Die Stigmatisierten von Istanbul

Foto by Helge Lindau


Istanbul – Auf dem Gebiet zwischen dem Galataturm und dem Taksimplatz herrschen andere Sitten als im Rest von Istanbul. Doch selbst hier, wo es hunderte von Galerien und etliche Kneipen mit mit Alkoholausschank gibt, ist es nicht ungefährlich für die Leute der LGBT Bewegung.

Die Zahl der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender wächst in Istanbul. Sie liegt bei etwa 15.000 Menschen, die sich im Stadtteil Kabatas dazu bekennen. Doch von einem Großteil der Bevölkerung, der Regierung und der Polizei, werden diese Menschen ausgegrenzt, verfolgt und diskriminiert. Meist sind es die konservativ religiösen Menschen, die ihr Weltbild von der blossen Existenz der LGBT’s, in den Grundfesten gefährdet sehen. Doch die Ausgegrenzten entwickeln ein neues Selbstbewusstsein. Sie organisieren sich in Gruppen sei es auf der Straße oder in den Universitäten. Die meisten dieser Menschen haben einen Weg des Kampfes hinter sich. Dem Kampf um die Anerkennung ihres Ichs.

Eine von diesen Menschen ist Jagmur (Bild oben). Jagmur wurde vor über vierzig Jahren als Frau in den Körper eines Mannes geboren. Wann sie dies das erste Mal spürte, weiß sie nicht. „Ich habe mich selbst schon als kleines Kind immer als Mädchen gefühlt und verstand nicht, wieso mein Körper nicht dazu passte.“, erklärt Jagmur nachdenklich. Der erste Teil ihres Lebens bestand darin ihren Körper dem Geschlecht anzupassen mit dem sie sich wirklich identifizierte. Der zweite Teil ihres Lebens bestand dann darin gegen die Vorurteile zu kämpfen, die ihre Veränderung hervorrief. Erst nach Ihrem Studium wagte sie es an eine Geschlechtsumwandlung zu denken.

Den letzen ‚Christopher Street Day’ in Istanbul gab es 2014. Um die 100.000 Menschen nahmen an diesem Marsch teil. Es war eine Parade und ein Fest, die den Herrschenden und dem konservativen Teil der Bevölkerung, der bei etwa 70 Prozent liegt, wohl doch zu viel Angst für sie und zu viel Freiheit für die anderen bescherte. Für die Stadtgouverneure und für die Polizei war es seit diesem Tag klar, dass das die letzte Istanbulpride war. Und so kam es dann auch. Alle Anträge zur Durchführung einer Pride wurden unter Strafandrohung bei Nichtbeachtung abgelehnt. Die letzten Prides wurden sogar mit der Begründung abgelehnt, dass ein ein solcher Aufzug, den Frieden Ramadans stören würde.

Auch die Pride 2019 wurde mit der Begründung den Frieden des Ramadan zu stören verboten, obwohl der Ramadan zum geplanten Termin schon zu Ende war. Doch diesmal wollte man sich nicht einschüchtern lassen. Man startete in drei Demonstrationszüge in den Gassen und kleinen Straßen von Kabatas. Es fing an mit kleinen Gruppen, die innerhalb kurzer Zeit, zu einer Demonstration von 3500 bis 5000 Menschen anwuchs. Die Straßen des Stadtteils in dem auch die bekannte Einkaufsmeile Istiklal liegt, waren nun gefüllt von einer friedlich bunten Pride.

Doch schon nach kurzer Zeit sind Hundertschaften der Polizei vor Ort. Sie setzten ohne Vorwarnung alle Mittel ein, für die die Istanbuler Polizei steht. Erst Wasserwerfer und Schlagstöcke, dann Gasgranaten und Gummigeschosse. Efe, ein Student, sagt: „Als dann die Polizei uns schwer zugesetzt hatte und wir schon mehrheitlich auf der Flucht waren, kamen plötzlich normale Bürger, die sich in Gruppen zusammengerottet hatten und uns mit Knüppeln durch die Straßen jagten. Jeder der so aussah, als würde er etwas mit den LGBT’s zu tun haben, wurde gejagt und von dem Mob verprügelt.“ Efe lässt sich allerdings nicht einschüchtern und ist an der Uni in einer Gruppe, die sich für die Rechte von LGBT´s einsetzt.

