Legenden, Hass und Provinzpolitik oder eine Reise in den Osten Ungarns

ein Feature von Helge Lindau

Die Ankunft
Selbst für das östliche Ungarn sind die Oktobertemperaturen, die gerade
herrschen, recht hoch. In Debrecen, der zweitgrößten Stadt des Landes, waren es heute
zur Mittagszeit um die 28 Grad. Jetzt, am frühen Nachmittag, sitze ich in einem alten
Triebwagen und fahre von Debrecen in das etwa 70 Kilometer entfernte Tiszavasvári. An
den Gleisen wurde wohl schon seit ewiger Zeit nichts mehr gemacht, denn der Wagen
bewegt sich nur sehr langsam voran. Alle zwanzig Meter scheint ein Ruck den Wagen
zerreißen zu wollen, nämlich immer dann, wenn der Zug über eine Stoßstelle zwischen
den Schienen fährt.

Vor einigen Minuten klingelte mein Telefon und Istvan, mein Kontaktmann in
Tiszavasvári, sagte mir, dass die Unterkünfte, die für mich vorgesehen waren, abgesagt
wurden, obwohl keine anderen Gäste in der Stadt sind und meine Unterbringung
gesichert schien.

Scheinbar bin ich in der Stadt, die sich selbst als die Hauptstadt der ‚Jobbik‘
bezeichnet, nicht wirklich willkommen. Die ‚Jobbik‘ in Ungarn ist vergleichbar mit der
DVU in Deutschland. Jedoch ist ihr Hass auf Juden, Roma und Intellektuelle,
wesentlich offener, als es sich die DVU zuzugeben traut. Dazu sitzt die Partei ‚Jobbik‘,
deren Namen Programm ist, und je nach Deutung als die ‚Besseren‘ oder als die
‚Rechteren’ transkribiert werden kann, auch noch im ungarischen Parlament. Die
Regierungsparteien ,FIDESZ – KDNP’ schauen dem Treiben ,Jobbik‘ neidisch zu und
versuchen die populistischen Inhalte dieser Partei eins zu eins zu übernehmen.
Tiszavasvári hat also die die Ehre, den ersten Jobbik-Bürgermeister des Landes
gekürt zu haben, und dies gleich mit einem Stimmenanteil von 52 Prozent.
Was wird mich dort also erwarten? Ein Nest am nordöstlichen Rande der Puszta,
ein paar Kilometer von der Theiß entfernt, der weder Tourismus noch Wirtschaft kennt.
Ein Ort, der aus etwa 13.000 Seelen besteht und außer ein paar Plattenbauten, die in
der Zeit des Gulaschkommunismus von Kadár János hochgezogen wurden, kaum
mehrgeschossige Häuser aus älterer Zeit zu bieten hat. Die Stadt ist eigentlich ein Dorf.
Der Bahnhof von Tiszavasvári, besteht aus drei Gleisen und einem kleinen
Bahnhofsgebäude, das sich nicht im Wesentlichen von den anderen Gebäuden anderer
Dörfer auf der Strecke unterscheidet.

Istvan wartet vor dem Bahnhof auf mich und versucht mir die Sache mit der
Unterbringung zu erklären:
„Als die Stadtverwaltung Deinen Namen hörte, haben sie wahrscheinlich im
Internet recherchiert und herausgefunden, dass Du Dich für die Interessen Roma
eingesetzt hast. Das ist denen natürlich ein Dorn im Auge. Wie es aussieht, wurden alle
Leute, die Zimmer vermieten, informiert, dass man Dir keine Unterkunft geben darf.
Aber ich habe schon eine andere Absteige in Tiszalök, einer Stadt nicht weit von hier,
gefunden.“

Wir gehen zu seiner Wohnung. Der Weg führt über staubige, ausgetrocknete Wege,
auf denen die Wegplatten nur noch andeutungsweise durch den allgegenwärtigen Sand
zu erkennen sind.
Vor seiner Wohnung, in einem dreigeschossigen Plattenbau, bleiben wir stehen
und rauchen noch eine Zigarette. Zwei Bänke stehen vor dem Haus, wir setzen uns in
den Schatten von Akazienbäumen. Neben den Bänken führt eine kleine Straße entlang,
auf der ein Moskwitsch alter Bauart an uns vorbeiknattert. Auf den Wegen sind kaum
Menschen zu sehen, doch hinter den mit teils dichten Gardinen verhängten Fenstern
vermute ich viel Leben. Obwohl es schon gegen 3 Uhr nachmittags ist, ist die Luft von
Mittagessenduft geschwängert. Gerade dies lässt meinen schon seit Stunden leeren
Magen noch lauter knurrend protestieren.

„Meine Frau hat Essen gekocht“, sagt Istvan, der nach oben in Richtung seiner
Wohnung zeigt. „Es gibt gefülltes Kraut. Magst Du das?“ Gerade wollte ich Istvan das
Angebot machen, ihm zum Essen einzuladen. Dies hat sich wohl jetzt erledigt.
Wohl wissend wie ein ungarisches ‚gefülltes Kraut‘ schmeckt, wenn es zudem von einer
erfahrenen ungarischen Hausfrau zubereitet wurde.
„Da sage ich nicht nein“, entgegne ich schnell, und bin froh, nach meinem mageren
Frühstück in Debrecen wieder etwas zwischen die Zähne zu bekommen.

Tiszalök
Zwei Stunden später sitze ich gut gesättigt in dem Zug, der mich nach Tiszalök
bringen soll. Langsam setzt sich der Triebwagen in Bewegung. Tiszalök ist die
Endstation dieser Strecke. Für die 10 Kilometer wird der Zug etwa zwanzig Minuten
brauchen.

Während der Fahrt sehe ich den riesigen Gefängniskomplex von Tiszalök, der wie eine
moderne Burg in die Landschaft gepflanzt wurde. Martialisch ragen an den mit
Stacheldraht bewährten Mauern Wachtürme empor. Die Anlage ist exakt quadratisch
angelegt und der Zug fährt nur wenige Meter an den Mauern vorbei. Die Passagiere im
Triebwagen nehmen diesen Bau gar nicht wahr. Er hat sich in den Alltag der Leute
eingepflanzt, obwohl er gerade mal vor fünf Jahren erbaut wurde. Ich jedoch starre auf
dieses Manifest der staatlichen Exekutive, als wäre es eine Fata Morgana.
Gemächlich jedoch stolpert der Treibwagen, als würde er absichtlich den Knast
ignorieren, auf das Städtchen Tiszalök zu.

Das Stationsgebäude unterscheidet sich augenscheinlich nicht von denen der
anderen Stationen. Nur dass hier neben dem Bahnhof keine kleinen Plattenbauten
stehen, sondern einfache Einfamilienhäuser.
Vor dem Bahnhofsgebäude blicke ich mich ratlos um, sehe dann doch in einer
Entfernung von etwa zweihundert Metern einen Bus auf einer bestimmt größeren
Straße vorbeifahren.
Ich schlage diesen Weg ein, und nach etwa fünf Minuten stehe ich mit meinem
Gepäck im ‚Zentrum‘ vom Tiszalök. Das Zentrum besteht aus einem Restaurant, das
allerdings nur noch als Bierausschank zu dienen scheint. Gleich daneben ein
Supermarkt, dessen Angestellte, wie ich durch die Schaufensterscheiben sehe, gerade
das Wurstsortiment aus den Tresen nimmt. Neben dem Supermarkt gibt es noch
Blumengeschäft, ein Gemüsestand und ein Schreibwarenladen. Dazu gesellt sich – egal
wie klein auch der Ort in Ungarn sein mag – das „Polgarmester Hivatal“, also das
Rathaus.
Vor den meisten dieser Rathäuser herrscht
die absolute Ordnung. So auch vor diesem.
In einem Garten, der frisch angelegt wurde,
steht eine Bildhauerarbeit, die aus den
ideologisch verbrämten Zeiten des Sozialismus –
in diesem Fall wohl mehr des Faschismus –
importiert wurden: Eine Frau steht mit einem
Kind auf einer Insel, die das Ungarn in der
heutigen Größe darstellt. Dieses Ungarn in
seiner heutigen Form ragt jedoch aus dem
Großungarn heraus, das vor dem Vertrag von
Trianon bestand und von der Adria bis in die
heutige Ukraine reichte. Dieses Großungarn
wieder national herzustellen ist der latente
Wunsch der ,FIDESZ‘ und der unbedingte Wille
der „Jobbik“. Dass diese Skulptur jedoch besser als Grabstein für einen rechten Politiker
zu taugen scheint, verstehen die wenigsten. Wie ich später erfahre, findet man dieses
„Kunstwerk“ sehr schön, wenn auch etwas zu teuer.
Für Kunst ist nicht viel Platz im heutigen Ungarn.
Fähige Intendanten werden von ihren Posten entfernt und von parteigetreuen
Vasallen ersetzt. Schriftsteller werden als Vaterlandsverräter und verkappte Juden
enttarnt; ja selbst die Werke von Thomas Mann will man aus dem Schulunterricht
entfernen, da dieser Schreiberling ja wohl schwul war.
Namhafte Künstler erheben ihre Stimmen gegen diesen Ausverkauf der Kultur und
wandern aus, in der Hoffnung, dass sie vielleicht schon in naher Zukunft wieder zurück
ins Land können. Andere wenden sich enttäuscht für immer von diesem Land ab und
berichten im Ausland davon, was sie in diesem Land erlebt haben. Jedoch ist das
Thema ,Ungarn‘ nicht so interessant für ausländische Medien. Es gelangen viel mehr
Informationen, Skandale und menschenverachtende Geschichten ins Ausland, als die
ausländische Presse – selbst die unabhängigen – verarbeiten könnten. Das Interesse an
Ungarn in Europa ist derart gering, dass man lieber über Ungarn schweigt.
Positives gab es in den letzten Jahren sowieso nicht zu berichten. Wenn jedoch über das
Land berichtet wurde, so waren es meist Randnotizen.

Während mir diese Gedanken durch den Kopf gehen, merke ich, wie andere Leute
aus dem Dorf – Pardon, der Stadt – mir zusehen, wie ich das vermeintliche Grabmal
betrachte. Ich lächele freundlich meinen Beobachtern zu, greife meine Reisetasche und
mache mich auf in Richtung der Pension, die ein Zimmer für mich reservieren konnte.
Außer mir beherbergt die Pension nur eine kleine Gruppe von Arbeitern, die sich
gelangweilt im Vorraum zu den Zimmern eine amerikanische Sitcom anschauen, die
im ,Off‘ vom Sender ins Ungarische übersetzt wird.

Tiszavasvári,
10 Uhr vormittags.
Der Bus, der mich von Tiszalök nach Tiszavavári bringt, hat etwas Verspätung. Ich
steige in der Nähe der römisch-katholischen Kirche aus, eine schmucklose, weiß
angestrichene Kirche, die von einem schmiedeeisernen Gitter umgeben ist und vor der
die Hauptstraße der Stadt verläuft. Deswegen wurde diese Kirche auch zum
Namensgeber dieser Bushaltestelle. Auf meinem Handy habe ich mir die Koordinaten
für mein erstes Treffen mit einer engagierten ehrenamtlichen Wahlkämpferin der
rechtskonservativen Partei ,FIDESZ‘ gespeichert. Das Treffen mit ihr soll in einem
kleinen Café in der Nähe des Bahnhofes des Städtchens sein. Ich habe noch etwas Zeit
und schlendere an einem für diese Stadt zu groß dimensioniertem, dennoch nur
zweigeschossigen Polizeihauptquartier vorbei.

Dann und wann donnern ukrainische und ungarische LKWs auf der Straße neben
mir vorbei. Nach etwa drei Minuten biege ich in eine kleinere Straße in Richtung
Zentrum ein. Ein paar Meter neben dem Eingang zu einer Schule sehe ich dann auch
schon das Café, das von außen den Eindruck einer Eisbude macht.
Im Café befinden drei Tische, an denen jeweils vier gusseiserne Stühle stehen, die
mit schmuddelig wirkenden Sitzpolstern ausgestattet sind.
Ich grüße freundlich die ältere Kellnerin hinter einem Kuchen- und Eistresen.
Dann setze ich mich an einen der zwei freien Tische. An dem besetzten Tisch sitzt ein
älteres Paar, das sich scheinbar nicht mehr zu erzählen hat. Er trinkt ein Glas Wein, sie
schaut ihm dabei zu. In fünf Minuten wäre der Termin für das Gespräch mit Frau M.,
der Wahlkämpferin der FIDESZ.

Der Boden des Cafés ist luxuriös mit teuren Kacheln gefliest. Alles sieht peinlich
sauber aus, als wolle man zeigen, dass hier in der „Zigeunerstadt Tiszavasvári“ auch
Ordnung herrscht. Obwohl das, was ich bisher von der Stadt sah, nicht unordentlich
oder heruntergekommen war. Im Gegenteil! Im Vergleich zu anderen ungarischen
Dörfern und Städten sieht dieser Ort sogar aufgeräumt aus, wenn sich auch der ewige
Sandstaub der Puszta wie eine Patina über die Stadt legt.
Auf dem Fenster, das in Richtung Straße, geht klebt eine große Coca-Cola-Reklame
und versperrt mir so die Sicht nach draußen. Gerade, als ich versuche ausmachen, aus
welcher Position man am besten draußen schauen kann, ertönt die elektronische
Türglocke, die ich auch gehört habe, als ich den Laden betrat.

In der Tür steht nun eine leger, doch ordentlich gekleidete Frau, die ich auf Mitte
dreißig schätzen würde und schaut sich kurz um. Sie ist recht klein, schlank, und hat ein
etwas spitzbübisches Aussehen. Einen Augenblick später sieht sie in meine Richtung.
Ich nicke ihr freundlich zu. Sie kommt zu meinem Tisch und sagt theatralisch auf
ungarisch:
„Sie sind also der berüchtigte Menschenrechtler. Der Kämpfer für die Sache der
Roma.“
Ich stehe auf und ziehe einen gusseisernen Stuhl so zurecht, dass sie sich
bequemer setzen kann. Dabei kratzen die Beine des Stuhls über die Bodenfliesen und
erzeugen eine Frequenz, die entsteht, wenn man unabsichtlich mit dem Fingernagel
über eine Schultafel kratzt. Ein Geräusch, das einem Menschen mit empfindlichem
Gehör meist eine Gänsehaut beschert.

Als ich mich wieder setze, sage ich:
„Ich bin weder berüchtigt, noch ein Kämpfer. Und die Menschenrechte sollten uns
eigentlich alle interessieren. Jedenfalls die Leute, die noch in der Lage sind, klar zu
denken. Trotzdem danke ich Ihnen, dass sie meiner Einladung gefolgt sind. Ich hoffe,
dass sie mir etwas weiterhelfen können, weil–“
„–Weiterhelfen kann ich immer“, fällt mir Frau M. ins Wort. „Ständig kommen
Leute zu mir und wollen Hilfe. Meistens kann ich auch helfen. Doch seitdem die Jobbik
hier in Tiszavasvári an der Macht sind, fällt selbst mir das Helfen oftmals schwer. Sie
müssen wissen, die Leute, die jetzt im Rathaus sitzen, sind die schlimmsten Ganoven.“
Endlich kommt die Kellnerin und ich bestelle zwei Espresso und zwei
Mineralwasser. Mein Gegenüber wartet brav mit ihren weiteren Ausführungen, bis ich
die Bestellung aufgegeben habe.

„Stellen sie sich vor“, nahm sie das Gespräch wieder auf, „die neuen Leute
Rathaus, die Jobbik-Leute, habe sich den Wahlsieg erkauft. Und zwar von dem
Gesindel, dass sie am meisten hassen. Den Zigeunern!“
„Ich habe schon davon gehört“, sage ich und bin froh, dass das Gespräch ohne
langes Vorgeplänkel gleich zum Punkt kommt. „Den Roma wurde Geld für ihre
Wahlstimme geboten. Obwohl sich dieser Vorwurf nicht genau beweisen lässt. Haben
Sie denn dafür Beweise, dass es wirklich so war?“
„Die Beweise? Na klar! Die standen sogar in den Zeitungen, als sich unser
Bürgermeister mit dem ,Hauptgeldverleiher‘ fotografieren ließ.“
„Was für Geldverleiher?“, frage ich.
„Also die Geldverleiher sind Kredithaie unter den Roma, die ihre eigene Rasse
aussaugen bis auf die Knochen. Wenn Sie ein Zigeuner sind, bekommen Sie von keiner
Bank einen Kredit. Schon gar nicht, wenn ihre Adresse auf den Namen einer Straße
lautet, die im Zigeunergebiet liegt.
Wenn sie aber Geld brauchen – also wirklich dringend – für Medikamente, für
eine Operation oder weiß der Teufel was auch immer, dann gehen Sie zu diesen
Kredithaien. Es wird Ihnen sofort geholfen. Das ist sicher! Sie, ich meine jetzt Sie als
Zigeuner, brauchen – sagen wir 50.000 Forint. Die bekommen Sie dann bar auf die
Kralle. Jedoch müssen Sie diesen Betrag mit einem Zins von zwanzig bis fünfzig Prozent
– pro Monat! – zurückzahlen. Können Sie das nicht, so wird die anstehende
Kreditsumme mit den bereits angefallenen Zinsen weiter verzinst, sodass sich der
geliehene Betrag bereits im zweiten Monat nach der Kreditnahme verdoppelt hat.
Können Sie dann wieder nicht den ausstehenden Betrag aufbringen, wird Ihnen eine
erste Frist gesetzt, da die Verleiher ja wissen, dass Sie eine solche Summe sowieso nicht
stemmen können. Dann wird Ihnen mit Prügel gedroht, danach werden Sie verprügelt;
bis Sie total von den Kreditgebern abhängig sind. Im dümmsten Fall kann es Ihnen
passieren, dass Sie umgebracht werden. Im unangenehmsten Fall hingegen kommt es
vor, dass eines Ihrer Kinder zur Prostitution ins Ausland verkauft wird. Meist jedoch
werden Sie zu Sachen gezwungen, die Sie so niemals tun würden: Nämlich Raub,
Diebstahl…“

Jetzt unterbreche ich meine Gesprächspartnerin.

