. Jetzt liegt sie schon seit 20 Jahren ans Bett gefesselt und kann nur mit Mühe schwerfällig Kopf und Hände bewegen. Petja A. hat MS. Multiple Sklerose ist eine andauernde Entzündung des zentralen Nervensystems, mit der man in westlichen Ländern – mit Einschränkungen – leben kann. Doch in Bulgarien, wo ein Gesundheitssystem für ärmere Menschen fast nicht existiert, kommt diese Krankheit einem Todesurteil gleich. Jedoch wird dieses Urteil nicht sofort vollstreckt, sondern ist schleichend und qualvoll.

Medikamente und Therapien für MS Kranke kann sich die Familie von Petja A. – wenn überhaupt – nur in einem sehr begrenzten Umfang leisten. Von der Krankenkasse gibt es einen Zuschuss von zwei Euro fünfzig im Monat. Egal wie lebensnotwendig die Medikamente auch sein sollten, der bulgarische Patient muss fast alle Arzneien aus der eigenen Tasche bezahlen. Eine angemessene und etwas Erfolg versprechende medikamentöse Behandlung von MS kostet in Bulgarien etwa 1000 Euro monatlich. Ein Betrag den die ganze Familie jährlich zum Leben braucht.
Neben dem Bett der bis auf die Knochen abgemagerten Kranken, die nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein scheint, sitzt ihre Schwester Elena L. (65) und erklärt Monika Heitmann die fast aussichtslose finanzielle Lage der Familie. Monika Heitmann (35) ist Aufbaureferentin des bulgarisch-deutschen Hilfswerkes in Varna und berät die bulgarischen Mitarbeiter in der Sozialarbeit.
„Mein Mann, Petja und ich,“ so erzählt Elena, „haben zusammen eine Rente von 400 Euro im Monat. Davon gehen 300 Euro in die Pflege von Petja. Allein die Pflegerin, die wir bezahlen, bekommt davon 225 Euro. Der Rest, etwa 80 Euro, gehen für Windeln, Medikamente und Pflegehilfsmittel drauf. Für Lebensmittel und Kleidung bleiben also gerade einmal 100 Euro, für alle der im Haushalt lebenden Personen.
Hierzu muss man wissen, dass die Lebensmittelpreise in Bulgarien vergleichbar mit denen in Deutschland sind. Von den immensen Strom- und den winterlichen Heizkosten ganz zu schweigen.
„Bisher,“ so Elena weiter, „konnte mein Mann einen Großteil der Pflege bezahlen. Aber seit seinem Schlaganfall bekommt er auch nur eine magere Rente. Von dieser Rente müssen auch noch die Medikamente bezahlt werden, die er für seine Genesung braucht.“
Petja gibt ihrer Schwester – mit ihrer schwachen wispernden Stimme – recht. Doch sie ist kaum zu verstehen, denn durch die offene Balkontür dringt der in ganz Varna permanente Straßenlärm von hupenden Autos und abrupt aufheulenden Motoren.

Schicksale hinter Fenstern

Um Benzinkosten zu sparen wurde Monika Heitmann von einem Auto der Sozialstation, das Essen an Hilfs- und Pflegebedürftige wie Petja austeilt, in der Nähe von Petjas Wohnung abgesetzt. Den Rest des Weges musste sie zu Fuß gehen, da es vor dem Haus keine Haltemöglichkeit gibt und ein Aussteigen beim fließenden Verkehr unweigerlich zu Huporgien geführt hätte.

Monika H. arbeitet seit sechs Jahren für das Hilfswerk. Sie lernte bulgarisch; doch in erster Linie lernte sie die sozialen Gegebenheiten in Varna kennen. Petja A. und ihre Schwester Elena würden sicher schon auf sie warten. Trotzdem nimmt sie sich Zeit und schaut hoch zu den Plattenbauten, durch deren Schluchten sich die nicht abreißen wollende Schlange von Autos zieht. Die Wohnblocks wurden in der kommunistischen Zeit Bulgariens ohne Rücksicht auf bauästhetische Belange hochgezogen. In den Anfängen der postkommunistischen Zeit wurden dann die Wohnungen an die Mieter verkauft. Die neuen Wohnungsbesitzer begannen ihr Eigentum umzubauen und verwandelten es – auch von der Straße aus sichtbar- in skurril anmutenden Unikate. Aus manchen Fenstern schauen nun Ruß geschwärzte Schornsteinrohre; jeder Balkon bekam sein eigenes Aussehen und wurde in vielen der Wohnungen zum Kochplatz oder zur Abstellkammer. Einige Wohnungen wurden von aussen mit Isolierplatten verkleidet und neu gestrichen, was die unten liegende Etage noch heruntergekommener erscheinen lässt. In vielen Treppenaufgängen stapelt sich der Sperrmüll. Eine fatale Situation. Falls einmal der Lift ausfallen sollte, kann man nur noch in gewagten Kletteraktionen höhere Stockwerke über das Treppenhaus erreichen.