Jagmur war bei dieser Pride nur am Rande dabei. Hat sich aus sicherer Entfernung das Geschehen angeschaut. „Ich kann diese ständige Ausgrenzung nicht mehr ertragen. Diese Verfolgung, nur weil ich etwas anders bin als die anderen.“ sagt sie resigniert. Es scheint als habe sie einen Schlussstrich gezogen und vor der Kleingeistigkeit der Mehrheitsbevölkerung kapituliert.
„Ich habe die Schnauze voll! Ich sitze schon auf gepackten Koffern und werde im Herbst das Land verlassen.“ Genau wie Jagmur geht es vielen Menschen, die ein ähnliches Schicksal haben. Es bleibt nur die Fluch, um ihren Frieden und oft auch ihr Leben zu retten.

Die Visionen der FridaysForFuture-Bewegung Hannover

Hannover [Wordpress] – Nachdem sich die FFF- Bewegung Hannover eine kurze Winterpause gönnte, geht der Kampf gegen den Klimawandel nun mit neuen Ideen und Aktionen weiter. Konkrete Pläne, die von den Aktivisten als Visionen bezeichnet werden, lesen sich wie eine nachweihnachtliche Wunschliste.

Die Tatsache, dass die Klimakrise für die Menschen eine existenzielle Bedrohung darstellt, sollte jetzt sogar bis in die konservativsten Kapillaren der Politik vorgedrungen sein. Auch hat man sich damit abgefunden, dass es durchaus berechtigt ist, ob dieser Situation, in Panik zu geraten. Auf dem Energie – und Klimakongress in München, sagte der Klimaforscher Professor Schellnhuber im Mai letzten Jahres: “Natürlich müssen wir in Panik geraten. Wir stehen an der Schwelle zur Vernichtung der Zivilisation. Der Kohleausstieg ist noch ein Spaziergang im Park, gegenüber den anderen notwendigen Maßnahmen.“ 

Die Maßnahmen für die niedersächsische Landeshauptstadt haben nun die Aktivist*innen von FridaysForFuture Hannover in Worte gefasst. Hauptpunkte dieser Forderung ist die Einhaltung der Ziele des Pariser Klimaabkommens und der 1,5 Grad-Celsius-Grenze. Unabdingbar sei es hierbei ein Verbot privater Autos im Innenstadtbereich bis 2022 einzuführen, sowie ein Verbot für Autos mit Verbrennungsmotor in der städtischen Umweltzone bis zum Jahr 2030. Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) soll massiv ausgebaut und der Fahrradverkehr nach Kopenhagener Vorbild gestaltet werden. Das heißt, dass ÖPNV und Fahrräder bei Planung und Flächenverteilung immer Priorität haben sollte.

Diese Forderungen decken sich schon jetzt stellenweise mit den Vorstellungen des gerade gewählten grünen Oberbürgermeisters Belit Onay. Auch wenn die von ihm anvisierten Umweltziele nicht ganz so radikal rüberkommen. Onay möchte bis zum Jahr 2030 die Innenstadt Hannovers autofrei haben und gezielt den Fahrradverkehr fördern. Sein Motto ist hierbei: “Es muss bequemer und günstiger sein, mit Bus und Bahn in die Stadt zu fahren oder Wege mit dem Rad zurückzulegen als mit dem Auto!” Auch die emissionsfreie Versorgung öffentlicher und privater Gebäude mit Energie, bildet eine große Schnittmenge mit den Ideen der FFF-Bewegung. 