„Das mit den Kredithaien ist mir ja bekannt“, sage ich und werde kurz von Kindern
abgelenkt, die draußen vor dem Café streiten.
„Aber was hat dies, so traurig das andere Thema auch ist, mit den Wahlen und
dem ungewöhnlichen Sieg der Jobbik zu tun?“
In der Schule nebenan scheint große Pause zu sein, denn die Gruppe von Kindern,
die eben noch draußen stritten, stürmt in den Laden und die Ruhe, die bisher hier
herrschte, wird von Kindergeschrei zerrissen.

Frau M. hebt ihre Stimme etwas an, um gegen die Geräuschkulisse anzuerzählen.
„Was das mit der Jobbik zu hat?“, fragt meine Gesprächspartnerin, die sich gerade
richtig in Rage geredet hat. “Okay, ich mag vielleicht etwas voreingenommen sein, da
wir den Wahlkampf hier in Tiszavasvári mit fairen Mitteln geführt hatten und von
dieser Bande Krimineller überrannt wurden. Es wurde ein Deal zwischen dem
Oberkredithai und der Jobbik gemacht: ,Ich besorgen euch die notwendigen
Wahlstimmen und ihr lasst mich dann, wenn ihr gewinnt, weiter die Kredite
vergeben.`“

Die Kinder verlassen den Laden, doch dafür stürmt auch schon eine andere
Gruppe in das Café herein. Wie es scheint, ist es keine Pause, sondern Schulschluss,
obwohl es dafür noch zu früh am Tag ist.

„Aber Ungarn ist doch ein demokratisches Land“, frage ich und versuche das
Geschrei der Kinder einfach auszublenden. „Demnach sind die Wahlen also auch
geheim. Also woher wollen denn die Kredithaie wissen, dass ihre Gläubiger auch
wirklich das Kreuz im Kästchen der Jobbik machen?“

„Das war ganz einfach.“, fährt Frau M. Fort, und scheint froh zu sein, wieder das
Wort zu haben. „Vor dem Wahllokal – in gebührendem Abstand – haben sich sie
Handlanger der Geldverleiher postiert und haben nicht nur ihre Schuldner, sondern
auch andere Zigeuner auf ihren Weg in das Wahllokal bedrängt. Die wahren Profiteure
der Aktion waren natürlich an diesem Tag nicht im Zigeunerviertel.“

„Wie bedrängt?“, frage ich weiter.
„Na ja, sie haben den Leuten, von denen sie wussten, dass sie in das Wahllokal
gehen, ein Angebot gemacht.“
„Das hört sich aber alles ziemlich nach Bananenrepublik an“, unterbreche ich aufs
Neue meine Gesprächspartnerin.

„Bananenrepublik!“, sagt sie daraufhin, „das trifft den Nagel auf den Kopf. Also,
zuerst installierte man einen parteilosen Kandidaten, der zufälligerweise im
Zigeunergebiet eine Kneipe unterhält. Zufälligerweise kann man in dieser Kneipe auch
auf Kredit trinken und an Automaten spielen. Das dieser ‚parteilose Kandidat‘ für die
Jobbik arbeitet, darf natürlich von den Zigeunern keiner wissen.
Dann hielt man die ‚Wahlverdächtigen‘ an und versprach ihnen, wenn sie ihr
Kreuz neben einen bestimmten Namen machen, bekommen 1500 Forint und eine Pizza.
Wenn sie sich dazu bereit erklärten – was sicher nicht ohne Druck vonstatten ging –,
bekamen sie ein Handy mit einer Kamera, mit dem sie den Stimmzettel, den sie
ausgefüllt hatten, fotografieren mussten. So einfach geht das. Die Kamera mussten sie
dann nach dem Wahlgang wieder an den Komparsen der Kredithaie zurückgeben, die
dann den fotografierten Stimmzettel prüften. Und somit kamen allein im 8. Wahlbezirk
9258 Stimmen für den ,parteilosen‘ Jobbik-Kandidaten zusammen. Das sind fast 42%
Prozent der Leute aus der Széles utca, also aus dem größten Romagebiet in
Tiszavasvári.“

Sie nippt an ihrem Kaffee, der inzwischen schon kalt sein dürfte, und schaut mich
an. Ich sehe deutlich, dass sie auf eine Reaktion von mir wartet.

Ich frage jedoch: „Die ganze Zeit haben sie von Zigeunern geredet. Eben sagten sie
aber Romagebiet? Wie komm das?“

Verwundert schaut mich Frau M. an.

Die Schulkinder haben sich wieder verzogen. Es war wohl doch nur eine große
Pause in der Schule, da nun im Laden und auf der Straße wieder die gewohnte Ruhe
herrscht. Die Kellnerin und Verkäuferin in Personalunion steht nun an der offenen
Ladentür und raucht eine Zigarette. Der Qualm zieht in das Café und schafft eine
Geruchskulisse, wie wohl noch vor einem Jahr hier geherrscht haben dürfte, bevor die
strengen Nichtrauchergesetze in Europa wie auch Ungarn griffen.

Ich frage nochmals: „Also, wieso sagen sie manchmal Zigeuner und Gesindel, dann
aber, wie eben, Roma?“

„Das kommt ganz drauf an“, sagt sie, als fühle sie sich bei einer Schwäche ertappt.
„Wie sagt man bei Ihnen?“ und meint damit wohl das westliche Europa, „ihr sagt dort
political correctness. Oder?“

Ich zucke mit den Schultern, als weiß ich nicht, worauf sie hinaus will.
„Hier in Ungarn benutzt man nur das Wort Zigeuner. Selbst die Zigeuner sagen nie
Roma zu ihrer Rasse. Jedenfalls nicht die, die hier leben. In Budapest gibt es bestimmt
auch elitäre Zigeuner, die sich Roma nennen. Doch hier in der Provinz gibt es so etwas
nicht. Das Wort Roma haben wir nur während des Wahlkampfes bei den Zigeunern
gebraucht und nun schlüpft es noch manchmal in mein Vokabular.

Die Kellnerin kommt wieder zu unserem Tisch. Auf ihre fragenden Augen hin,
schüttele ich den Kopf und gebe ihr so zu erkennen, dass ich keine neue Bestellung
aufgeben möchte. Sie geht wieder in Richtung des Kuchen- und Eistresens und sagt
beim Gehen:
„Das macht dann 1250 Forint. Bezahlen können Sie dann hier an der Kasse:“

Frau M. sieht der Kellnerin hinterher und zieht hinter ihrem Rücken eine
verächtliche Grimasse, die sagen soll: ‚Geht es vielleicht noch etwas unfreundlicher?‘
Dann schaut sie wieder in meine Richtung.
„Wissen Sie, dass Wort Zigeuner gehört auch irgendwie zur ungarischen
Geschichte. Es ist sozusagen ein Teil unserer nationalen Identität. Ich finde, ein
gesunder Nationalismus ist gar nicht so schlecht.“
„Was kann ich mir unter diesem ‚gesunden Nationalismus‘ vorstellen?“, frage ich.
„Gesunder Nationalismus ist es, wenn ich mich nicht schäme, ein Ungar zu sein.
Wenn ich mich nicht dafür schäme, die ungarische Fahne auf meinem Balkon zu hissen.
Gesunder Nationalismus heißt auch, beim Erklingen der Nationalhymne aufzustehen
und die rechte Hand aufs Herz zu legen. Ich schäme mich auch nicht dafür, ab und an in
den Trachten meiner Heimat zu gehen und ungarische Volkslieder zu singen. Viele
trauen sich das nicht, doch ich möchte meine nationale Identität bewahren.“

Im Gegensatz zu ihren vorhergehenden Äußerungen, die eher schrill und aufgeregt
klangen, schwang in ihrer letzten Äußerung fast so etwas Pathos, Rührung oder fast eine
gewisse Verliebtheit mit.

Legenden
Ich winke kurz dem kleinen blauen Auto hinterher, in das Frau M. steigt und gehe
weiter in Richtung Innenstadt. In etwa zwei Stunden habe ich den nächsten
Interviewtermin mit dem stellvertretenden Bürgermeister von Tiszavasvári.
Jetzt rufe ich Istvan an und frage ihn, ob es hier irgendwo ein einfaches Restaurant
gibt, in dem man Mittag essen könne. Er klingt etwas verärgert, da ich vergessen hatte,
ihn heute morgen von der Pension aus anzurufen, um ihm zu bestätigen, dass alles mit
mir in Ordnung sei. Auf meine Frage antwortete er lapidar, dass es kein Restaurant in
Tiszavasvári gibt; jedenfalls keines, in dem gut essen kann. Ich solle doch in eine der
zahlreichen Pizzerias essen gehen – und legt das Telefon auf. Wie es aussieht, ist er wohl
wirklich etwas ‚verschnupft‘.

Die Straße in Richtung Innenstadt wirkt dörflich und vielleicht gerade deswegen
auch sehr gemütlich. Vor einem Haus sitzt ein älteres Paar und redet lautstark mit einer
Nachbarin, die aus dem Fenster eines Hauses schaut, dass auf der anderen Seite der
wenig befahrenen Straße liegt. Hinter verschossenen Gartentoren kläffen Hunde; ein
Postbote protestiert lautstark über die Werbung, die seine Briefkästen verstopfen,
obwohl ihm kein Mensch zuhört.

Es ist wieder sehr warm geworden. Keine Wolken sind am Himmel zu sehen und
die Sonne erreicht jetzt zur Mittagszeit gerade den Zenit. Die wenigen Menschen, die auf
der Straße zu sehen sind, tragen Sommerkleidung. Obwohl kaum Wind weht, schmeckt
die Luft nach Sand und kratzt beim Atmen im Hals.
Nach ein paar weiteren Metern scheine ich das Zentrum der Stadt erreicht zu
haben, denn nun stehe ich vor einem zweigeschossigen Haus, auf dem groß der Name
„Amazon“ prangt. Dies wäre eine der möglichen Unterkünfte hier in Tiszavasvári
gewesen, in der ich hätte absteigen können, denn das „Amazon“ soll eine Pension mit
Gaststätte sein. Das Gebäude jedoch macht einen sehr verlassenen und
heruntergekommenen Eindruck. Die Fenster, hinter denen ich die Pension vermute,
sind verdreckt. Das scheinbare Restaurant entpuppt sich als Kaschemme.
Nur einige Meter neben dem „Amazon“ erkenne ich das Rathaus.
Ich halte Ausschau nach einer Möglichkeit, etwas zu Essen zu bekommen, kann aber
beim besten Willen nichts finden, was einer Gaststätte ähnlich sehen würde. Deshalb
entschließe ich mich für einen Lebensmittelladen, der eher einem Kiosk gleicht, und
kaufe mir dort zwei frische Semmeln und ein paar Scheiben Parizsi, eine Wurstart, die
der deutsch-italienischen Mortadella gleichkommt. Dazu noch ein eine Flasche Wasser
– und schon bin ich im Besitz eines nahezu perfekten Mittagessens.
Ich setzte mich auf eine Bank vor der reformierten Kirche. Die Kirche ist halb
Wahrzeichen, halb Mittelpunkt der Stadt. Der Platz vor der Kirche wurde gerade mit
neuem Straßenpflaster versehen, neue Beete wurden angelegt und daneben neue Bänke
aufgestellt.

Dann hole ich die Semmeln und Wurst aus meiner Umhängetasche.
Ungarische Semmeln muss man sofort essen. Schon nach ein paar Stunden schmecken
sie wie Pappe. Frisch jedoch sind sie ein Genuss.
Auf einer Bank neben mir nimmt ein älterer Herr Platz und schaut zu mir herüber,
wie ich mir meine Wurstsemmel schmecken lasse.

„Sie sind nicht von hier, oder?“, spricht er mich an.
Mit vollem Mund schüttele ich den Kopf und lege die Semmel auf die Papiertüte, in
der die Mortadellascheiben eingepackt waren, schraube die Flasche Wasser auf und
trinke einen kleinen Schluck, damit der trockene Batzen in meinem Mund sich leichter
schlucken lässt. Die Semmeln, die ich kaufte, waren sicher von heute Morgen, da die
Geschmacksgrenze zu Pappe doch schon leicht erreicht ist.
Der Herr auf der Nebenbank ist in einem sehr traditionell wirkenden Anzug
gekleidet, trägt einen gewaltigen Schnauzbart und scheint für sein Alter noch recht fit zu
sein.

„Das merkt man, dass sie nicht von hier sind.“
Ich schlucke und schaue ihn fragend an. „Ach ja? Und woran merkt man das?“,
entgegne ich etwas gereizt.
„Also, erstens habe ich sie hier noch nie gesehen und zweitens würde ein Ungar
aus Tiszavasvári nicht auf einer Bank essen. Das machen höchstens Zigeuner.“
„Also haben Ungarn aus Tiszavasvári auch kein Hunger“, entgegnete ich
schnoddrig.
„Natürlich haben Ungarn auch Hunger. Aber wir essen daheim oder in einer
Csárda.“
Ich wende mich von dem alten Mann auf der Nebenbank ab und widme mich
wieder ganz meiner Semmel, wobei mein Hunger deren pappigen Geschmack
übertüncht.
Dann nehme ich mein Smartphone aus der Tasche und will mir die Interviewpunkte
untern dem Begriff „Rathaus“ durchlesen, die ich gestern Abend noch in aller Eile
notiert habe.
Doch da unterbricht mich wieder der schnauzbärtige Herr, als habe er nur darauf
gewartet, mich bei irgendetwas zu stören.
„Wie es aussieht, sind sie nicht einmal Ungar! Dafür ist Ihre Aussprache nicht rein
genug. Sind sie etwa Rumäne oder Ukrainer?“
„Nein“, sage ich, „ich bin kein Ungar. Keine Angst, ich habe auch keine ungarische
Vorfahren. Da ich annehme, dass dies Ihre nächste Frage wäre.“
„Dafür sprechen sie aber recht gut unsere Sprache. Was machen sie hier, wenn
man fragen darf. Tiszavasvári ist ja kein begehrter Touristenort?“
Ich entschließe mich, dem alten Mann nicht mehr die ‚kalte Schulter‘ zu zeigen und
sage ihm, dass mich die Stimmungen in kleinen ungarischen Städten wie diese
interessiert. Vor allen Dingen die der Roma.
„Roma?“, entgegnet der Mann und nimmt aus seiner Jackentasche ein silbernes
Zigarettenetui, brennt sich kurz darauf eine Zigarette an, um dann nochmals
fortzufahren.

„Roma? Die gibt es hier nicht! Hier gibt es nur Zigeuner, die vor ihre Häuser
scheißen. Das sind Terroristen, die uns Ungarn ausrotten wollen. Hören Sie zu! Seit
einigen Tagen streichen ein paar von denen durch die Stadt, die TBC haben. Und die
spucken dann absichtlich auf die Straße, damit wir uns auch mit der Dreckskrankheit
infizieren. Die Mütter lassen nicht einmal mehr ihre Kinder allein auf der Straße
spielen, weil sie Angst haben, die Gören würden in den Auswurf dieser Leute fassen und
sich anstecken. Glauben Sie mir, dies ist kein Spaß! Denn damit nicht genug. Die
vergiften auch die Hunde vor unseren Häusern. Wenn die dann wieder ein Hund weg
ist, kann man zu hundert Prozent davon ausgehen, dass in dieses Haus am nächsten
eingebrochen wird. Die klauen alles, was nicht niet- und nagelfest ist. Zudem leben die
im Dreck. Ständig müssen unsere ungarischen Ärzte Zigeunerkinder behandeln, weil
Ratten die Hände oder Füße von Zigeunern-Kleinkindern abgefressen haben. Das nur,
weil die besoffenen Eltern ihren Rausch ausschliefen und nicht das Gebrüll der Kinder
gehört haben.“

Mir ist der Appetit vergangen. Der Rest der Semmel liegt auf der Papiertüte neben
mir. Die Märchen mit dem TBC habe ich ja schon in vielen Gegenden aufgetischt
bekommen. Doch dass man nun den Kindern auch noch die Gliedmaßen von Ratten
abfressen lässt, setzt dem dumpfen Hass auf die Roma die Krone auf. Dies sind also die
Auswirkungen, wenn Antiziganismus und Antisemitismus, wenn der Hass auf
Andersdenkende zur Staatsideologie ausgerufen wird.

„Sind den schon viele ungarische Kinder an TBC erkrankt?“, frage ich, und spiele
dabei den Ahnungslosen, der sich der Gefahr, die von TBC ausgeht, durchaus bewusst
ist.
„Nein! Natürlich nicht“, schnaubt der ältere Mann neben mir auf der Bank, „aber
auch nur deswegen, weil die Mütter gut auf ihre Kinder acht geben.“
„Hat man denn schon einmal einen Roma dabei gestellt, wie er einen Hund
vergiftet?“, sage ich und versuche so wirken, als wäre dieses Thema Neuland für mich.
„Junger Mann! Das weiß doch jeder, wer für diese Taten verantwortlich ist. Oder
meinen sie denn, dass Ungarn von Ungarn beklaut werden?“
Ich zucke die Achseln.
„Wir Ungarn halten zusammen. Jedenfalls wenn sie die richtige Einstellung zur
ungarischen Nation haben. Die Kommunisten und Sozialisten sind ja in einer so
lächerlichen Unterzahl, dass man diese schon gar nicht mehr als Ungarn bezeichnen
kann. Wir hier in Tiszavasvári haben den richtigen Weg gefunden. Einen jungen
Bürgermeister, der sogar schon Doktor ist, und eine kompetente Gruppe von Fachleuten
um ihn herum – das bringt uns weiter!“
„Dann aber nochmals zurück zu den Roma“, versuche ich anzuregen, damit das
Thema nicht erkaltet.
„Was gibt es dazu noch zu sagen?“, antwortet er und schnippt seinen
aufgerauchten Zigarettenstummel im hohen Bogen auf ein Herbstblumenbeet.
Der Mann sieht in meine Richtung, blickt aber durch mich hindurch, als hätte er
eine große Vision. Dann hebt er seinen Arm nach oben, deutet mit seinem Finger in
Richtung Himmel und sagt:
„Lieber Gott! Ich möchte den Tag nicht erleben, an dem wir von den Zigeunern
massakriert werden. Sie werden uns als Sklaven halten, weil sie in der Übermacht sind.“
Jetzt steht er auf, kommt zu meiner Bank und reicht mir die Hand. Obwohl ich
keine Ehrfurcht vor dem Alter habe, stehe ich auf. Ich mag es einfach nicht, wenn
andere Leute auf mich herabschauen und sei es bei Höflichkeitsfloskeln.