Heute, am frühen Morgen, war Monika H. bei Iwan Petrov*. Iwan ist neben Petja A. auch einer der vielen „Klienten“ des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerkes ´St. Andreas´ e.V.. Der ehemalige Zahnarzt Iwan ist blind, bettlägerig und kann sich nicht mehr selbst versorgen. Zusammen mit seiner geistig behinderten Tochter lebt er in einer verwahrlosten Zweizimmerwohnung eines Plattenbaus. Zweimal wöchentlich bekommt er Besuch von einer Krankenschwester, die ihn versorgt. Sie wechselt professionell seine Windeln, wäscht und rasiert ihn, findet, wenn sie nicht zu sehr im Zeitdruck ist, auch ein paar Minuten, um mit ihm über seine Ängste und Sorgen zu sprechen. Dann muss sie allerdings schon wieder weiter zum nächsten Pflegebedürftigen und Iwan bleibt wieder sich selbst überlassen – bis zum nächsten Termin.
Die Krankenschwestern arbeiten vor oder nach dem offiziellen Dienst im Krankenhaus für das Sozialwerk. Ein normaler Vorgang in Bulgarien, denn von einen Job allein kann man sich den Lebensunterhalt nicht sichern. Die tägliche Arbeitszeit einer solchen Krankenschwester kann dann schon einmal 16 Stunden betragen.
Hierbei hat Iwan Petrow noch Glück im Unglück. Viele seiner Leidensgenossen bekommen noch weniger oder keine Hilfe. Ein soziales Sicherungsnetz ist in Bulgarien so gut wie unbekannt. Viele Hilfsbedürftige haben weder eine Krankenversicherung noch irgendeine andere soziale Absicherung. Wenn diese Menschen eine medizinische Leistung in Anspruch nehmen wollen, so müssen sie, um krankenversichert zu werden, einen ganzen Jahressatz an Versicherungsgebühren auf einmal bezahlen. Da dieses kein Armer schaffen kann, sterben sie unbemerkt von der Öffentlichkeit in ihren Plattenbauwohnungen.

Es gibt keine Statistik über etwaige Pflegefälle in Bulgariens Meereshauptstadt Varna. Aber die Schätzungen von Sozial- und Hilfsorganisationen sind schockierend. Wenn man die bekannten Fälle hochrechnet und auf die verschiedenen Stadtteile verteilt, wäre eine Größenordnung von etwa 10.000 Menschen, die der Hilfe bedürfen und keine bekommen, sogar noch untertrieben.
Den bulgarischen Staat lassen jedoch solche Zahlen kalt. Die Politiker, Beamten und Unternehmer sind mit anderen Sachen beschäftigt. Zum Beispiel mit der Frage: ‚Wie fülle ich meinen eigenen Geldbeutel.‘
Deswegen hat auch die EU – wegen anhaltender Korruption in Bulgarien – dringend benötigte 500 Millionen Euro Hilfe vorerst auf Eis gelegt und weitere 200 Millionen ganz gestrichen. Wer die Leidtragenden dieser rigorosen Maßnahmen sind kann man sich schnell denken. Auf alle Fälle sind es nicht die korrupten, betrügerischen Machtinhaber. Doch die Damen und Herren im Sofioter oder im Brüsseler Parlament interessiert es nicht, wenn irgendwo am Schwarzen Meer – in der Platte – die Menschen verrecken.