Die Iraner kommen
Das Rathaus ist nur wenige Meter von der reformierten Kirche entfernt. Es wird
eigentlich nur durch die Hauptstraße, die durch Tiszavasvári verläuft, von der Kirche
getrennt.
Das Gebäude an sich ist ein schmuckloser, aber praktischer Bau mit einem Flachdach
und bunkerähnlichem Aussehen.
‚Führerbunker‘, denke ich unweigerlich, da ich davor stehe.
Es ist fast 14 Uhr und es ist Freitag. Zwar habe ich einen Gesprächstermin
vereinbart, glaube jedoch, dass um diese Zeit in dieser Stadt alle schon ihr Wochenende
eingeläutet haben.

Ich zünde mir eine Zigarette an, denn
bis zum Termin sind es noch gute zehn
Minuten. Weder kommt ein Mensch
aus dem Gebäude noch geht einer
hinein.
Über dem Eingang hängt ein
Lampenschlauch – wahrscheinlich
noch vom letzten Jahr-, der zum
Schriftzug ‚Fröhliche Weihnachten‘
geformt wurde.

Ich gehe ein paar Schritte, um durch die Glasfront des Eingangsbereiches in das
Innere des Gebäudes zu schauen, sehe allerdings keine Bewegung. Selbst die
Pförtnerloge scheint verlassen zu sein. Einzig der Ehrentisch für die ungarische
Verfassung ist deutlich zu erkennen. Dieser mit ungarischen Nationalfarben bunt
geschmückte Tisch, der an eine Wandzeitung im Kommunismus erinnert und seit ein
paar Monaten in allen staatlichen Einrichtungen aufgestellt werden muss, prangt wie
das Manifest ‚Gott beschütze die Ungarn‘ in der Verlassenheit des Eingangsbereichs des
Rathauses.
Ich drücke meine Zigarette an einem Abfallkorb aus, überzeuge mich davon, dass
keine Glut mehr glimmt und werfe dann den Stummel in den Korb.
Im Rathaus riecht es schon nach ‚Hypo‘, einem Putz- und Desinfektionsmittel. Ich
habe die Erfahrung gemacht, dass wenn es nach diesem Umweltkiller in einer Behörde
riecht, auch kein Mensch mehr in diesem Gebäude zu erreichen ist.
Die Eingangstür fällt hinter mir ins Schloss, laut genug, dass sich ein Pförtner, der
nun doch in der Pförtnerloge sitzt, aufzurichten beginnt.
Ich gehe auf die Pförtnerloge zu und sage dem müde aussehenden älteren Mann hinter
der Glasscheibe, dass ich mit dem stellvertretenden Bürgermeister Császár verabredet
bin.

„Der Herr stellvertretende Bürgermeister Császár hat vor einer guten halben
Stunde das Haus verlassen“, antwortet der Pförtner. „Ich weiß auch nicht, ob er heute
noch einmal wiederkommen wird. Aber sein Sekretär ist noch im Hause. Ich versuche
ihn mal zu erreichen.“ Damit wendet er sich seinem Telefon zu und begann damit, eine
Nummer nach der anderen zu wählen.
„Tut mir leid“, sagte er an mich gewandt. „Telefonisch erreiche ich niemanden. Da bleibt
mir wohl nichts weiter übrig, als selbst mal noch oben in die Etage zu schauen.“ Mit
diesen Worten verlässt er sein gläsernes Domizil und geht in Richtung Treppenhaus.
Das ist ja so, wie ich es mir vorgestellt habe, denke ich mir.
In dem Moment, als der Pförtner verschwindet, kommt aus einem anderen Gang
eine Frau mit einem Stapel Servietten in der Hand und legt sie auf einem Tisch, der in
der Nähe des ‚Verfassungstempels’ steht und beginnt dann, die Servietten kunstvoll zu
falten. Als sie mich bemerkt, grüßt sie freundlich in meine Richtung.
„Ich habe gehört, sie wollen zum Herrn Császár?“, sagt sie. (Woher sie das wohl
weiß?) „Ich habe gerade gesehen, wie er vor ein paar Minuten weg ist. Wir habe gerade
eine Menge zu tun. Zu morgen erwarten wir nämlich eine große Delegation aus dem
Iran.“
„Aus dem Iran?“, frage ich als hätte ich nicht richtig verstanden. „Was wollen denn
die Iraner hier in Tiszavasvári?“
„Was die genau hier wollen, weiß ich nicht.“, erwidert sie, und hört kurz damit auf,
die Servietten zu falten. „Soviel ich weiß, geht es wohl um irgendeine
Städtepartnerschaft zwischen einer iranischen Stadt und Tiszavasvári. “
Da fällt mir ein, dass Vona Gábor, Chef der neofaschistischen ‚Jobbik‘, schon 2009
angekündigt hat, zu den Parlamentswahlen 2010 in Ungarn Wahlbeobachter aus der
Revolutionsgarde des Präsidenten Ahmadinedschad rekrutieren wollen. Offensichtlich
verzichtete er darauf, diese Beobachter aus den Ländern der EU zu holen, da diese
jüdisch durchsetzt sind. Die jetzige Oppositionspartei ‚Jobbik‘ hat die Gefahr der
jüdischen Weltverschwörung, vor allem die Vereinnahmung Ungarns durch die
‚hinterlistigen Juden‘, im Klartext auf ihre Fahnen geschrieben. Vor allen Dingen
scheint der Partei die Auschwitzleugnung und der offengelegte Hass auf Israel als ‚alles
Übel dieser Welt‘ wunderbar in das Programm zu passen.

18 Und die Menschen nehmen dieses Geschwafel ernst. Fühlen sich beschützt und
schaurig berührt, wenn das Hauptquartier der Jobbik wieder Hasstiraden über Roma,
Juden, Intellektuelle und Andersdenkende abfeuert, ohne die wirkliche Gefahr zu
erkennen.
Dazu dienen auch Verlautbarungen aus den Reihen der Jobbik, die so lauten:

„Wir wollen unsere natürlichen Ressourcen wie unser Trinkwasser und unseren
Ackerboden nicht in fremde Hände (lies: Israel) geben und der Iran ist ein Brudervolk,
denn sie stammen aus dem Land der Arier, so wie auch die Jassen“
Quelle: Pusztaranger

Wohl auch deswegen wurde zwischen der ungarischen Stadt Jászbérény, die als
Heimat der Jassen gilt, schon 1996 die erste Städtepartnerschaft mit der iranischen
Stadt Yazd gegründet.
Doch von der hellen Aufregung und den quirligen Vorbereitungsarbeiten des iranischen
Besuches merke ich jetzt recht wenig.
Im Gegenteil. Das Rathaus wirkt eher verwaist, als dass sich ein Stab von Mitarbeitern
und Leitern um den Besuch zu kümmern scheint.
Der Pförtner kommt, sichtlich außer Atem, die Treppe herunter. Ihm folgt ein
junger Mann, der wohl der Sekretär von Herrn Császár sein dürfte. Der junge Mann
versuchte sich Aura des Kompetenten überstreifen zu wollen, als er mir gönnerhaft die
Hand reicht und sich dafür entschuldigt, dass der Herr Császár wohl erst ein paar
Minuten später den Interviewtermin wahrnehmen könne, da für morgen eine
hochrangige iranische Delegation erwartet würde, die momentan alle Kräfte, die zur
Verfügung stehen würden, beanspruche.
Insgeheim dachte ich mir, dass dieser Emporkömmling sich schon als
Pressesprecher der ‚Jobbik‘, im Budapester Parlament sieht. Dazu hat er dem ersten
Augenschein nach auch die besten Voraussetzungen: Er ist jung, dynamisch, eloquent
und glitschig.

Er führt mich in den Machtbereich des stellvertretenden Bürgermeisters, dessen
Name links neben der Tür steht, durch die wir gehen. Rechts neben der Tür steht jedoch
auch der Name des amtierenden Bürgermeisters: Dr. Fülöp Erik. Stellvertreter und
Amtierender teilen sich also ein Vorzimmer.
Bewusst habe ich mich bei meinen Recherchen zu Tiszavasvári für den
Stellvertreter als Interviewpartner entschieden, da alle Interviews mit dem
Bürgermeister nicht Neues brachten. Wie ein eingefleischter Politiker wiederholt er
ständig dieselben Phrasen, dieselben Lügen, dieselben Anschuldigungen.
Nun stehe ich im dem Vorzimmer von Chef und Stellvertreter der Stadt
Tiszavasvári.
Mehr oder weniger hilflos neben mir steht die rechte Hand des Stellvertreters.

„Ich möchte mich nochmals dafür entschuldigen, dass der Herr Császár Sie noch
nicht empfangen kann“, sagt er gespielt erschüttert. „Doch kann ich Ihnen vielleicht
einen Kaffee anbieten?“
Eine kurze Verlegenheitspause.
„Oh mein Gott! Ich habe die Sekretärinnen schon alle nach Hause geschickt, weil
sie ja morgen, also am Samstag, arbeiten müssen. Dann vielleicht ein Wasser?“
In diesem Moment kommt ein stämmiger Mann in das Vorzimmer, der den
Sekretär zu ignorieren scheint. Das Poloshirt spannt sich über seinen beleibten
Oberkörper, sein Hals verschwindet unter seinem Kinn.
Der eben noch so wichtige Sekretär wird zur Nebensache und verschwindet
unbemerkt hinter einem Schreibtisch.
„Du bist also der deutsche Reporter“, sagte er und schüttelt mir freundlich
lächelnd die Hand.

Das er mich sofort duzt, kann der Sache eigentlich nur dienlich sein, obwohl ich doch
etwas überrascht bin, mich von ihm gleich in diese Kategorie eingestuft zu sehen.
Um die ‚Augenhöhe‘ wieder herzustellen, antworte ich: „Völlig korrekt. Dann
müsstest du also der stellvertretende Bürgermeister sein.“

Der Stellvertreter
Jozsef Császár weist mir mit seiner einladend ausgestreckten Hand den Weg in sein
Büro. Hier steht ein Besprechungstisch mit etwa 8 Stühlen, daneben in einer Ecke, sein
Schreibtisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop steht.
An der Wand hängen die Fahnen mit den Wappen von Tiszavasvári, daneben die
ungarische Nationalflagge. Hinter dem Schreibtisch ist ein Relief mit den Grenzen des
Großungarischen Reiches in den Grenzen vor dem Trianoner Vertrag an der Wand
angebracht. Das dargestellte Gebiet erstreckt von der Adria bis an das Schwarze Meer.
„Wir können uns ruhig an meinen Schreibtisch setzen, wenn es dir nichts ausmacht“,
sagt Császár und rückt einen Stuhl vom Besprechungstisch an die schmale Seite seines
Schreibtisches.

Mir gegenüber fällt nun eine weitere Landkarte auf, die den östlichen Teil
Siebenbürgens darstellt. Im oberen Bereich ist ein Textfeld, das die Gegend mit
lateinischen Buchstaben betitelt, gleich darunter findet sich der adäquate Name in
‚Szekler-Runen‘. Diese Runen sind nach der Machtergreifung der Ultrarechten in
Ungarn sehr in Mode gekommen. Wer etwas auf sich hält, der kennt die Runenschrift!
Wenn auch kaum zehn Prozent der Ungarn einigermaßen verständlich eine
Fremdsprache sprechen, so sind sie doch jetzt richtig wild darauf, die Runenschrift zu
erlernen.

„Ich habe gehört, dass Du keine Unterkunft hier bekommen konntest. Das verstehe
ich gar nicht. Wenn Du das nächste Mal kommst, so kannst Du gerne in meinem Haus
schlafen. Tiszavasvári ist schön, hier kann man auch richtig gut Urlaub machen.“
„Vielen Dank“, sage ich, „aber in diesen Teil von Ungarn komme ich in erster Linie
zum Arbeiten, nicht aber, um Urlaub zu machen.“

Jetzt bekommt die gestrige Vermutung, dass die Stadtverwaltung hinter der
Tatsache steht, dass ich hier keine Unterkunft bekommen habe, noch mehr Gewicht.
Denn woher weiß der Bürgermeister, dass ich nicht hier, sondern in einer anderen Stadt
untergekommen bin, lasse mir aber meine Verärgerung darüber nicht anmerken,
sondern gehe gleich zu meinen Fragen über:
„Wie würdest Du das Verhältnis zwischen Ungarn und Roma hier in Tiszavasvári
einschätzen?“

Ich lege mein Aufnahmegerät auf den Schreibtisch und frage ihn, ob er was dagegen
hat, dass ich das Gespräch aufzeichne. Er schüttelt leicht seinen runden Kopf und meint,
dass dies in Ordnung sei.

„Wie ich das Verhältnis zwischen Ungarn und Zigeunern einschätze?“, wiederholt er
meine Frage.
„Wir haben ein umgekehrtes Verhältnis zwischen den Ungarn und den anderen.
Während bei den Ungarn eine Arbeitslosigkeit von Prozent herrscht, haben etwa
15-20 Prozent der Zigeuner Arbeit. Während die Ungarn die Gärten bestellen, beackern
und pflegen, ernten die Zigeuner die Früchte. Viele Ungarn haben ihre Gärten
aufgegeben, weil kurz vor der Ernte ihre Gärten geplündert werden. Wer das getan hat,
liegt auf der Hand. Und die Justiz spricht ihr Recht nicht umsonst.“
Er schaut mich an, als will er überprüfen, welchen Eindruck seine Worte auf mich
machen; wohl auch, wie weit er bei mir gehen kann.
Ein erstes Taxieren des Gegners wie bei einem zweitklassigen Fußballspiel. Doch ich
will ihm kein Gegner sein, sondern möchte einfach nur Informationen von ihm.
„Sie haben doch sicher unsere neue Justizvollzugsanstalt gesehen?“, fährt er fort,
„Die Insassen sind 70-90% Zigeuner, obwohl deren Anteil an der Bevölkerung nur etwa
2% beträgt. Da kann man sich ja leicht vorstellen, wie es bei den Zigeunern zugeht.
Sicher es gibt solche und solche Zigeuner, wie es auch solche und solche Ungarn gibt.
Sicher suchen auch viele von den Roma eine Arbeit. Wie man etwas sucht, das es nicht
gibt. Aber die Zahlen der Statistiken sprechen eine deutliche Sprache.“

Mir fällt auf, dass auch er, wenn seine Worte einen offiziellen Charakter bekommen
sollen, den Ausdruck ‚Roma‘ gebraucht.
„Ich persönlich habe nichts gegen Zigeuner, wenn sie sich anständig benehmen.
Meine Sekretärin ist auch Roma“, spricht er weiter, während draußen irgendein
Händlerauto mit einer Sirene versucht, auf sich aufmerksam zu machen.
„Bedenklich finde ich es aber, wenn eine Zigeunerfamilie, die acht bis zehn Kinder
hat, mehr Geld vom Staat bekommt als eine rechtschaffene ungarische Familie mit zwei
bis 3 Kindern verdient, obwohl der Vater und die Mutter im Dreischichtbetrieb arbeiten
und deswegen von den Zigeunern noch ausgelacht wird.“
„Stimmt es“, frage ich, „dass die Sozialhilfe gekürzt oder gestrichen wird, wenn ein
Rom nicht der von der Gemeinde angeordneten ‚Zwangsarbeit‘ nachgeht?“
Er beugt sich ein Stück zu mir und fragt mich: „Ich darf dich doch duzen. Oder?!“
Verwundert schaue ich ihn an und frage mich, welche Form der Anrede wir denn bis
eben benutzt haben. Trotzdem sage ich: „Natürlich.“

„Eigentlich müssten wir die Vorgaben aus Budapest wesentlich härter umsetzten.
Aber viele der Politiker, die im Parlament sitzen, fehlt der Bezug zur Realität.
Normalerweise hätten wir auch das Recht, die Bezüge der Zigeuner zu kürzen, wenn sie
ihren Hof oder das Haus nicht sauber halten würden. Aber bei denen ist der Schmutz
und die Unordnung schon seit Generationen gewachsen. Da ist es schwer, auf einmal
Ordnung in die Sache zu bringen. Würden wir also die Anweisungen der Regierung
umsetzen, so würde kaum ein Zigeuner noch Sozialhilfe erhalten und mehrere tausend
Menschen würden hier in Tiszavasvári hungern. Allerdings werden die Hilfen
gestrichen, wenn sie nicht oder lückenhaft zur gemeinnützigen Arbeit erscheinen. So
konsequent müssen wir dann schon sein.“

Durch die offene Bürotür sehe ich, wie der erste Bürgermeister, Erik Fülöp, das
Vorzimmer betritt und kurz in das Büro grüßt, in dem wir sitzen. Der stellvertretende
Bürgermeister grüßt kurz zurück, ohne seinen Redefluss zu unterbrechen:
„Arme Menschen haben schon immer mehr Kinder gehabt als die Reichen. Das ist
eine ganz natürliche Sache. Allein schon deswegen muss man den Zigeunern beibringen,
dass höchstens drei Kinder reichen, wenn sie sich in unsere Gesellschaft integrieren
wollen. Wie es aussieht, wollen sie aber gar nicht den Wohlstand den Ungarn haben. Sie
haben kein Auto, ihnen reicht ein Fahrrad und das haben sie dann auch noch geklaut.
Sie leben lieber von ihrer Sozialhilfe.“

„Was ist eigentlich mit der Csendörség? Wie ich gehört habe, hat Ihre Partei diese
gestapoähnliche Ordnungsmacht, die in Ungarn, das sich an der Seite
Hitlerdeutschlands befand, vor einiger Zeit wieder in Tiszavasvári eingeführt, um der
‚Zigeunerkriminalität‘ Herr zu werden?“
„Die Csendörség haben wir nicht gegen die Zigeuner aufgestellt, sondern gegen die
Kriminellen. Aber da fängt eigentlich schon das Problem an. Der Mensch weiß ja, dass
der Zigeuner oft kriminell ist. Und es vergeht keine Nacht in Ungarn, äh, ich meine in
Tiszavasvári, in der nicht eingebrochen wird, Gärten ausgeraubt werden oder Tiere aus
Ställen verschwinden. Besonders gern wird bei alten Leuten gestohlen, weil die es sich
nicht trauen, nachts vor die Tür zu gehen. Und wenn an irgendeinem Haus wieder ein
Hund vergiftet wird, dann kann man schon darauf warten, das ein oder zwei Nächte
später die Zigeuner dort einbrechen. Das ist halt deren Masche.
Sie brauchen einfach nur hier auf der Hautstraße in einige Geschäfte zu gehen, da
wird man dann Ihnen schon erzählen, was die Zigeuner anstellen. Sie überfallen Läden,
schlagen die Verkäuferinnen. Am liebsten gehen sie zu fünft oder zu zehnt in ein Laden,
drei oder vier von ihnen lenken die Verkäuferin ab, der Rest von ihnen raubt dann den
Laden aus.“
„Dann hat ja Ihre Truppe richtig viel zu tun“, gab ich von mir und wundere mich,
dass er die Ironie in meinen Worten nicht erkennt.
„Die Csendörség gab es schon einmal in Ungarn und sie haben hervorragende Arbeit
gemacht. Die hatten eine Aufklärungsquote von 80-90 Prozent. Damals gab es noch
keine Handys, damit man jemanden informieren kann, und trotzdem arbeiteten sie so
hervorragend. Tja und deswegen haben wir unsere Spezialeinheit auch Csendörség
genannt. Doch einige Politiker aus der Koalition waren dagegen, dass wir sie so
nennen.“
„Kein Wunder“, sage ich. „schließlich wird die Csendörség mit der damaligen
deutschen Gestapo gleichgesetzt.“
„Ja natürlich, aber das waren lediglich ein bis zwei Jahre während des Krieges.
Soviel ich weiß, haben sie nur die Regierenden mit Informationen versorgt. Aber
trotzdem hat diese Einheit, die in Großungarn eingesetzt war, hervorragend
funktioniert.“
„Stimmt es“, frage ich weiter, „dass die Csendörség aus zehn Leuten hier in der Stadt
besteht?“
„Ja, das stimmt, allerdings dürfen wir sie nicht mehr Csendörség nennen, dies hat
das Parlament so beschlossen. Sondern nur noch ‚Varosörök‘ (Stadtaufpasser).“
„Also gibt es keine Csendörség mehr hier?“
„Nein, die Funktion ist die Gleiche, nur heißen sie nun anders. Wir haben sie nur
deswegen Csendörség genannt, weil sie im Volk damals Respekt genossen und die
Kriminellen Angst vor ihnen gehabt haben.“
„Und haben diese Leute denn schon Kriminelle fassen können und wenn ja, was
waren das für Kriminelle?“, versuche ich, genauere Informationen zu bekommen.
„Meistens setzen wir sie ein, wenn Sozialhilfe ausgezahlt wird. Weil gerade an diesen
Tagen die Zigeuner oftmals dazu neigen zu randalieren. Wenn dann aber unsere Leute
auftauchen, dann wird die wirklich gefährliche Lage entschärft.“
Auf die Frage nach den wirklichen Kriminellen, die von der tiszavasvárischen
Gestapo überführt wurden, möchte er wohl keine Antwort geben. Was mir jetzt auch
besonders auffällt, ist, dass die Geschichten, die ich erzählt bekomme, einander gleichen
wie ein Ei dem anderem. So werden Legenden gebildet, die sich noch in vielen Jahren
erzählt werden. Böse Nachreden werden vermischt mit Wunschdenken und Vorurteilen.
Jedoch glaube ich, soviel Vertrauen
in ihm geweckt zu haben, dass er
noch etwas mehr aus dem
Nähkästchen plaudert.
“ Wie  sieht die Zukunft im
Zusammenleben zwischen den
Roma und den Ungarn aus?“, frage
ich.
„Ich habe keine Angst um die Zukunft der Roma. Ich habe Angst um die Zukunft der
Ungarn. Momentan haben wir hier in Tiszavasvári 400 schwangere Frauen, darunter
sind lediglich 37 ungarische Frauen. Auch unter den Sterbefällen sieht es ähnlich aus:
Im Jahr sterben etwa 250 Menschen hier, darunter sind aber nur 2 Zigeuner. Da
braucht man also kein großer Mathematiker zu sein, um zu sehen, wo wir in 20 Jahren
sein werden.“

Er macht eine kleine Pause und fährt dann in einem verschwörerischen Ton fort, als
würde er mir nun ein Geheimnis verraten.
„Am meisten enttäuscht bin ich eigentlich von Westeuropa, weil die uns nicht helfen,
das Zigeunerproblem zu lösen. Das Einzige, was die wollen, ist, dass die Zigeuner hier
im Land bleiben. Aber spätestens in 50 Jahren wird sich das rächen. Wir haben Europa
vor den Überfällen der Tataren und der Türken geschützt. Doch konnten die sich
wenigstens noch benehmen. Jetzt noch sind wir allein die Leidtragenden, doch in 20
Jahren werden hier so viele Zigeuner sein, dass sie die Regierung übernehmen. Und in
50 Jahren müssen die Westeuropäer eine dicke Mauer um Ungarn bauen, ansonsten
wird Europa von den Zigeunern überrannt.“
Hier war also das Gespenst, das noch an die Wand gemalt werden musste. Der
erhobene Zeigefinger in Richtung Westen! Wenn ihr nicht unsere Probleme abnehmt,
dann werden wir euch eben überrennen.
Ich bedanke mich für das Interview und versuche schnellstmöglich das Rathaus zu
verlassen.

Irgendwie ist mir übel.

Wenig später bin ich auf der Hauptstraße und versuche in einigen Geschäften noch
etwas von den vermeintlichen Überfällen der Roma in Erfahrung zu bringen. Überall
jedoch hat man nur etwas darüber gehört und die Befragten fangen an, mir die
krudesten Geschichten über die Gräueltaten der Roma zu erzählen. Ich winke dann
meist dankend ab, da mir diese Geschichten schon in all ihren Facetten erzählt wurden.
Ich entschließe mich, es für heute genug sein zu lassen. In der Nähe der
Bushaltestelle, von der der Bus nach Tiszalök abfährt, um mich dann zu meiner Pension
zu bringen, habe ich vorhin eine Kocsma (Kneipe) gesehen. Es bleibt mir noch genügend
Zeit, ein Bier zu trinken, bevor ich in den Bus steige, dessen Weg mich auch wieder am
Knast von Tiszavasvári vorbeiführen wird.
Breite Straße
Auch der heutige Tag ist sommerlich. Keine Wolke trübt den blauen Himmel.
Lediglich die Kondensstreifen von Flugzeuge filtern ab und zu leicht Sonnenlicht. Vom
Bus aus, der mich wieder nach Tiszavasvári brachte, konnte in der Ferne Konturen des
Zempliner Gebirges ausmachen.
Ich bin wieder an der katholischen Kirche ausgestiegen und warte nun auf István,
der mich in das Romagebiet begleiten will, dass in Tiszavasvári nur Széles utca (Breite
Straße) genannt wird. Allein die Erwähnung dieses Namens ‚Szeles utca’ wird in
Tiszavasvári als Stilbruch gewertet und dem anständigem Ungar verursacht es einen
grusligen Schauer. Denn dort leben die Diebe, die Tuberkulosekranken, die Schläger,
die Trinker, die Unberührbaren, die, die mit den Ratten tanzen.

Aus der Richtung des Plattenbaugebietes sehe ich István kommen. Das ich gestern
die Einladung zum Essen nicht annahm, hat er mir, wie er mir am Telefon sagte, bereits
verziehen. Wie immer trägt er eine ausgewaschene Jeans und eine speckige Lederweste.
Wir gehen ein Stück an der Hauptstraße, die parallel zu den Gleisen der Eisenbahn
verläuft, dann über die Straße, die zur Zeit von vielen LKWs befahren wird und kommen
auf die auf die Gépàllomás utca (Maschinenstation-Straße).

„Du siehst, was hier für ein Verkehr ist“, sagt István zu mir. „Nachmittags, wenn die
Schule zu Ende ist, dann ist der aus Ukraine kommende Verkehr noch größer und viele
Kinder müssen hier über diese Straße, um in die ‚Breite Straße‘ zu gelangen. Schon oft
wurden Anträge gestellt, hier eine Ampel anzubringen, sodass die Kiddis die Straße
ohne große Gefahr überqueren können. Geschehen ist jedoch nichts. Genau wie mit
vielen anderen Versprechungen, die gemacht wurden, aber nie einhalten wurden. Doch
dies ist wohl kein typisch ungarisches Problem. Die Wahlversprechen werden wohl
überall gebrochen. Je nach Bedarf.“

Wir gehen eine asphaltierte schmale Straße entlang. Links und rechts neben der
Straße ist meterhohes Gestrüpp. Eine Gruppe Kinder, vielleicht im Vorschulalter,
kommt uns entgegen. Sie albern herum und nehmen uns kaum zur Kenntnis.
„Dies ist die Zufahrtsstraße zum Romaviertel“, erklärt István. „In dieser Gegend gibt
nur noch sehr wenige Häuser, in denen Ungarn wohnen; und wenn sie hier wohnen,
dann sind sie mindestens in der sozialen Lage, in der sich auch die meisten Roma
befinden. Wer hier einmal angekommen ist, für den gibt es auch kein ‚weg‘ mehr.“
Ein Radfahrer überholt uns. An dem Fahrrad ist mit Draht ein Karren gebunden. Bei
jedem kleinen Schlagloch in der Straße, von denen es hier viele gibt, scheppert das
Gefährt, als würde es auseinanderfallen. Der Anhänger des Fahrrades hatte sicher
gerade noch Altmetall transportiert, das beim Schrotthändler abgegeben wurde.
„Lass uns mal hier den Hügel raufgehen“, sagt mein Begleiter, „da hat man einen
schönen Überblick über das Romagebiet. Oben kann ich Dir dann auch die wichtigen
Punkte des Gebietes erklären.“

Wir gehen einen leichten Hügel hinauf, der keine natürliche Entstehung hat,
sondern aufgeschüttet wurde. Oben angekommen haben wir Sicht auf den Stadtteil, der
‚Breite Straße‘ genannt wird. István kündigte das ‚Gebiet‘ an, als würden wir nun in das
Lager einer besonderen Spezies schauen. Ein Lager von Terroristen, dass vom CIA
überwacht wird? Ein noch nicht entdeckter Stamm, den es erst zu erforschen gilt? Eine
Sekte, die sich im beschaulichen Tiszavasvári eingenistet hat?
Nein! Eine einfache Romasiedlung, wie sie es in vielen ungarische Städten und
Dörfern gibt. Mit der Zeit an den Rand der Stadt gedrängt, damit diese Menschen nicht
mehr im unmittelbaren Stadtbild auftauchen.

Ein paar Kinder, die auf dem kleinen Hügel spielen, laufen weg, als sie unser
Kommen bemerken. Der Hügel mag etwa sieben oder acht Meter hoch sein, was in der
Puszta fast einem Gebirge gleichkommt. Von hieraus sehe ich eine Vielzahl von
ärmlichen Häusern, die gerade im Bereich der Straße, die ‚Breite Straße“ genannt wird,
aussieht, als würden die kleinen Häuser wie an einer Schnur aufgefädelt sein.
Istvan sagt mir, mit seiner Hand auf ein Haus deutend: „Das etwas längere Haus –
dort – ist die Sozialstation. Die Station wird von einer Romafrau geleitet. Gleich neben
der Sozialstation ist die Kneipe. Es gibt mehrere Kneipen im Gebiet. Diese aber ist die
zentrale Kneipe. Die restlichen Häuser sind einfach nur die Unterkünfte der Roma.
Doch davon gibt es viele.“

Wir gehen den Hügel wieder hinunter, jedoch in eine andere Richtung, die den
eigentlichen Weg um ein paar Meter abschneidet. Neben einen Haus, auf dessen Hof
Kinder spielen, kommen wir wieder auf die Straße, die zur ‚Breiten Straße‘ führt. Ein
älterer Mann, ein Rom, der an einem Mofa bastelt, entdeckt uns ‚Fremde‘ und grüßt
freundlich mit einem Kopfnicken.

Nach ein paar Metern kommen wir an einem Weiher vorbei. István bleibt
verwundert stehen und schaut durch das Schilf am Ufer des Weihers.
„Was ist los?“, frage ich, „gibt es etwas besonderes?“
„Merkwürdig!“, antwortet er. „Als ich das letze Mal hier war, da war dieser Tümpel
noch über und über zugemüllt. Anscheinend hat sich jemand die Mühe gemacht, den
Teich einmal zu entrümpeln. Egal! Lass uns weitergehen.“
Links und rechts der Straße tauchen jetzt immer mehr Häuser auf, die sich in einem
erbärmlichen Zustand befinden. Meist sind Frauen und Kinder auf den Höfen. Wenn
man uns bemerkt, sieht man uns neugierig nach, als hätte man auf uns gewartet. Jedoch
fehlt das Geschrei der Kinder, die jeden Fremden sofort verfolgen, um diesen mit
Fragen zu überhäufen.

Wir erreichen die Sozialstation. Mir wurde versichert, dass hier immer jemand zu
erreichen ist. Doch auf mein Klopfen wird nicht aufgemacht. Es ist also niemand im
Haus.
Wir setzen uns auf die Treppenstufen und ich krame eine Zigarette aus der Schachtel
und zünde sie an. Der provisorische Weg zu dem Aufgang, auf dem wir sitzen, ist gerade
mit einem Reisigbesen gefegt wurde. Deutlich erkenne ich die Spuren des Fegens im
Staub, die sich an beiden Seiten des Weges befinden. Ich fühle mich von allen
Richtungen her beobachtet. Und tatsächlich sehe ich von den umliegenden Häusern,
dass ab und an auf uns gezeigt wird. Leute, die vorbeigehen, scheinen uninteressiert
ihren Weg zu gehen, doch in Momenten, in denen ich sie nicht beachte, drehen sie sich
zu uns Sitzenden um. Das Ganze kommt mir irgendwie inszeniert vor und ich wähne
mich in einem falschen Film.

„Lass uns eine Runde drehen“, sage ich zu István, stehe dabei auf und schnipse
meinen Zigarettenstummel auf die Straße. „Vielleicht finden wir ja eine Möglichkeit, mit
Leuten zu reden.“
Wir gehen die Breite Straße entlang in Richtung Siedlungsgrenze. Wir werden von
den Roma gesehen, aber scheinbar nicht wahrgenommen. Wenn wir über einen
Hauszaun hinweg in den Hof grüßen, so grüßen die Menschen, die sich auf dem Hof
befinden, freundlich zurück. Doch habe ich nicht das Gefühl, dass keiner wissen möchte,
was wir hier suchen. Im Allgemeinen ist die Frage von den Menschen in einer Siedlung:
‚Was wollt ihr hier?‘, oder ‚Sucht ihr jemanden?‘. Das ist dann auch immer die
einfachste und freundlichste Art, ein Gespräch zu beginnen. Nur hier und heute scheint
man uns zu ignorieren. So als wurde den Bewohnern der Siedlung befohlen, keinen
Kontakt mit mir aufzunehmen.

Ich wage einen Versuch, mich mit einem Bewohner zu unterhalten. Ein junger,
hagerer Mann steht an der Eingangstür seines Hauses. Als ich über den niedrigen Zaun
schaue, sieht er weg.
„Guten Tag“, rufe ich über den kleinen Hof. Der Mann nickt als Antwort auf meinen
Gruß und verschwindet in das Haus. Dabei wollte ich mich gerade vorstellen. Doch sein
Verschwinden ersticken meine nächsten Worte schon im Hals.
Ich geben nicht auf. Ein paar Häuser weiter sitzen drei junge kräftige Kerle auf den
Stufen vor einem Haus.
„Hallo?!“, rufe ich den jungen Leuten zu, um sie auf mich aufmerksam zu machen.
Einer von den Dreien, der wohl das Sagen hat, zieht seine Kopf nach oben, was heißen
soll, ‚Was wollt ihr denn von uns?‘. In diesem Moment dröhnt ein Müllauto die Straße
entlang, sodass ich das, was er nun sagt, nicht hören kann. Ein Müllauto in einer
Romasiedlung ist äußerst ungewöhnlich, da die Bewohner nur in den seltensten Fällen
die Entsorgungsgebühren bezahlen können. Trotzdem ist mir schon bei Betreten der
Siedlung aufgefallen, dass kaum Unrat herumlag und die wenig vorhandenen
Mülltonnen sichtlich nicht überquellen.
„Guten Tag“, versuche ich erneut mit lautere Stimme, um den wegfahrenden
Müllwagen zu übertönen, die jungen Männer zu grüßen. „Dürfen wir hereinkommen?
Ich hätte ein paar Fragen“, beeile mich aber sofort nachzuschicken, dass ich nicht von
der ungarischen Presse bin, sondern aus dem Ausland komme.
„Na dann komm‘ Sie halt rein“, sagt der Mittlere von den Dreien, scheint sich aber
bei dieser Entscheidung nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. „Was wollen Sie denn von
uns?“

Ich öffne die verschlagähnliche Tür und wir gehen auf die Drei zu. Der Hof ist
aufgeräumt, nirgendwo liegt Unrat herum. Eine Ratte würde hier schwerlich ihr
Auskommen finden. Ich stelle mich den Leuten vor und sage, dass ich mich für die
jetzige Situation der Roma in Tiszavasvári interessiere.
„Was soll das denn sein?“, antwortet wieder derjenige der auch schon vorher als
einziger gesprochen hat. „Wir haben eigentlich nichts zu sagen… Ist alles prima hier.
Wenn ihr was wissen wollt, so müsst ihr euch schon an die Sozialstation wenden. Die
können euch was sagen. Uns geht es hier gut.“
Jetzt klingeln bei mir alle Alarmglocken, die ein menschliches Gehirn nur aktivieren
kann. Selbst wenn man einen Reichen fragen würde; sei es Ungar, sei es Rom. Nie
würde er freiwillig zugeben, dass es ihm gut gehe und schon gar nicht in dieser
Wohnumgebung.