Trotz des großen Engagements der Mitarbeiter vom Sozialwerk in Varna ist ihre Arbeit nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Sie können nur einem verschwindend kleinen Bruchteil der Hilfsbedürftigen ihre Hilfe zukommen lassen, da mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine flächendeckende Unterstützung von Hilfesuchenden unmöglich ist. Händeringend wird versucht jeden Euro, der zur Verfügung steht, zu optimieren. Dabei müssen dann schon einmal unpopuläre Maßnahmen ergriffen werden. Letztens wurde der geringfügige Obolus, den die Hilfsbedürftigen für ihre Essenversorgung bezahlen müssen, in manchen Fällen um bis zu hundert Prozent erhöht. Trotzdem deckt dieser Beitrag auch nur ein Promille der tatsächlichen Kosten. Wenn überhaupt, so bezieht der Großteil des Klientels des Sozialwerkes nur eine „soziale Mindestrente“, die bei etwa 46 Euro monatlich liegt. In einigen Fällen kann diese Rente auch bis 62 Euro ansteigen, wenn bestimmte Bedingungen, wie der Nachweis einer Schwerstbehinderung, angezeigt werden können. Für diesen Nachweis muss der Betreffende krankenversichert sein. Doch wer sich eine Krankenversicherung leisten kann, gilt schon als Reicher unter den Armen.

Die Ghettos der Stigmatisierten

Der soziale Wahnsinn von Varna spielt sich nicht nur hinter den Fenstern der Wohnblocks ab, in denen mehrheitlich bulgarisch ethnische Menschen wohnen, sondern auch in den Slums in und um Varna herum.
Hier leben in erster Linie Roma, von der Mehrheitsbevölkerung in diese Ghettos und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die größte dieser Enklaven heißt „Makzuda“ und liegt in der geografischen Mitte von Varna. Vorbei am Busbahnhof und der Shoppingmall von Varna eröffnet sich einem das Elendsviertel. Erst geht man neben gemauerten Steinhäusern vorbei, die, um so weiter man in das Viertel vordringt, von Holzbaracken und Wellblechhütten, dann von noch primitiveren Unterkünften abgelöst werden. Schätzungsweise 15.000 Menschen leben allein in „Makzuda“. Die Zahl ist sehr spekulativ, da andere Schätzungen von dem Doppelten ausgehen. Hier herrschen nicht dieselben Gesetze wie draußen in der anderen Welt, die Varna heißt. Diese Gesetze wurden von Menschen gemacht, die die Verzweiflung und die Armut ihrer Mitbewohner ausnutzen.
Die Polizei lässt sich in diesem Viertel nicht blicken. Im Gegenteil. Wenn sich hier die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, so ihr Gedankengang, gibt es ein paar Probleme weniger.

Oft wurde schon darüber geredet, das ganze Viertel einfach niederzuwalzen, doch raffinierte Politiker kamen dann auf die Idee die Bewohner von „Makzuda“ als williges Stimmvieh zu gebrauchen. Und tatsächlich! Immer pünktlich vor den Wahlen kommen Politiker der gerade regierenden Partei und versprechen das Ghetto nicht abzureißen, wenn ihre Partei gewählt wird. Dazu gibt es dann noch als Bonus etwa 15 Lewa (entspricht in etwa 7,50 Euro) für jede abgegebene Stimme. Nach der Wahl dann sind die Versprechen wieder vergessen, und man kann bis zur nächsten Wahl wieder Angst vor dem Abriss verbreiten, da, so dann dieselben Politiker: ‚Das Viertel ein großer Sumpf aus Kriminellen ist‘.
Dass sich hier die Kriminalität besonders gut entwickelt ist aber vor allem ein Verdienst der Politik. Überall wo sich Armut und Elend so unkontrolliert ausbreiten wie hier, sind dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet. Leider werden hier wirklich alle Klischees des Verbrechens bedient. Von der Prostitution, vor allem der Kinderprostitution, über Diebstahl, Schiebereien bis hin zu Gewaltverbrechen. Die Nutznießer dieser Verbrechen wohnen allerdings in den seltensten Fällen im Herzen von „Makzuda“. Vielleicht nur kleine Zuhälter, die sich für „Makzuder“ Verhältnisse wahre Paläste hingestellt haben.
Viele der Kinder und Erwachsenen, die hier leben, sind illegal. Illegal heißt in diesem Fall, dass sie keine behördliche Identität besitzen. Sie wurden geboren ohne Geburtsurkunde, ohne Pass, ohne von staatlicher Seite registriert zu sein. Krankheiten können nicht auskuriert werden, da ein Arztbesuch für diese Menschen nicht bezahlbar ist. Folge davon ist, dass viele Krankheiten chronisch werden. Kinder, die meist halbnackt auf der Straße und im Müll spielen, sind dadurch besonders anfällig für Infektionskrankheiten aller Art. Besonders grassieren zur Zeit die verschiedenen Formen der Hepatitis.
Der Alkohol- und Drogenkonsum gedeiht in diesem Umfeld hervorragend und gilt als Todesursache Nummer Eins.