Ich versuche mein Erstaunen zu unterdrücken und frage:
„Sagt mal, stimmt das, dass man euch die Sozialhilfe kürzt, wenn der Hof nicht
aufgeräumt ist? Oder auch dann, wenn ihr nicht der Gemeindearbeit nachkommt?
„Wenn der Hof nicht sauber ist? Das ich nicht lache. Vor ein paar Tagen waren die
sogar in meinem Haus gewesen. Fast hätten die in meiner Unterwäsche rumgewühlt.
Die kommen rein, ohne zu fragen. Vor denen bist du ein Nichts.“
Doch scheint er sich auf einmal zu besinnen.

„Ne Leute vergesst das! Ich habe nichts gesagt! Aber wen ihr genaueres wissen wollt,
so fragt meine Nachbarin. Der haben sie die Sozialhilfe gestrichen, weil ihr Haus nicht
in Ordnung war. Dazu müsst ihr neben das Sozialgebäude gehen. Da wohnt ihr Sohn. Da
ist die gerade. Aber ich habe jetzt wirklich nichts gesagt. Und jetzt Tschüss. Gott mit
euch!“, dann macht er noch eine hektische ausladende Handbewegung und wir gehen
wieder vom staubigen Hof auf die staubige Straße.

Direkt vor dem Haus beginnt ein Trampelpfad, der zurück auf die Breite Straße
führt. Erst jetzt fällt mir auf, dass in der ganzen Siedlung keine Bäume stehen. Auch
fallen mir keine Baumstümpfe auf. Wenn es hier einmal Bäume gab, so müssen die
Wurzeln gerodet worden sein. Trotzdem bin ich mir sicher, dass – sollte es hier einmal
Bäume gegeben haben – sie nicht aus Habgier gefällt wurden, sondern aus Armut. Eine
Armut, wie sie fast allen Siedlungen dieser Art zu finden ist. Das schwächste Glied in
einer Gesellschaft. Und da es auch das letzte Glied ist, kann man gut und gern darauf
verzichten. Eine Volksgruppe wird stigmatisiert und kriminalisiert. Gerade diese
öffentliche Meinungsmache wird geschürt von den Regierenden, denen nichts besser in
den Kram passt, als einen solch idealen Prügelknaben im eigenen Land zu haben, auf
den man den gesamten Zorn der Bevölkerung fokussieren kann.
Wen ich daran denke, was diesen Menschen angedichtet wird, so verstehe ich auch
die aufkeimende Wut der Roma gegenüber den Ungarn.

„Lass uns dann mal zu dem Haus schauen, von dem der junge Mann gesprochen
hat“, sagte ich zu István und wir gehen zurück in die Richtung des Sozialgebäudes. Etwa
hundert Meter vor unserem Ziel sehe ich zwei junge Leute, die mir schon aufgefallen
waren, als wir in die Siedlung kamen und die sich betont gleichgültig und zurückhaltend
benahmen. Nun sah ich aber, dass sie uns mit einem Handy fotografieren.
„Sollen wir auch lächeln?“, ruft István den Beiden zu. Daraufhin verschwinden die
Leute in Richtung Kneipe.

„Das waren Käufliche.“ sagt mein Begleiter, „irgendwelche Spitzel, die für einen
Personenkreis arbeiten, die es interessiert, was du hier tust. Die werden jetzt erst mal
das Honorar für die Fotos – das sie noch nicht haben – versaufen. Aber keine Angst.
Das sind nicht die einzigen, die dich hier oder in der Stadt beobachten.“
Wir stehen nun vor dem Haus des Sohnes, dessen Mutter anscheinend die
Sozialhilfe gestrichen wurde. Vor dem Haus sitzt ein junger Mann, raucht und schaut
seinem spielenden Kind zu. Das Haus ist neu verputzt und scheint in einem tadellosen
Zustand zu sein. Der Mann schaut uns fragend an:
„Was wollt ihr hier? Sucht ihr jemanden?“
„Ja“, sage ich. „Wohnt Ihre Mutter dahinten, in der zweiten Reihe der Häuser?“ Ich
zeige mit meiner Hand in die Richtung die ich meine.
„Da wohnt sie,“ antwortet der junge Vater, „wieso, stimmt was nicht mit ihr?“
Jetzt meldet sich István zu Wort: „Also der Nachbar ihrer Mutter behauptet, dass sie
keine Sozialhilfe mehr bekommt, weil Haus und Hof nicht in Ordnung seien. Der
Nachbar hat uns dann zu Ihnen geschickt, weil Ihre Mutter wohl jetzt hier sein soll.
Können wir vielleicht kurz mit ihr sprechen? Oder wissen Sie vielleicht was darüber?“
„Also, meine Mutter ist nicht hier.“ antwortet er. „Ich habe auch keine Ahnung wo
sie gerade ist. Dass ihr die ‚Sozi‘ gestrichen wurde, davon habe ich auch keine Ahnung.
Ich brauche keine Sozialhilfe! Ich habe Arbeit.“
„Das ist ja toll“, sage ich jetzt. „Wo arbeiten Sie denn? Ein schönes Haus haben Sie.“
„Ich arbeite in der Geflügelfabrik“, sagt er nicht ohne eine gewissen Stolz. „Da
arbeiten viele die hier wohnen. Wenn sie meine Mutter suchen..? Vielleicht ist sie ja bei
ihrer Freundin. Jozsi, mein Junge“, sagt er jetzt an sein Kind gerichtet, „gehe doch mal
zu Oma, die bei Tante Roszsa ist und sage ihr, dass sie herkommen soll.“
Wie ein Blitz ist der Kleine in Richtung des Tümpels verschwunden, der an dem
Haus grenzt.

Keine zwei Minuten später kommt der Junge mit seiner Oma im Schlepptau wieder.
Die alte Frau mit einem langen bunten Rock, einem etwas schmuddeligen Pullover und
einem roten Kopftuch, unter dem ihre offenen Haare hervorlugten, machte einen
überraschten Eindruck und fängt sofort zu erzählen an:
„Was wollt ihr denn von mir? In der Siedlung sagte man doch, dass wenn ihr
kommen solltet, dass dann schon Leute da wären, die eure Fragen beantworten. Uns hat
man aber gesagt, wie sollen nichts sagen. Also was wollen Sie dann von mir?
„Küss die Hand“, sage ich, (da dies die Anrede für eine ältere Frau ist) „nur eine ganz
kurze Frage. Stimmt es, dass Ihnen die Sozialhilfe gestrichen wurde, weil Ihr Haus und
ihr Hof nicht in Ordnung waren?

Diese Frage hätte ich besser nicht gestellt, denn sofort begann ein großes Gezeter:
„Wer hat das gesagt? Der Blödmann, der das gesagt hat, will nur, dass meine Hilfe
wirklich gestrichen wird. Jeder hier kann bezeugen, dass ich eine saubere
rechtschaffene Frau bin, das ist üble Nachrede, das kann doch wohl nicht wahr sein!“
Mir tut jetzt meine Frage leid, die ich an Sie richtete. Ich hätte sensibler,
diplomatischer vorgehen sollen. Dass ich jetzt noch eine brauchbare Antwort von ihr
bekomme, kann ich vergessen. Außerdem habe ich sie bloßgestellt, was um so
schlimmer ist, das ich ein Gadjo (Nicht-Rom) bin. Die einzige Reaktion, die sie jetzt
zeigen kann, ja muss, ist die, ihre Empörung über den Vorwurf der gesamten Siedlung
lautstark mitzuteilen.

„Macht, dass ihr wegkommt!“, ruft sie alte Frau, als sie schon auf dem Trampelpfad
ist, der in die Richtung ihres Hauses geht und den wir vor einigen Minuten auch
genommen haben, um hierher zum Haus ihres Sohnes zu kommen.
„Geht zurück nach Deutschland und nervt dann dort eure eigenen Menschen… So
ein Schwachsinn! Mir und die Hilfe streichen.“
Die ganze Siedlung ist jetzt aufmerksam geworden. Die Menschen kommen aus den
Häusern und wollen sehen, was der Anlass für diesen Aufruhr ist.

„Tut mir leid“, sagt der Sohn der Frau. „Da habt ihr wohl einen schlechten Tag
erwischt. Aber ich brauche keine Angst zu haben, dass man mir die Hilfe streicht, denn
ich habe Arbeit.“
Ich schaue ihn fragend an. „Kann ich dass so verstehen, dass Leute, die Sozialhilfe
bekommen, Angst haben müssen, mit uns zu reden?“
„Natürlich!“, antwortet er und sieht dabei mit gelassener Miene auf seinen
spielenden Sohn. „Die Menschen wissen hier schon seit Tagen, dass irgendwelche
Menschenrechtler aus Deutschland kommen werden, um Fragen zu stellen. Den Leuten
wurde gesagt, dass sie aufpassen sollen, was sie sagen, wenn sie was sagen. Von daher
haben sich fast alle vorgenommen, den Mund zu halten. Das einzige Gute, was euer
Besuch brachte, ist, dass endlich mal der Teich gereinigt wurde. Außerdem wurde
wieder mal seit langem der Müll abgeholt. Wollt ihr vielleicht einen Kaffee?“
Ich bedanke mich und wir setzen uns auf die Fliesen der Terrasse neben den Vater,
der seinem Sohn noch immer beim Spielen zuschaut. Nach einigen Minuten kommt
seine Frau aus dem Haus mit zwei Tassen Espresso.

„Ich würde sagen, dass ihr hier und heute bestimmt keine Fragen mehr beantwortet
bekommt“, sagt unser Gastgeber. „Ich denke auch morgen oder übermorgen werden die
Leute noch Angst vor Fragen haben. Aber in ein paar Monaten könnt ihr ja
wiederkommen. Kann ja sein, dass sich bis dahin der Wirbel gelegt hat. Eins ist aber
sicher. In den nächsten Wochen wird euer Besuch hier garantiert noch ein Thema sein.“
Wir gehen zurück in Richtung Innenstadt. In der Nähe der Kneipe ruft uns ein schon
Angetrunkener zu: „Wenn ihr das nächste Mal herkommt, solltet ihr euch nicht
anmelden.“

Auf der Gépàllomás utca, die jetzt in umgekehrter Richtung in die Stadt führt,
kommen uns viele Kinder entgegen.
„Schulschluss in der ‚Magister
Schule‘“, sagt Istvan, „das ist eine
Schule ausschließlich für
Romakinder.
Vom Kindergarten
bis zum eventuellen
Schulabschluss. Ein kleines
Universum für Romakinder. Kein
Aufwachsen mit den ungarischen
Kindern, denn die habe ihre
eigenen Schulen. Schön sauber
getrennt. Wir wollen ja schließlich nicht, dass die Zigeuner unsere Kinder mit
Krankheiten und Prügel verunstalten.“ Dabei grinst Istvan verschwörerisch, in der
Hoffnung, wieder einen Nerv in mir getroffen zu haben. Doch in der Tat. In Ungarn gibt
es in vielen, wenn nicht in den meisten Städten getrennte Schulen für ungarische Kinder
und Romakinder.

Wieder in der Stadt angekommen, empfängt mich eine ungewohnte Kälte, obwohl
die Sonne noch scheint.
István bringt mich noch zum Bus nach Tiszalök. Vom Bus aus sehe ich wieder die
moderne Festung, die ein Knast ist. Martialisch trotzt sie meinen Blicken und ihre
weißen Mauen reflektieren die Wärme der Sonne.
Es wird kälter in Ungarn…
Anmerkung
Einige Namen in diesem Feature wurden geändert, da die Gefragten Angst vor
Verfolgung durch staatliche oder lokale Behörden haben.
Die Angst vor einer „jüdischen Weltverschwörung“ und einer zu stark wachsenden
ethnischen Minderheit beherrscht das Leben hier in Tiszavasvári und ist
Stammtischgespräch in ganz Ungarn.
Neuste Informationen zur politischen Lage in Ungarn gibt es beim „Pester Lloyd“
und auf der Bloggerseite von „Pusztaranger“.
Über den Autor dieses Features:
http://www.sozialfotografie.de

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Wer Schlechtes tut, dem Schlechtes geschieht

von Helge Lindau

Schon seit Wochen macht eine Hitzewelle das Leben in der bulgarischen Touristenmetropole am Schwarzen Meer zu einer Herausforderung.

Im Zimmer der Varnaer Innenstadtwohnung steht die Luft trotz der geöffneten Balkontür. Petja A. (61) liegt auf dem Bett des aufgeräumten Zimmers und schaut auf die an der Wand hängenden Gobelins. Vor 30 Jahren, als sich Ihre Krankheit noch im Frühstadium befand, hatte sie noch die Kraft, viele dieser Stoffbilder zu sticken. Jetzt liegt sie schon seit 20 Jahren ans Bett gefesselt und kann nur mit Mühe schwerfällig Kopf und Hände bewegen. Petja A. hat MS. Multiple Sklerose ist eine andauernde Entzündung des zentralen Nervensystems, mit der man in westlichen Ländern – mit Einschränkungen – leben kann. Doch in Bulgarien, wo ein Gesundheitssystem für ärmere Menschen fast nicht existiert, kommt diese Krankheit einem Todesurteil gleich. Jedoch wird dieses Urteil nicht sofort vollstreckt, sondern ist schleichend und qualvoll.

Medikamente und Therapien für MS Kranke kann sich die Familie von Petja A. – wenn überhaupt – nur in einem sehr begrenzten Umfang leisten. Von der Krankenkasse gibt es einen Zuschuss von zwei Euro fünfzig im Monat. Egal wie lebensnotwendig die Medikamente auch sein sollten, der bulgarische Patient muss fast alle Arzneien aus der eigenen Tasche bezahlen. Eine angemessene und etwas Erfolg versprechende medikamentöse Behandlung von MS kostet in Bulgarien etwa 1000 Euro monatlich. Ein Betrag den die ganze Familie jährlich zum Leben braucht.
Neben dem Bett der bis auf die Knochen abgemagerten Kranken, die nur noch ein Schatten ihrer selbst zu sein scheint, sitzt ihre Schwester Elena L. (65) und erklärt Monika Heitmann die fast aussichtslose finanzielle Lage der Familie. Monika Heitmann (35) ist Aufbaureferentin des bulgarisch-deutschen Hilfswerkes in Varna und berät die bulgarischen Mitarbeiter in der Sozialarbeit.
„Mein Mann, Petja und ich,“ so erzählt Elena, „haben zusammen eine Rente von 400 Euro im Monat. Davon gehen 300 Euro in die Pflege von Petja. Allein die Pflegerin, die wir bezahlen, bekommt davon 225 Euro. Der Rest, etwa 80 Euro, gehen für Windeln, Medikamente und Pflegehilfsmittel drauf. Für Lebensmittel und Kleidung bleiben also gerade einmal 100 Euro, für alle der im Haushalt lebenden Personen.
Hierzu muss man wissen, dass die Lebensmittelpreise in Bulgarien vergleichbar mit denen in Deutschland sind. Von den immensen Strom- und den winterlichen Heizkosten ganz zu schweigen.
„Bisher,“ so Elena weiter, „konnte mein Mann einen Großteil der Pflege bezahlen. Aber seit seinem Schlaganfall bekommt er auch nur eine magere Rente. Von dieser Rente müssen auch noch die Medikamente bezahlt werden, die er für seine Genesung braucht.“
Petja gibt ihrer Schwester – mit ihrer schwachen wispernden Stimme – recht. Doch sie ist kaum zu verstehen, denn durch die offene Balkontür dringt der in ganz Varna permanente Straßenlärm von hupenden Autos und abrupt aufheulenden Motoren.

Schicksale hinter Fenstern

Um Benzinkosten zu sparen wurde Monika Heitmann von einem Auto der Sozialstation, das Essen an Hilfs- und Pflegebedürftige wie Petja austeilt, in der Nähe von Petjas Wohnung abgesetzt. Den Rest des Weges musste sie zu Fuß gehen, da es vor dem Haus keine Haltemöglichkeit gibt und ein Aussteigen beim fließenden Verkehr unweigerlich zu Huporgien geführt hätte.

Monika H. arbeitet seit sechs Jahren für das Hilfswerk. Sie lernte bulgarisch; doch in erster Linie lernte sie die sozialen Gegebenheiten in Varna kennen. Petja A. und ihre Schwester Elena würden sicher schon auf sie warten. Trotzdem nimmt sie sich Zeit und schaut hoch zu den Plattenbauten, durch deren Schluchten sich die nicht abreißen wollende Schlange von Autos zieht. Die Wohnblocks wurden in der kommunistischen Zeit Bulgariens ohne Rücksicht auf bauästhetische Belange hochgezogen. In den Anfängen der postkommunistischen Zeit wurden dann die Wohnungen an die Mieter verkauft. Die neuen Wohnungsbesitzer begannen ihr Eigentum umzubauen und verwandelten es – auch von der Straße aus sichtbar- in skurril anmutenden Unikate. Aus manchen Fenstern schauen nun Ruß geschwärzte Schornsteinrohre; jeder Balkon bekam sein eigenes Aussehen und wurde in vielen der Wohnungen zum Kochplatz oder zur Abstellkammer. Einige Wohnungen wurden von aussen mit Isolierplatten verkleidet und neu gestrichen, was die unten liegende Etage noch heruntergekommener erscheinen lässt. In vielen Treppenaufgängen stapelt sich der Sperrmüll. Eine fatale Situation. Falls einmal der Lift ausfallen sollte, kann man nur noch in gewagten Kletteraktionen höhere Stockwerke über das Treppenhaus erreichen.

Heute, am frühen Morgen, war Monika H. bei Iwan Petrov*. Iwan ist neben Petja A. auch einer der vielen „Klienten“ des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerkes ´St. Andreas´ e.V.. Der ehemalige Zahnarzt Iwan ist blind, bettlägerig und kann sich nicht mehr selbst versorgen. Zusammen mit seiner geistig behinderten Tochter lebt er in einer verwahrlosten Zweizimmerwohnung eines Plattenbaus. Zweimal wöchentlich bekommt er Besuch von einer Krankenschwester, die ihn versorgt. Sie wechselt professionell seine Windeln, wäscht und rasiert ihn, findet, wenn sie nicht zu sehr im Zeitdruck ist, auch ein paar Minuten, um mit ihm über seine Ängste und Sorgen zu sprechen. Dann muss sie allerdings schon wieder weiter zum nächsten Pflegebedürftigen und Iwan bleibt wieder sich selbst überlassen – bis zum nächsten Termin.
Die Krankenschwestern arbeiten vor oder nach dem offiziellen Dienst im Krankenhaus für das Sozialwerk. Ein normaler Vorgang in Bulgarien, denn von einen Job allein kann man sich den Lebensunterhalt nicht sichern. Die tägliche Arbeitszeit einer solchen Krankenschwester kann dann schon einmal 16 Stunden betragen.
Hierbei hat Iwan Petrow noch Glück im Unglück. Viele seiner Leidensgenossen bekommen noch weniger oder keine Hilfe. Ein soziales Sicherungsnetz ist in Bulgarien so gut wie unbekannt. Viele Hilfsbedürftige haben weder eine Krankenversicherung noch irgendeine andere soziale Absicherung. Wenn diese Menschen eine medizinische Leistung in Anspruch nehmen wollen, so müssen sie, um krankenversichert zu werden, einen ganzen Jahressatz an Versicherungsgebühren auf einmal bezahlen. Da dieses kein Armer schaffen kann, sterben sie unbemerkt von der Öffentlichkeit in ihren Plattenbauwohnungen.

Es gibt keine Statistik über etwaige Pflegefälle in Bulgariens Meereshauptstadt Varna. Aber die Schätzungen von Sozial- und Hilfsorganisationen sind schockierend. Wenn man die bekannten Fälle hochrechnet und auf die verschiedenen Stadtteile verteilt, wäre eine Größenordnung von etwa 10.000 Menschen, die der Hilfe bedürfen und keine bekommen, sogar noch untertrieben.
Den bulgarischen Staat lassen jedoch solche Zahlen kalt. Die Politiker, Beamten und Unternehmer sind mit anderen Sachen beschäftigt. Zum Beispiel mit der Frage: ‚Wie fülle ich meinen eigenen Geldbeutel.‘
Deswegen hat auch die EU – wegen anhaltender Korruption in Bulgarien – dringend benötigte 500 Millionen Euro Hilfe vorerst auf Eis gelegt und weitere 200 Millionen ganz gestrichen. Wer die Leidtragenden dieser rigorosen Maßnahmen sind kann man sich schnell denken. Auf alle Fälle sind es nicht die korrupten, betrügerischen Machtinhaber. Doch die Damen und Herren im Sofioter oder im Brüsseler Parlament interessiert es nicht, wenn irgendwo am Schwarzen Meer – in der Platte – die Menschen verrecken.

Trotz des großen Engagements der Mitarbeiter vom Sozialwerk in Varna ist ihre Arbeit nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein. Sie können nur einem verschwindend kleinen Bruchteil der Hilfsbedürftigen ihre Hilfe zukommen lassen, da mit den zur Verfügung stehenden Mitteln eine flächendeckende Unterstützung von Hilfesuchenden unmöglich ist. Händeringend wird versucht jeden Euro, der zur Verfügung steht, zu optimieren. Dabei müssen dann schon einmal unpopuläre Maßnahmen ergriffen werden. Letztens wurde der geringfügige Obolus, den die Hilfsbedürftigen für ihre Essenversorgung bezahlen müssen, in manchen Fällen um bis zu hundert Prozent erhöht. Trotzdem deckt dieser Beitrag auch nur ein Promille der tatsächlichen Kosten. Wenn überhaupt, so bezieht der Großteil des Klientels des Sozialwerkes nur eine „soziale Mindestrente“, die bei etwa 46 Euro monatlich liegt. In einigen Fällen kann diese Rente auch bis 62 Euro ansteigen, wenn bestimmte Bedingungen, wie der Nachweis einer Schwerstbehinderung, angezeigt werden können. Für diesen Nachweis muss der Betreffende krankenversichert sein. Doch wer sich eine Krankenversicherung leisten kann, gilt schon als Reicher unter den Armen.

Die Ghettos der Stigmatisierten

Der soziale Wahnsinn von Varna spielt sich nicht nur hinter den Fenstern der Wohnblocks ab, in denen mehrheitlich bulgarisch ethnische Menschen wohnen, sondern auch in den Slums in und um Varna herum.
Hier leben in erster Linie Roma, von der Mehrheitsbevölkerung in diese Ghettos und an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Die größte dieser Enklaven heißt „Makzuda“ und liegt in der geografischen Mitte von Varna. Vorbei am Busbahnhof und der Shoppingmall von Varna eröffnet sich einem das Elendsviertel. Erst geht man neben gemauerten Steinhäusern vorbei, die, um so weiter man in das Viertel vordringt, von Holzbaracken und Wellblechhütten, dann von noch primitiveren Unterkünften abgelöst werden. Schätzungsweise 15.000 Menschen leben allein in „Makzuda“. Die Zahl ist sehr spekulativ, da andere Schätzungen von dem Doppelten ausgehen. Hier herrschen nicht dieselben Gesetze wie draußen in der anderen Welt, die Varna heißt. Diese Gesetze wurden von Menschen gemacht, die die Verzweiflung und die Armut ihrer Mitbewohner ausnutzen.
Die Polizei lässt sich in diesem Viertel nicht blicken. Im Gegenteil. Wenn sich hier die Menschen gegenseitig die Köpfe einschlagen, so ihr Gedankengang, gibt es ein paar Probleme weniger.

Oft wurde schon darüber geredet, das ganze Viertel einfach niederzuwalzen, doch raffinierte Politiker kamen dann auf die Idee die Bewohner von „Makzuda“ als williges Stimmvieh zu gebrauchen. Und tatsächlich! Immer pünktlich vor den Wahlen kommen Politiker der gerade regierenden Partei und versprechen das Ghetto nicht abzureißen, wenn ihre Partei gewählt wird. Dazu gibt es dann noch als Bonus etwa 15 Lewa (entspricht in etwa 7,50 Euro) für jede abgegebene Stimme. Nach der Wahl dann sind die Versprechen wieder vergessen, und man kann bis zur nächsten Wahl wieder Angst vor dem Abriss verbreiten, da, so dann dieselben Politiker: ‚Das Viertel ein großer Sumpf aus Kriminellen ist‘.
Dass sich hier die Kriminalität besonders gut entwickelt ist aber vor allem ein Verdienst der Politik. Überall wo sich Armut und Elend so unkontrolliert ausbreiten wie hier, sind dem Verbrechen Tür und Tor geöffnet. Leider werden hier wirklich alle Klischees des Verbrechens bedient. Von der Prostitution, vor allem der Kinderprostitution, über Diebstahl, Schiebereien bis hin zu Gewaltverbrechen. Die Nutznießer dieser Verbrechen wohnen allerdings in den seltensten Fällen im Herzen von „Makzuda“. Vielleicht nur kleine Zuhälter, die sich für „Makzuder“ Verhältnisse wahre Paläste hingestellt haben.
Viele der Kinder und Erwachsenen, die hier leben, sind illegal. Illegal heißt in diesem Fall, dass sie keine behördliche Identität besitzen. Sie wurden geboren ohne Geburtsurkunde, ohne Pass, ohne von staatlicher Seite registriert zu sein. Krankheiten können nicht auskuriert werden, da ein Arztbesuch für diese Menschen nicht bezahlbar ist. Folge davon ist, dass viele Krankheiten chronisch werden. Kinder, die meist halbnackt auf der Straße und im Müll spielen, sind dadurch besonders anfällig für Infektionskrankheiten aller Art. Besonders grassieren zur Zeit die verschiedenen Formen der Hepatitis.
Der Alkohol- und Drogenkonsum gedeiht in diesem Umfeld hervorragend und gilt als Todesursache Nummer Eins.

„Makzuda“ ist jedoch nicht das einzige Ghetto dieser Art in Varna. Neben diesem gibt es etwas an den Rand der Stadt gedrängt noch die Quartiere in „Vladislavovo“, „Asparuchovo“ und „Kamenar“. Die Situation in diesen Vierteln ist ähnlich der in „Makzuda“.
Die Hilfe von Organisationen, die Kleider und von Fall zu Fall Medikamente spenden, ist zwar gut gemeint, aber letztendlich eher ineffektiv, solange man den Betroffnen keine Hilfe zur Selbsthilfe gibt.
„In erster Linie muss vor allem den jungen Menschen ihre Situation vor Augen geführt werden.“, so Monika Heitmann, „Die meisten Leute aus den Ghettos wurden dort geboren und kennen somit auch nichts anderes. Ihnen muss durch Bildung der momentane Ist-Zustand vor Augen geführt werden. Damit sie raus aus dem Ghetto und rein in die Gesellschaft finden.“
Diese Gedanken veranlassten Heitmann, dass sich das Sozialwerk nicht nur mit pflegebedürftigen Alten und Behinderten beschäftigt, sondern auch ein Projekt namens „Step in“ ins Leben gerufen wurde. Dieses Projekt ermöglichte einigen Kindern und Jugendlichen außerschulische Nach- und Hausaufgabenhilfe, Englisch- und Computerkurse zur Vorbereitung auf eine weiterführende Berufsbildung. Neben den Kursen wurde auch großen Wert auf eine umfassende Bildung gelegt, indem man Ausflüge an historische Orte sowie Museumsbesuche organisierte. Einen hohen Stellenwert nahmen aber auch die künstlerische und sportliche Erziehung sowie das kostenlose Mittagessen ein, das von den Schülern gern angenommen wurde.
Nach anfänglichen Erfolgen jedoch versiegten die Geldquellen, und das Projekt muss nun bis 2010 pausieren. Ein herber Rückschlag für die engagierte Frau, die – ob der beschränkten finanziellen Mitteln seitens der Behörden und Organisationen – noch lange nicht ans Aufgeben denkt.

Verwahranstalten

Eigentlich ist es die Hauptaufgabe von Monika Heitmann, soziale Projekte zu initiieren, aufzubauen, zu organisieren und begleiten. Jedoch lässt sie es sich nicht nehmen auch immer wieder die Menschen zu besuchen, um die es in Ihrer Arbeit geht. Daraus sind, wie im Fall von Petja A. und ihrer Familie, auch vertrauensvolle Beziehungen entstanden.

Trotz des surrenden Ventilators scheint die heisse Luft in Petjas Zimmer zu stehen. In einer Nachbarwohnung plärrt ein Radio oder Fernseher. Petja hat ihre dürre Hand auf die ihrer Schwester Elena gelegt. Jetzt wird erst der Unterschied zwischen beiden Händen deutlich. Während die Hände von Elena die einer Frau sind, die ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben, wirken die der MS Kranken Petja zerbrechlich. Kein Muskel scheint mehr vorhanden zu sein. Zwischen den Fingerknochen und der Haut zeichnen sich deutlich die Adern ab, so als bestände ihre Haut aus Pergament.
Petja erzählt Monika H. von ihrer Zeit in Berlin und fast scheint es als würde ein zufriedenes Lächeln über ihr Gesicht huschen. Ihr halbjähriger Aufenthalt in Berlin liegt nun schon 43 Jahre zurück, dennoch kann sie sich an vieles erinnern. Auch freut sie sich ihre guten Deutschkenntnisse durch ein Gespräch mit Monika H. aufzufrischen. Dies alles lässt sie für kurze Zeit ihr Leid vergessen.
„Könnt ihr vom Sozialwerk nicht ein Pflegeheim aufmachen?“, fragt Petja, und hebt dabei andeutungsweise, schwerfällig den Kopf. Doch ihre Schwester Elena beeilt sich schnell zu sagen: „Daheim ist es doch viel besser, da weißt Du, wer auf Dich aufpasst.“

Tatsache ist, dass es für die knapp 400.000 Einwohner von Varna nur ein staatliches Pflegeheim mit etwa 50 Plätzen für Bettlägerige gibt. Dort müssen sich jeweils drei Patienten ein Zimmer teilen. Diese Einrichtung verdient allerdings weniger den Namen Pflegeheim, als vielmehr den Titel Verwahranstalt.

Die wenigen privaten Heime kosten pro Pflegeplatz etwa 350 bis 500 Euro monatlich. Medikamente, Windeln und andere Pflegemittel müssen natürlich extra bezahlt werden. Für Petja ein schier unbezahlbares Unterfangen, da ihre gesamte Rente gerade 130 Euro beträgt. In einem kleinen Ort bei Varna gibt es noch ein staatliches Pflegeheim, in dem die Kranken im ersten Stock des Gebäudes untergebracht sind. Bezeichnenderweise können die Liegenden fast unmöglich transportiert werden, da das Gebäude nicht rollstuhlgerecht gebaut wurde. Die Greulgeschichten von Pflegeheimen machen immer noch die Runde in der Bevölkerung und scheinen einer wahren Grundlage nicht zu entbehren.
„In Povadija“, so weiß Elena zu berichten, „ist vor 15 Jahren ein Heim in Flammen aufgegangen. Bis zum heutigen Tag wurde lediglich die Kantine renoviert. Die Kranken wurden in einen nahe gelegenem Busbahnhof evakuiert, in dem sie bis zum heutigen Tag untergebracht sind.“

Resignation

„Wir haben diesen Staat aufgebaut“, resümiert Elena mit Tränen in den Augen, „und jetzt interessiert sich keiner mehr für uns. Auch der Staat interessiert sich weder für die gesunden, noch für die kranken Menschen.“ Sie macht eine kleine Pause und schaut Petja an. „In Alter und Krankheit ist man auf sich allein gestellt. Wer keine Nächsten hat, der bleibt ohne Hilfe und Pflege und verwahrlost. Die Gesunden verlassen das Land. Der Staat kann ja nicht einmal für die Gesunden sorgen.“

Bulgarien behandelt in der Tat seine Bürger stiefmütterlich. Die Renten sind so niedrig, dass selbst ein sparsamer Mensch unmöglich davon seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Die durchschnittliche bulgarische Rente beträgt gerade einmal 115 Euro. Auch derjenige, der die Maximalrente von 240 Euro bekommt (und dies sind sehr wenige), hat Schwierigkeiten über den Monat zu kommen. Selbst ein ganztägig arbeitender Mensch muss sein Leben sehr einschränken, denn auch mit monatlich 270 Euro – bulgarisches Durchschnittseinkommen für Berufstätige – kann man keine großen Sprünge wagen.

Elena glaubt längst nicht mehr an einen Gott. Ihr Glaube ist ihr über die Jahre abhanden gekommen. Von zu vielen Schicksalsschlägen wurde sie verbittert. Sie glaubt einfach nicht mehr an die Gerechtigkeit in dieser Welt. „Wer Gutes tut, dem Gutes geschieht; wer Schlechtes tut, dem Schlechtes geschieht.“ sagt sie an Monika H. gewandt, „Nein! Das stimmt so leider nicht…“

Seit zwei Jahren ist Bulgarien volles Mitglied in der Europäischen Union. Jedoch vom sozialen, kulturellen oder wirtschaftlichen Standpunkt aus, wäre es nicht übertrieben Bulgarien als ein Entwicklungsland zu bezeichnen. Wie auch in Entwicklungsländern üblich, fehlt die große Masse die ein Staat erst lebensfähig macht: nämlich die Mittelschicht. In diesem Staat existiert nur das Heer der Armen, das von von einer kleinen elitären Gruppe, der Reichen, mehr oder weniger gelenkt wird.

(c) by Helge Lindau

Fragmente II -Hotel Hyatt

von Helge Lindau

Ich suchte im Schatten des letzten Hauses vor der langen Brücke noch etwas Schutz vor der gleißenden Sonne, bevor ich den Gang über die Brücke wagen wollte. Eigentlich war es unvernünftig von mir, schon so früh am Nachmittag einen Termin zu machen, musste mir doch klar sein, dass mir die Hitze endlos zusetzen würde. Nur wenige Wolken waren am Himmel zu sehen, es wehte kaum ein Lüftchen; trotzdem wartete ich auf eine Gelegenheit, über die Brücke zu kommen. Hierzu brauchte sich nur eine Wolke vor die Sonne zu schieben, um mir so den nötigen Schatten zur Überquerung zu spenden.

Ich war heute schon in aller Herrgottsfrühe aufgestanden, um mir die Wunden der NATO-Luftangriffe anzuschauen, die vor einem knappen Jahr das Unheil hierher gebracht hatten. Tausende Menschen kamen dabei ums Leben, Tausende wurden verletzt – ich rede von Zivilisten – also Kinder, Frauen und Männer, die den Generälen der NATO oder dem damaligen „grünen“ deutschen Aussenminister Fischer nichts angetan haben oder antun wollten. Wer dabei als Sieger herauskam, war offensichtlich: die Rüstungsindustrie sowie die dahinterstehenden Banken.

Das Verteidigungsministerium war eine eine einzige Ruine; viele Häuser, so auch ein Krankenhaus und eine Schule in der Nähe des Ministeriums, wurden so stark beschädigt, dass hier nur noch ein Abriss helfen konnte. Das zivile Hochhaus und die chinesische Botschaft auf der anderen Seite des Flusses Save wurden ebenfalls getroffen, obwohl sich in der Nähe dieser Gebäude nicht ein einziges militärisches Objekt befand. Während meiner weiteren Tour fragte ich mich, wieso gerade die chinesische Botschaft bombardiert worden war? Das sollte aber nicht der einzige Angriff auf zivile Objekte bleiben: Ein paar Monate später, als die NATO versuchte, eventuelle serbische „Faschisten“ aus dem Kosovo herauszubomben, trafen unvermittelt vier Raketen – rein zufällig – ein Wohnhaus in Sofia, das etwa zweihundert Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt war. Der flapsige und zugleich genervt klingende Kommentar des NATO-Generals Clark war dann vor laufenden Kameras: „…nur ein Kollateralschaden…“
Immer noch zog sich eine Spur der Verwüstung durch Belgrad, doch die Menschen gingen ihren normalen Tagesgeschäften nach und versuchten, sofern sie sich unter freiem Himmel befanden, ein schattiges Plätzchen zu ergattern, denn die Sonne brannte erbarmungslos.

Diese Woche sollte später als die heißeste jemals gemessene Woche in die Geschichte der Stadt eingehen. Obwohl ich im Schatten stand, gab die Teerdecke des Bürgersteigs nach, und ich musste oftmals meine Standposition ändern, damit ich nicht zu tief in das Bitumen einsank.
Ich blickte wieder in den Himmel und beobachtete eine Wolke, die langsam aber stetig auf die Sonne zustrebte. In ein paar Minuten würde ich es wagen können, möglichst zügig über die Brücke zu gehen.
Am anderen Ende der Brücke gab es einen Stadtpark mit einigen Cafés, Restaurants und Imbissbuden. In einem dieser Lokale würde ich Pause machen und meine ‚Verabredung‘ treffen.