„Makzuda“ ist jedoch nicht das einzige Ghetto dieser Art in Varna. Neben diesem gibt es etwas an den Rand der Stadt gedrängt noch die Quartiere in „Vladislavovo“, „Asparuchovo“ und „Kamenar“. Die Situation in diesen Vierteln ist ähnlich der in „Makzuda“.
Die Hilfe von Organisationen, die Kleider und von Fall zu Fall Medikamente spenden, ist zwar gut gemeint, aber letztendlich eher ineffektiv, solange man den Betroffnen keine Hilfe zur Selbsthilfe gibt.
„In erster Linie muss vor allem den jungen Menschen ihre Situation vor Augen geführt werden.“, so Monika Heitmann, „Die meisten Leute aus den Ghettos wurden dort geboren und kennen somit auch nichts anderes. Ihnen muss durch Bildung der momentane Ist-Zustand vor Augen geführt werden. Damit sie raus aus dem Ghetto und rein in die Gesellschaft finden.“
Diese Gedanken veranlassten Heitmann, dass sich das Sozialwerk nicht nur mit pflegebedürftigen Alten und Behinderten beschäftigt, sondern auch ein Projekt namens „Step in“ ins Leben gerufen wurde. Dieses Projekt ermöglichte einigen Kindern und Jugendlichen außerschulische Nach- und Hausaufgabenhilfe, Englisch- und Computerkurse zur Vorbereitung auf eine weiterführende Berufsbildung. Neben den Kursen wurde auch großen Wert auf eine umfassende Bildung gelegt, indem man Ausflüge an historische Orte sowie Museumsbesuche organisierte. Einen hohen Stellenwert nahmen aber auch die künstlerische und sportliche Erziehung sowie das kostenlose Mittagessen ein, das von den Schülern gern angenommen wurde.
Nach anfänglichen Erfolgen jedoch versiegten die Geldquellen, und das Projekt muss nun bis 2010 pausieren. Ein herber Rückschlag für die engagierte Frau, die – ob der beschränkten finanziellen Mitteln seitens der Behörden und Organisationen – noch lange nicht ans Aufgeben denkt.

Verwahranstalten

Eigentlich ist es die Hauptaufgabe von Monika Heitmann, soziale Projekte zu initiieren, aufzubauen, zu organisieren und begleiten. Jedoch lässt sie es sich nicht nehmen auch immer wieder die Menschen zu besuchen, um die es in Ihrer Arbeit geht. Daraus sind, wie im Fall von Petja A. und ihrer Familie, auch vertrauensvolle Beziehungen entstanden.

Trotz des surrenden Ventilators scheint die heisse Luft in Petjas Zimmer zu stehen. In einer Nachbarwohnung plärrt ein Radio oder Fernseher. Petja hat ihre dürre Hand auf die ihrer Schwester Elena gelegt. Jetzt wird erst der Unterschied zwischen beiden Händen deutlich. Während die Hände von Elena die einer Frau sind, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, wirken die der MS Kranken Petja zerbrechlich. Kein Muskel scheint mehr vorhanden zu sein. Zwischen den Fingerknochen und der Haut zeichnen sich deutlich die Adern ab, so als bestände ihre Haut aus Pergament.
Petja erzählt Monika H. von ihrer Zeit in Berlin und fast scheint es als würde ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht huschen. Ihr halbjähriger Aufenthalt in Berlin liegt nun schon 43 Jahre zurück, dennoch kann sie sich an vieles erinnern. Auch freut sie sich ihre guten Deutschkenntnisse durch ein Gespräch mit Monika H. aufzufrischen. Dies alles lässt sie für kurze Zeit ihr Leid vergessen.
„Könnt ihr vom Sozialwerk nicht ein Pflegeheim aufmachen?“, fragt Petja, und hebt dabei andeutungsweise, schwerfällig den Kopf. Doch ihre Schwester Elena beeilt sich schnell zu sagen: „Daheim ist es doch viel besser, da weißt Du, wer auf Dich aufpasst.“

Tatsache ist, dass es für die knapp 400.000 Einwohner von Varna nur ein staatliches Pflegeheim mit etwa 50 Plätzen für Bettlägerige gibt. Dort müssen sich jeweils drei Patienten ein Zimmer teilen. Diese Einrichtung verdient allerdings weniger den Namen Pflegeheim, als vielmehr den Titel Verwahranstalt.

Die wenigen privaten Heime kosten pro Pflegeplatz etwa 350 bis 500 Euro monatlich. Medikamente, Windeln und andere Pflegemittel müssen natürlich extra bezahlt werden. Für Petja ein schier unbezahlbares Unterfangen, da ihre gesamte Rente gerade 130 Euro beträgt. In einem kleinen Ort bei Varna gibt es noch ein staatliches Pflegeheim, in dem die Kranken im ersten Stock des Gebäudes untergebracht sind. Bezeichnenderweise können die Liegenden fast unmöglich transportiert werden, da das Gebäude nicht rollstuhlgerecht gebaut wurde. Die Greulgeschichten von Pflegeheimen machen immer noch die Runde in der Bevölkerung und scheinen einer wahren Grundlage nicht zu entbehren.
„In Povadija“, so weiß Elena zu berichten, „ist vor 15 Jahren ein Heim in Flammen aufgegangen. Bis zum heutigen Tag wurde lediglich die Kantine renoviert. Die Kranken wurden in einen nahe gelegenem Busbahnhof evakuiert, in dem sie bis zum heutigen Tag untergebracht sind.“

Resignation

„Wir haben diesen Staat aufgebaut“, resümiert Elena mit Tränen in den Augen, „und jetzt interessiert sich keiner mehr für uns. Auch der Staat interessiert sich weder für die gesunden, noch für die kranken Menschen.“ Sie macht eine kleine Pause und schaut Petja an. „In Alter und Krankheit ist man auf sich allein gestellt. Wer keine Nächsten hat, der bleibt ohne Hilfe und Pflege und verwahrlost. Die Gesunden verlassen das Land. Der Staat kann ja nicht einmal für die Gesunden sorgen.“

Bulgarien behandelt in der Tat seine Bürger stiefmütterlich. Die Renten sind so niedrig, dass selbst ein sparsamer Mensch unmöglich davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Die durchschnittliche bulgarische Rente beträgt gerade einmal 115 Euro. Auch derjenige, der die Maximalrente von 240 Euro bekommt (und dies sind sehr wenige), hat Schwierigkeiten über den Monat zu kommen. Selbst ein ganztägig arbeitender Mensch muss sein Leben sehr einschränken, denn auch mit monatlich 270 Euro – bulgarisches Durchschnittseinkommen für Berufstätige – kann man keine großen Sprünge wagen.

Elena glaubt längst nicht mehr an einen Gott. Ihr Glaube ist ihr über die Jahre abhanden gekommen. Von zu vielen Schicksalsschlägen wurde sie verbittert. Sie glaubt einfach nicht mehr an die Gerechtigkeit in dieser Welt. „Wer Gutes tut, dem Gutes geschieht; wer Schlechtes tut, dem Schlechtes geschieht.“ sagt sie an Monika H. gewandt, „Nein! Das stimmt so leider nicht…“

Seit zwei Jahren ist Bulgarien volles Mitglied in der Europäischen Union. Jedoch vom sozialen, kulturellen oder wirtschaftlichen Standpunkt aus, wäre es nicht übertrieben Bulgarien als ein Entwicklungsland zu bezeichnen. Wie auch in Entwicklungsländern üblich, fehlt die große Masse die ein Staat erst lebensfähig macht: nämlich die Mittelschicht. In diesem Staat existiert nur das Heer der Armen, das von von einer kleinen elitären Gruppe, der Reichen, mehr oder weniger gelenkt wird.

(c) by Helge Lindau

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