Ein paar Meter war ich schon auf der Brücke unterwegs, auf der ich nur die Ausdünstungen des aufgeweichten Straßenbelages roch, die einem das Atmen schwer machten. Gerade, als ich dachte, die Größe der Wolke würde sicher nicht ausreichen, mir den gesamten Weg über die Brücke zu beschatten, kam die Sonne wieder hervor und schien erbarmungslos auf meinen Kopf. Ich hatte wohl Richtung oder Größe der Wolke etwas unterschätzt, denn es lagen immer noch etwa 400 Meter der Brücke vor mir. Mein Hemd klebte an meinem Körper. Der Umhängeriemen meiner Kameratasche war vom Schweiß durchnässt und scheuerte meine Schulter wund. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich durch heiße Tage schleppte, doch dieses Mal wurden mir die Kameras zu einer wirklichen Last.

Inzwischen hatte ich weit über die Hälfte der Brückenlänge hinter mich gebracht und schaute auf meine Uhr. Es war Viertel vor zwei. Um zwei Uhr war ich mit Dragana verabredet, würde also pünktlich sein.

Endlich war ich im Stadtpark und suchte sofort Schutz in einer Allee schattenspendender Bäume. Dort ließ ich mich auf einer Parkbank nieder und verschnaufte erst einmal fünf Minuten, um dann zum verabredeten Cafégarten zu gehen. Dragana wartete schon auf mich.

Dragana war ein 12-jähriges Mädchen mit langem schwarzen Haar, das zu vielen Zöpfen geflochten war. Sie wirkte etwas schlaksig und hatte lange dünne Arme, die durch die großen, jedoch feingliedrigen Hände noch zerbrechlicher wirkten. Man sah ihr an, dass der Körper am Überlegen war „Soll ich noch eine Weile Kind bleiben oder fange ich mit der Metamorphose zum Frauenkörper an?“. Die Anfänge der Umwandlung waren bereits gemacht, und man brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorstellen zu können, dass sie einmal eine schöne Frau werden würde.

Im Cafégarten waren wir die einzigen Besucher. Zwei Verkäuferinnen hatten es sich auf zwei Stühlen bequem gemacht, wobei sie noch zwei andere Stühle als Fußablage benutzen. Der Luftzug eines großen Ventilators war auf sie gerichtet. Eine der Frauen kühlte sich das Gesicht und die Stirn zusätzlich mit einer Fantadose, die sie gerade aus der Kühltruhe genommen hatte.
Nur kurz schauten sie zu uns herüber, als wir uns wie alte Freunde begrüßten.
Auf einer Tafel neben der Kühltruhe war in kyrillischen und lateinischen Buchstaben zu lesen, dass man hier „Kalte Getränke, Bier, Limonade, Café und Eis“ bekommen könnte.

„Was möchtest du trinken?“, fragte ich Dragana.
„Kann ich mir auch zwei Sachen wünschen?“, fragte sie im akzentfreien Deutsch zurück.
„Wenn es mich nicht finanziell ruiniert, dann darfst du das natürlich.“
„Dann hätte ich gerne ein Eis. Die haben hier so etwas ähnliches wie ‚Nogger‘ in Deutschland. Dazu dann bitte noch eine Limonade.“

Ich hatte ein Jahr zuvor die Familie von Dragana in Berlin kennen gelernt. Dragana ging dort zur Schule, gehörte mit zu den Guten in ihrer Klasse, hatte einen großen Kreis von Freundinnen und freute sich auf die neuesten Kinofilme, die sie sich dann immer mit ihrer Lieblingsfreundin Anna anschaute. Sie las gern, am liebsten ‚Die Drei Fragezeichen‘. Es unterschied sie nichts von den anderen Kindern, die in dieser Stadt lebten. Selbst ihre etwas dunklere Hautfarbe war – in dieser Stadt, die sich ‚Multikulturalität‘ auf die Fahne geschrieben hat – in keinster Weise auffällig.

Die Familie war fünf Jahren zuvor nach Berlin gekommen. Sie flohen vor dem Bürgerkrieg auf dem Balkan, bei dem ihr Volk eine besondere Stellung einnahm, denn sie wurden von allen kriegsführenden Parteien gleichermaßen verfolgt und gehasst. Sie führten weder Krieg noch besaßen sie Waffen – deswegen hatten sie auch keine Lobby. Sie wurden nur aus einem einzigen einfachen Grund verfolgt: Sie waren Roma, stinkende Zigeuner, Lumpenpack, Parasiten. Das Haus von Draganas Familie wurde angezündet, woraufhin die Familie in die Berge floh. Dort versteckten sie sich mehrere Tage mit anderen Romafamilien aus ihrer Siedlung. Als sie keine Lebensmittel mehr hatten, schlichen sie sich durch die Fronten. Aber egal, auf welche Seite der Front sie auch gelangten: Sie waren von Feinden umgeben, bis sie auf einen SFOR-Konvoi stießen.

Dann ging alles sehr schnell.

Den Kulturschock, in Berlin zu sein, hatten sie rasch überwunden. Zuerst wohnten sie in einem Asylantenheim, jedoch nach einiger Zeit konnten sie eine Wohnung beziehen, da der Vater eine vorübergehende Arbeitserlaubnis bekam und einen Job im Supermarkt aufnehmen konnte. Sie lebten sich ein, schafften das, was ihnen über Generationen in ihrer eigentlichen Heimat nicht gelungen war, sich nämlich selbst in die Gesellschaft zu integrieren, ohne sich assimilieren zu lassen.

Vor einem Jahr hatten dann Bürokraten entschieden, dass das Heimatland der Familie, nämlich Serbien, für sie nicht mehr gefährlich sei. ‚Wie bitte?‘, fragte sich Draganas Familie. ‚Unser Haus ist niedergebrannt. Unser Clan ist in alle Richtungen versprengt. In unserer `Heimat` macht man immer noch Jagd auf die Roma. Unsere Kinder sprechen deutsch und englisch, aber kein serbisch mehr, und mit Romanes kann man in der Schule nichts anfangen. Unsere Heimat ist doch jetzt hier!‘

So wurden sie, nach knapp sechsjährigem Wohnen in Berlin, zusammen mit Hunderten von anderen Roma zurück in das noch unbefriedete und zerstörte Restjugoslawien geschickt.

Der Regierung in Belgrad waren die Roma schon immer ein Dorn im Auge, und so wurden auch keine Maßnahmen getroffen, den zurückkehrenden Flüchtlingen in irgendeiner Art zu helfen, geschweige denn, ihnen Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. In Belgrad gab es insgesamt drei Elendsviertel, die fast ausschließlich von Roma bewohnt wurden. Die beiden größten waren ‚das alte Betonwerk‘ und ‚Hyatt‘. Diese Viertel platzten nun – ob der Ankunft der ‚Berliner‘ und ‚Wiener‘ – aus allen Nähten. Denn auch aus der österreichischen Hauptstadt wurden jugoslawische Romaflüchtlinge zurück in ihre Heimat geschickt. Als dies alles geschah, schauten die Medien absichtlich weg, so dass die Öffentlichkeit von den Massenausweisungen aus Deutschland und Österreich kaum etwas mitbekamen.

Dragana lebte mit ihrer Familie im ‚Hyatt‘. Das Viertel hat seinen Namen von einem Hotel-Prunkbau, welches man in der Nachbarschaft zum Ghetto errichtet hatte.
Richtige Häuser gab es im Ghetto kaum. Die meisten Unterkünfte waren Hütten – aus Wellblech, Brettern und Plastikplanen zusammengezimmert. Über einen Teil des Ghettos verlief die große Savebrücke, auf der Tag und Nacht der Lastwagenverkehr der Europastraße 70 donnerte.
Wer in Hyatt gelandet war, für den war nicht nur die Zukunft, sondern auch die Gegenwart verbaut.

Dragana saß mir am Tisch gegenüber. Das letzte Mal hatten wir uns kurz vor der Abschiebung in Berlin gesehen und sprachen über das, was in der Zwischenzeit passiert war. In der Schule wurde sie zwei Klassen tiefer bei den 10-jährigen eingeschult, da sie nur sehr mangelhaft serbisch sprach. Nur mit Schwierigkeiten konnte es verhindert werden, dass sie auf eine Sonderschule für Lernunwillige kam. Überhaupt wunderte man sich, dass ein Zigeunermädchen unbedingt auf die Schule wollte.
Ihr häusliches Umfeld war trostlos. Der Vater hatte wieder das Trinken angefangen, die Mutter hing ständig der Zeit in Berlin nach und weinte oft. Von den paar Mark, die sie in Deutschland zusammengespart hatten, konnten sie sich wenigstens ein kleines Zwei-Zimmer-Haus aus Steinziegeln kaufen. Das Grundstück lag am Rande von Hyatt an der Peripherie zwischen Roma und Belgradern.

„Komm mit!“ sagte Dragana, „Ich will dir unser neues Zuhause zeigen!“
Wir tranken unsere Limonade aus und gingen zurück zum Ufer der Save. Hier lagen noch die Discoschiffe, die Abend für Abend hunderte von Jugendlichen anlockten. Doch einen Kilometer weiter traute sich kein Belgrader mehr, denn dort begann HYATT!
Die ersten Bars auf den Schiffen, die solche Namen wie „La Havanna“ oder „Miami“ trugen, öffneten gerade, als wir das Ufer erreichten. Auf der anderen Seite der Save, auf einem Hügel, erhob sich protzig der Rohbau der Kirche, die die prächtigste serbisch-orthodoxe des Landes werden sollte. Am Ufer standen vereinzelt Bäume, in deren Schatten wir gemütlich dahinschlenderten. An den schattenlosen Stellen beschleunigten wir unsere Schritte, um den nächsten Schatten zu erreichen.

„Wir gehörten zu den Ersten, die neu in Hyatt ankamen. So konnten wir uns noch zu einem erträglichen Preis ein Häuschen kaufen. Für die Leute, die später kamen, sah es düsterer aus, denn zum Preis unseres Hauses bekamen die dann gerade noch eine Wellblechhütte mitten im Ghetto.“, begann Dragana wieder zu erzählen.
„Abends oder am späten Nachmittag gehe ich auch nicht mehr raus. Es ist einfach zu gefährlich. Wenn die Leute nicht besoffen sind, dann haben sie irgendwelche Drogen genommen. Ständig gibt es Prügeleien, oder ein Besoffner raubt eine Besoffene aus oder vergewaltigt sie. Die Polizei kommt aber nur, wenn einer aus Hyatt etwas unrechtes außerhalb des Viertels angestellt hat. Was hier drinnen passiert, ist den Bullen aber scheißegal. Manchmal kommt es mir so vor, als freuten die sich, wenn wir uns hier gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Wir nährten uns dem Ghetto. Am Ufer unter der großen Savebrücke wuschen einige Romafrauen Wäsche im Fluss. Hierzu mussten sie die steile, betonierte Uferböschung hinunterklettern, wobei sie sich an einem Tau festhielten. Einige der Frauen grüßten uns, indem sie uns andeutungsweise zunickten. Andere sahen uns skeptisch hinterher, als wir einen kleinen staubigen Pfad neben den Brückenpfeilern hinauf gingen. Hier befanden sich schon die ersten heruntergekommenen Hütten. Ein paar Schritte weiter hatte man schon einen guten Überblick über den unteren Teil des Ghettos. Kreuz und Quer standen Hütten, Buden und Zelte aus Plastikplanen, dazwischen ein labyrinthisch wirkendes Netz aus Pfaden und Sandwegen. Von vielen Stellen stiegen Rauchsäulen auf – von Feuern, auf denen gerade gekocht wurde, oder von Feuern, die die Isolationen von Kupferkabeln abbrannten, was den Wert des Kupfers beim Schrotthändler erhöhte. Schrott und Papier waren die Haupteinnahmequellen der Bewohner von Hyatt. Überall konnte man dürftig zusammengebastelte Karren entdecken, mit denen dann die Ladungen Kupfer oder Pappe transportiert wurden. In der Luft lag eine Mischung aus verbranntem PVC und Müll, die durch die drückende Hitze noch dumpfer und unerträglicher wurde. Da dies jedoch nicht mein erster Besuch in einem solchen Lager war, wusste ich, dass man sich selbst an diesen Gestank schnell gewöhnen würde und selbigen nach spätestens zwanzig Minuten nicht mehr wahrnehmen würde.
Dragana schaute mich an und schien fragen zu wollen: ‚Na? hast du dir das so vorgestellt?‘
Ich zog nur die Augenbrauen hoch, machte ein gleichgültiges Gesicht und zuckte leicht und gleichgültig mit den Schultern.

Kinder beobachteten uns erst aus einer sicheren Entfernung. Doch als sich herausstellte, dass von uns keine Gefahr auszugehen schien, kamen sie näher, bis sich dann nach und nach eine Traube grölender Kinder um uns wand. Dragana spielte die Gleichgültige, aber man merkte ihr an, dass sie schon stolz darauf war, neben einem Mann zu gehen, der so gar nicht hierher passte.
Die Erwachsenen, denen wir begegneten, zeigten absolut kein Interesse an uns. Es kam mir im Gegenteil so vor, als gingen sie, nachdem sie uns bemerkten, noch konzentrierter und zielstrebiger ihren Weg weiter. Auch die Kinderschar verlor langsam das Interesse an uns, nachdem sie gemerkt hatte, dass es hier nichts zu holen gab – weder Geld noch Süßigkeiten. Ein Junge allerdings, der in Draganas Alter war, blieb bei uns. Schnell stellte sich heraus, dass er der Freund von Dragana war. Er hieß Zoran, war ordentlich gekleidet und sprach ebenfalls ein fast akzentfreies Deutsch. Seine Geschichte ähnelte der von Dragana sehr, mit dem Unterschied, dass seine Familie vor dem Exil in Deutschland auch noch knapp zwei Jahre in Ungarn Asyl gefunden hatte. Von daher konnte Zoran neben serbisch und romanes auch noch ungarisch, deutsch und englisch sprechen, und dies in einer Perfektion, die mich erstaunte.

„Heute Abend fängt hier eine Hochzeit an.“, sagte Zoran.
„Wieso fängt denn die Hochzeit an?“, fragte ich und ging davon aus, dass er doch ein paar deutsche Wörter durcheinander gebracht hatte, indem er ‚fängt‘ mit ‚ist‘ verwechselte.
„Na ja, die Hochzeit fängt nun eben heute Abend an und wird über mehrere Tagen gehen. Eine Hochzeitsfeier unter drei Tagen ist keine Feier.“

In einer Entfernung von etwa 200 Metern sah ich, wie ein paar Leute Tische und Bänke in der Mitte unter der Savebrücke aufbauten. Andere waren gerade damit beschäftigt, große Lautsprecherboxen auf dafür vorgesehene Stative zu hieven. Aus einem Radiorecorder, der anscheinend auf volle Lautstärke gestellt war, plärrte Discomusik und wurde nur noch vom Gegröle zweier Betrunkener übertönt, die halbnackt vor ihrer Hütte lagen und sich den Rest einer Flasche Sljivovic teilten. Überhaupt spielte sich das ganze Leben in der Öffentlichkeit ab. Man lag vor den Hütten auf alten Matratzen oder Sofas. Man kochte im schattenspendenden Schutz der Brücke auf Lagerfeuern oder auf lädierten Küchenöfen. Auf zwei Sesseln saßen Frauen, die sich angeregt unterhielten und dabei ihre Kinder stillten. Nicht weit davon stand ein Jugendlicher und schürte ein Feuer, dessen Flammen giftig grünlich und blau züngelten. Er war gerade dabei, Kabelisolation zu verbrennen. Gleich nebenan verkauften zwei junge Männer aus dem geöffneten Kofferraum eines alten Ladas Obst und Gemüse, das ihre Frische durch die Hitze des Tages bereits eingebüßt hatte. Es herrschte überall ein reges Treiben, verursacht vor allem durch die vielen Kinder, die sich balgten, die rannten, spielten und sich jagten.

„Komm!“, sagte Dragana, „ich werde dir jetzt mal unser Haus zeigen. Sind nur noch ein paar Minuten bis dorthin.“
Wir gingen vorbei an den Vorbereitern der Hochzeitstafel auf eine kleine Straße zu, die nicht zufällig durch den Bau einer Hütte entstanden war, sondern die es – wie es aussah – schon vor der Zeit des Ghettos gab. Am Ende der Straße war auch die Grenze des Ghettos erreicht.
Vor einem kleinen Lebensmittelladen standen Männer und tranken Bier. Zwei der Männer stritten lautstark und stießen sich ständig gegen die Schultern. Es waren offenkundig nicht ihre ersten Biere!

Dem Laden schräg gegenüber stand nun das kleine Häuschen von Draganas Familie. Es war eingeschossig und sah im Gegensatz zu den anderen Häusern und Hütten sehr gepflegt aus.
Es war wirklich nur ein kleines Häuschen, vergleichbar mit einer Gartenlaube in einem deutschen Kleingärtnerverein.
Auf einem kleinen verandaartigen Vorbau, auf dem ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen standen, saß Draganas Mutter und unterhielt sich mit einem Nachbarn. In meiner Erinnerung war die Mutter eine kleine quirlige Frau, die stets etwas zu erzählen hatte, was sich in ihrem damaligen gebrochenem Deutsch lustig anhörte. Jetzt stand ich allerdings einer Frau gegenüber, deren schwarzumrandeten Augen sehr traurig wirkten. Sie war auch sichtlich abgemagert.
Die Mutter erkannte mich nicht sofort, wusste erst nicht genau, wohin sie mich stecken sollte. Doch als Dragana ihr meinen Namen sagte, füllten sich die Augen mit Tränen.
Der Nachbar, ein älterer Mann, stand auf, bot mir seinen Stuhl an und verabschiedete sich, indem er seine Bierflasche vom Tisch nahm und uns während des Gehens zuprostete.

Das Gespräch mit der Mutter dauerte lange. Nach etwa einer Stunde entschuldigte sie sich jedoch damit, dass sie müde sei und sich irgendwie nicht richtig konzentrieren könne. Sie zeigte mir noch ihr Häuschen, das sauber aber ärmlich war. Zu fünft schlief die Familie im einzigen Zimmer. Dazu gab es noch eine kleine Küche und eine Art Vorraum. Trotz der Bescheidenheit war zu erkennen, dass das Haus in demselben Stil – der Wohnung in Berlin entsprechend – versucht wurde, zu gestalten.
Der Vater war außer Haus. Dragana sagte – mehr oder weniger gleichgültig:
„Wenn er nicht vorm Lebensmittelladen stand, dann weiß ich auch nicht, wo er gerade wieder herumsäuft.“
Sie lächelte mich bitter an.
„Was haltet ihr davon, wenn wir mal zur Hochzeit schauen.“, rief Zoran, der die ganze Zeit vorm Haus gewartet hatte, „die sind jetzt bestimmt schon fertig mit den Vorbereitungen.“
„Das ist eine gute Idee!“, rief ich ihm zu und fing an meine Kameras zusammen zu bauen.
Danach umarmte ich die Mutter und versprach ihr während der Hochzeit auf ‚ihre Kleine‘ acht zu geben.
„Zoran und ich passen schon auf sie auf.“, sagte ich lächelnd.
Die Mutter legte sich auf eines der Sofas im großen Zimmer.
Dragana, Zoran und ich gingen zurück: Unter die Brücke von Hyatt.

(c) 2009 by Helge Lindau

Fragmente I -Der Imbissladen

von Helge Lindau

In der Serie „Fragmente“ möchte ich einige Episoden von meinen Reisen zu den Roma in Osteuropa erzählen. „Fragmente“ auch deswegen, da die Geschichten aus den Kontexten genommen wurden, um die Stimmung einer Situation zu vermitteln.

Satu Mare – Der Imbissladen
Die Bremsen des Zuges quietschten erneut und brachten ihn nun endgültig zum Stehen. Vor einer Stunde bin ich in Debrecen losgefahren und das geplante Ziel wäre eigentlich Zalău gewesen. Doch als ich mich bei der ungarischen Schaffnerin erkundigte, schien sie sich absolut nicht sicher zu sein, ob der Zug wirklich dort ankommen würde.
Nun standen wir an der ungarisch-rumänischen Grenze in der Nähe von Nyirábrány, einem kleinen Grenzdorf, und fast schien es, als würden die rumänischen Zollbeamten mit ihren umgehängten Kalaschnikows den Zug stürmen wollen.

Wir schrieben das Jahr 1996 und Rumänien war der Ära von Ceauşescu noch wesentlich näher als der freien Welt westlicher Scheindemokratien. Trotzdem schien mich mein deutscher Pass vor einer gründlichen Kontrolle zu schützen, während andere Mitreisende, vor allem Rumänen, draußen auf dem angedeuteten Bahnsteig ihre Koffer auspacken mussten.

Die ungarische Lokomotive wurde von den Wagen abgekoppelt, um einer noch nicht vorhandenen rumänischen Lok Platz zu machen. Nach einer Stunde des Wartens verbreitete sich das Gerücht, dass der Zug hier seine Endstation haben würde und der nächste Zug nach Zalău voraussichtlich erst gegen 21 Uhr fahren solle. Es war gerade erst 13.30 Uhr.

Durch die jahrelange Mangelwirtschaft sind die Rumänen jedoch Meister der Improvisation geworden. Die Passagiere überquerten die Grenze nach Rumänien einfach zu Fuß. Vor der kleinen rumänischen Bahnstation war ein Parkplatz, auf dem schon selbst ernannte Taxifahrer mit ihren klapprigen Dacias warteten, um die Fahrgemeinschaften, die sich während des kurzen Ganges über die Grenze gebildet hatten, aufzunehmen. Leider fuhr keiner der Chauffeure nach Zalău, doch fand ich noch Platz in einem Auto, das nach Satu Mare fuhr.
Satu Mare ist ca. 70 Kilometer von Nyírábrány entfernt und hat einen größeren Bahnhof, von dem aus bestimmt ein Zug nach Zalău gehen würde.
Der Platz neben dem Fahrer war noch frei. Auf der Rückbank saß ein älteres Pärchen, das schon nach der Hälfte der Strecke sein Ziel erreicht hatte.

Nach einer etwa 90-minütigen Fahrt kam ich in Satu Mare an und beschloss, vielleicht doch ein paar Tage hierzubleiben, da ich während der Fahrt mit dem Dacia eine Romasiedlung gesehen hatte, der ich gerne einen Besuch abgestattet hätte. Langsam machte sich auch mein Magen bemerkbar und mir fiel ein, dass ich schon seit meiner Abfahrt heute Vormittag in Debrecen noch nichts gegessen hatte. Auf der Suche nach einem Restaurant fand ich dann schließlich auf einem Platz, der von wuchtigen Gebäuden à la Ceauşescu gesäumt war, eine Art Imbissgeschäft, vor dem ein paar Holzbänke und Tische standen. Gewiss erwarteten mich hier keine kulinarischen Kostbarkeiten, doch mein Magen war genügsam und durch die viele Reisen schon an Speisen gewöhnt, die diese Bezeichnung bestimmt nicht verdient hatten.

Ich betrat also das Geschäft und hatte die Auswahl zwischen Hotdog und Hamburger, wobei ich Letzteres wählte. Draußen waren von den vier Tischen nur zwei besetzt. Ich setzte mich an einen der freien und beobachtete beim Essen die Vorübergehenden, die anscheinend wie ich das Kommen des etwas kühleren Abends genossen. In der Nähe der beiden anderen besetzten Tische bemerkte ich einen Jungen, der die dort sitzenden Jugendlichen beim Essen beobachtete. Es dauerte auch nicht lange, bis die Beobachteten ebenfalls auf den Jungen aufmerksam wurden und anfingen, ihn zu vertreiben: „Verpiss dich, du Penner! Hol dir dein Fressen aus’m Müllcontainer, du Scheißzigeuner!“

Der Junge schien solche Beschimpfungen öfter zu hören, denn seine Reaktion darauf war eher gelassen und bestand lediglich darin, ein paar Meter weiter vom Tisch weg in Richtung des gepflasterten Platzes zu gehen. Die jungen Leute waren mit ihren Essen fertig und machten sich zum Gehen auf, als der Junge unbemerkt näher kam, um sich die Reste auf dem mit Ketchup und Cola verschmierten Tisch anzuschauen. Und gerade als die Jugendlichen in Richtung des Platzes aufgebrochen waren, stürmte der Junge auf den Tisch zu, um sich über den Rest eines Hotdogs, das zwischen zerdrückten Coladosen und benutzen Servietten lag, herzumachen. Wie ein Adler fixierte er den Essensrest, stopfte ihn in seinen Mund und verschluckte ihn, ohne vorher zu kauen – wohl aus Angst, ein anderer könnte ihm den Bissen noch in seinem Mund streitig machen.
Kaum hatte er den Rest des Tisches nach Brauchbarem untersucht, begab er sich wieder in sichere Entfernung zu dem Imbissladen. Sicherlich fürchtete er, von den Angestellten des Ladens entdeckt und vertrieben zu werden.

Nun stand er wieder an einer Säule des Arkadenganges, in dem sich auch die Tische befanden, und er beobachtete das Geschehen ringsumher.
Ich schaute seinem Treiben von meinem Platz aus zu und sah, dass sich der Romajunge auf seinen „Beobachtungsposten“ zurückgezogen hatte. Dann beschloss ich, noch einmal in den Laden zu gehen, um dem Jungen etwas zu essen zu holen. Drinnen, von wo aus man die Szene ebenfalls beobachtet hatte, wurde wahrscheinlich mein Vorhaben erahnt und mir in gebrochenem Deutsch geraten: „Nix gute Idee für Hamburger und Junge.“
Ich lächelte und sagte in ebenfalls gebrochenem Rumänisch: „Doch, gute Idee!“ Dann verließ ich den Laden mit einem Hamburger und einer Limonade und setzte mich auf meinen alten Platz.

Der Junge beobachtete mein Tun von seiner Position aus, während ich den Hamburger und das Getränk auf die Tischseite vis à vis stellte und ihm durch ein Winken zu verstehen gab, dass die Sachen für ihn seien.

Langsam kam der Junge, sich ängstlich nach den Verkäufern im Imbissladen umschauend, auf meinen Tisch zu. Er hatte schwarzes Haar, das trotz seiner Kürze strubbelig war. Er trug eine lange weiß gestreifte Baumwollhose, die ihm zu lang und deshalb an den Beinenden zerrissen war. Dem Hemd, das er anhatte, sah man an, dass es ihm schon seit geraumer Zeit sowohl als Schlafanzug als auch als Tagesgarderobe diente. Außerdem schien er es von einem wesentlich größeren Menschen geerbt zu haben. Er war bestimmt nicht älter als neun Jahre. Seine großen braunen ehrlichen Augen sahen mich freundlich, jedoch etwas skeptisch an und spiegelten die Frage wider: Willst du mich verarschen oder meinst du es wirklich ernst mit dem Hamburger?

Jetzt stand er an meinem Tisch und ich deutete auf das Essen mir gegenüber. Ohne sich zu setzen, griff er den Hamburger, steckte ihn sich bis zur Hälfte in den Mund und schien ihn auf die gleiche Weise essen zu wollen wie ein paar Minuten zuvor das Hotdog.
„Langsam, langsam!“, sagte ich zu ihm. „Setz dich doch hin! Du hast Zeit und es nimmt dir keiner etwas weg!“
Zögernd begann sein vollgestopfter Mund zu kauen und während er mich etwas misstrauisch und verwundert anschaute, schob er sich über die Bank auf seinen Platz. Ich ließ ihn erst einmal in Ruhe essen. Er schaute sich die Dose Limonade an wie ein Weinexperte, der eine seltene alte Flasche Bordeaux betrachtet und deren Wert zu schätzen weiß. Dann öffnete er sie und trank die Limonade mit schnellen Schlucken aus. In nicht ganz einer Minute hatte er sein Menü verdrückt.
„Mulţumesc“, bedankte er sich. „Sprichst du vielleicht auch ungarisch? Das kann ich besser als rumänisch …“
Ich bejahte und freute mich darüber, dass er nicht gleich wieder auf seinen „Beobachtungsposten“ ging, sondern sich noch etwas mit mir unterhalten wollte. „Ungarisch kann ich sogar wesentlich besser sprechen als rumänisch“, sagte ich und versuchte so, ein Gespräch einzuleiten. „Hast du oft Ärger mit den Leuten vom Imbissgeschäft?“
„Ärger kann man so nicht sagen“, antwortete der Junge mit einem verschmitzten Grinsen. „Die haben halt nur was dagegen, wenn ich die Leute, die hier sitzen, frage, ob ich was abhaben kann. Die nennen das betteln – aber irgendwoher muss ich ja was zu futtern für mich und meinen Bruder bekommen. Seitdem ich aber nur kurz hingehe, wenn die Leute etwas zu essen liegen lassen haben, und ich mich dann schnell wieder aus dem Staub mache, sagen sie eigentlich nichts mehr. Aber es kommt selten vor, dass die Leute was übrig lassen.“ Er machte eine kurze Pause und schoss dann heraus, als wäre dies eine Frage, die ihm sehr unter den Nägeln brannte: „Wo kommst du eigentlich her?“

Ich erzählte ihm kurz etwas über mich und sagte ihm, dass ich Fotograf sei und mein Hauptthema das Volk der Roma wäre, dass ich eigentlich nach Zalău wollte, es mich aber – dank der Eisenbahn – hierher nach Satu Mare verschlagen hätte. Ich sagte ihm auch, dass ich mir gut vorstellen könnte, für ein paar Tage hierzubleiben, da ich vom Auto aus eine Romasiedlung gesehen hätte, in der die Menschen anscheinend Lehmziegel herstellten. „Kommst du vielleicht aus dieser Siedlung?“, fragte ich den Jungen.
„Nein“, antwortete er, „ich bin aus der Nähe von Cluj. Meine Eltern haben aber verdammt wenig Kohle und so kommt es, dass ich mit meinem Bruder im Sommer durch die Gegend ziehe. Hier versorgen wir uns selbst und schnorren uns auch etwas Geld zusammen, damit wir was für den Winter haben, wenn wir wieder in Cluj sind.“
„Aha“, gab ich etwas staunend von mir. „Und dein Bruder, wo ist der gerade?“
„Da drüben!“ Er zeigte auf eine der vielen Neubau-Ruinen, die ebenfalls den Platz säumten – Häuser, die in kommunistischer Zeit ihren Baubeginn erfuhren, um dann im Postkommunismus wieder zu verfallen. „Da drüben haben wir unsere Bleibe hier in Satu Mare. Da übernachten wir mit anderen Kindern, die es genauso machen wie wir. Nur mein Bruder braucht viel Schlaf, weißt du? Der ist nämlich nicht ganz dicht … Ich meine, er ist krank, krank geboren. Ach ja, ich heiße Tamás und du?“
Ich sagte ihm meinen Namen und schlug vor, dass wir uns hier treffen könnten, wenn ich abends von meinen Touren wieder nach Satu Mare zurückkäme, damit ich ihnen ein Abendbrot ausgeben könne.
„Tolles Angebot!“, freute er sich. „Aber wieso machst du das eigentlich? Wenn das die anderen Kinder aus der Ruine mitbekommen, dann hast du aber ein mittelgroßes Problem.“
Ich lächelte etwas bitter.
„Aber keine Angst!“, sagte Tamás weiter. „Die meisten von denen sind um diese Zeit schon reichlich mit Aurolac vollgepumpt.“
„Mit was vollgepumpt?“, fragte ich.
„Na, mit Aurolac! Das ist so’n Kram, den man in Farben machen kann. Aber man kann ihn auch schnüffeln, so, wie der da!“ Er zeigte auf die Ruine, in der gerade sein Bruder schlief. Am Fenster sah ich einen Jungen, der sich eine Plastiktüte vor Mund und Nase hielt und kräftig zu inhalieren schien. Bei jedem Atemzug, den der Junge tat, schrumpfte die Plastiktüte, beim Ausatmen dann blähte sie sich wieder auf. „Ich mache so was aber nicht. Ich bin doch nicht blöd! Wenn man das Zeug geatmet hat, läuft man rum wie ein Zombie und bekommt nichts mehr mit. Was meinst du, wie schnell man da beklaut werden kann! Und außerdem kann man auch davon sterben. Zwei von meinen Bekannten sind schon bei den Engeln. Aber nun muss ich langsam los. In der katholischen Kirche ist gleich der Gottesdienst vorbei und ich muss mir noch ein paar Leu für den Winter verdienen.“

Am nächsten Tag lernte ich dann auch den Bruder kennen. Er war etwa zwei Jahre älter als Tamás und man sah ihm seine geistige Behinderung deutlich an. Trotzdem waren die Geschwister ein Team: Der Bruder saß mitleiderregend auf der Straße und guckte starr vor sich hin, während Tamás in einem Coca-Cola-Plastikbecher Geld von den Passanten einsammelte.

Am letzten Abend meines Satu-Mare-Aufenthaltes kam ich etwas früher von meiner Tour zurück. Ich ging wieder zum Platz, auf dem sich auch der Imbissladen befand, und ich setzte mich auf den Rand eines dieser Blumenkästen, die jeweils neben den Säulen in der Arkade standen. Von dort aus schaute ich mir das Treiben ringsumher an. Mitten auf dem Platz spielten Straßenkinder eine Art „Räuber und Gendarm“. Unter ihnen war auch Tamás, der gerade zwei andere Kinder, mit einer Spielzeugpistole in der Hand jagte. Erst nach einer ganzen Weile sah er mich, grüßte mich von Weitem und gab mir zu verstehen, dass ich warten solle und er gleich kommen würde. Er rief seinen Spielkameraden irgendetwas zu und kam dann zu mir gerannt.
Ein letztes Mal gingen wir zum Imbissladen und holten uns unser Abendbrot, setzten uns an einen der Tische und begannen zu essen. Ich sagte Tamás, dass ich in dieser Nacht weiter nach Zalău fahren würde.
„Na, dann werde ich wohl nicht mehr so günstig an einen Hamburger kommen“, antwortete er lachend.

Wir verabschiedeten uns mit Handschlag und ich machte mich auf den Weg ins Hotel. Als ich ein paar hundert Meter gegangen war, hörte ich Tamás meinen Namen rufen und sah, wie er hinter mir her rannte. „Pass auf, du bist doch Fotograf“, keuchte er. „Ich lasse mich zwar nicht gerne fotografieren, aber vielleicht kannst du ja mit diesem Foto was anfangen?“ Tamás stellte sich vor mich hin und hielt seine Pistole direkt in Richtung meiner Kamera.
Ich drückte einfach ab – wohl mehr, um Tamás einen Gefallen zu tun als wirklich etwas mit dieser Aufnahme anfangen zu wollen.
Heute aber ist dieses Bild auf einigen meiner Ausstellungen zu sehen.

***

Jetzt schreiben wir das Jahr 2009 (Tamás dürfte wohl schon über 20 Jahre alt sein) und die Situation der Straßenkinder in Rumänien oder Bulgarien hat sich nicht wirklich verbessert. Es gibt keine offiziellen Statistiken über die Zahl der obdachlosen Minderjährigen, nur vage Schätzungen, die eine Toleranz von 200 Prozent beinhalten.

Die vergessenen Kinder haben in der Welt von Turbo-Kapitalismus, Renditen, Karriere, Korruption und Geld einfach keine Chance. Sie werden durch uns, durch unsere Ignoranz und Selbstsucht zur Kriminalität, zum Betteln, zur Prostitution und zum Hass gezwungen, um überleben zu können. Viele gewinnen diesen Überlebenskampf nicht. Sie werden Opfer von Drogen oder Freiern. Sie werden Opfer der eigenen Resignation, die dann im Selbstmord endet.

Tamás und sein Bruder nehmen ihr Los noch mit einer gewissen Gelassenheit, da sie sich fast sicher sein können, im Herbst wieder bei ihren Eltern zu sein. Es ist ein Strohhalm, an den sie sich klammern, die Hoffnung auf eine Verbesserung…

(c) by Helge Lindau