Außerdem sollen, nach den Vorstellungen der Bewegung, vom Hannoveraner Flughafen HAJ keine Inlandsflüge mehr starten. Auch ein generelles Nachtflugverbot soll eingeführt werden. Doch damit nicht genug. Die Gesellschaft soll erkennen und begreifen, dass nur ein bewusstes und nachhaltiges Leben, die Menschen in Lage versetzt, die Gefahren des Klimawandels zu verinnerlichen. Hierzu zählt auch die Einführung umfassender Bildungsprojekte zum Thema Klimakrise und Nachhaltigkeit, die Sprachbarrieren überwinden soll und für alle Altersgruppen zugänglich sind. Gerade junge Menschen sollen stärker in klimapolitische Belange einbezogen werden, zum Beispiel in Form eines Klimajugendrates.

Doch die Realität ist noch weit von den Träumen entfernt. Noch immer stauen sich die Autos in der Innenstadt von Hannover. Allein im Jahre 2019 wurden über  eine Millionen SUV’s in Deutschland neu zugelassen, was einen Höchstwert in der Statistik darstellt. Auch sind die Fahrpreise für den ÖPVN, mit einer zur Normalität gewordenen Zuverlässigkeit, zum 1. Januar wieder gestiegen und liegen jetzt schon bei satten 2,90 Euro für ein einfaches Ticket. Das dauerhafte Umsteigen auf die Öffis wird damit nicht erleichtert.

Um ihren Forderungen und Visionen Nachdruck zu verleihen, werden die Schüler und Studenten von FridaysForFuture Hannover, auch an diesem Freitag den 17.1.2020, wieder auf die Straße gehen. Treffpunkt ist, um 12.30 Uhr, der Opernplatz. Doch neben diesen medienwirksamen Streiks, bei denen die Ideen auf die Straße getragen werden, gibt es auch -fast täglich- mehrere Veranstaltungen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Informationen über diese Events findet man auf der Homepage von FridaysForFuture Hannover, unter dem Link Kalender.

BalkanPride – LGBT Fotoausstellung in Plovdiv

Plovdiv/Bulgarien [Wordpress] Die europäische Kulturhauptstadt 2019, begeistert mit einer sehenswerten Fotoausstellung. Vor einigen Jahren im erzkonservativen Bulgarien noch unvorstellbar, macht es nun die exponierte Stellung der Stadt möglich, eine Fotoausstellung über die Geschichte der LGBT-Bewegung auf dem Balkan zu zeigen.

Im Stammhaus der Stiftung „Plovdiv 2019“ wird seit dem 5. Juli die Ausstellung BalkanPride gezeigt. Auf etwa 30, teils großformatigen Farbfotografien, einigen Grafiken und einem dokumentarischen Videofilm erfährt man jede Menge über die Geschichte der LGBT Bewegung von Zagreb über Novi Sad bis Sofia. Diese Bewegung musste in den Balkanländern einen besonders schweren Kampf führen, um in der Gesellschaft anerkannt zu werden. In der Mehrheitsgesellschaft gab es schlicht nur das eine, von den Religionen vorgegebene Familienbild. Wer sich diesem Bild widersetzte oder es in Frage stellte, wurde nicht selten aus der Gesellschaft ausgeschlossen.

Auch im Vorfeld der jetzigen Ausstellung in Plovdiv, gab es jede Menge Widerstand von rechtskonservativen Kräften, die dieses Event, das im Rahmen der europäischen Kulturhauptstadt stattfindet, verhindern wollten. Svetlana Kuyumdzhieva, künstlerische Leiterin des Festivals (Bild oben), befürchtete rechte Übergriffe während der Eröffnungsveranstaltung. „Aus diesem Grund habe wir Polizeischutz angefordert und zudem einen privaten Sicherheitsdienst beauftragt, die Eröffnung der Ausstellung zu schützen.“, so Frau Kuyumdzhieva. Tatsächlich fand sich zur Eröffnung nur eine Handvoll Gegendemonstranten ein, die gegenüber des Gebäudes mit Transparenten auf sich aufmerksam- und gegen die Ausstellung Stimmung machten.

Zwar steht diese Ausstellung unter dem Schirm der Stiftung „Plovdiv 2019“ und befindet sich auch in deren Hauptsitz in der Ekzarh Yosif Straße, doch kuratiert wird sie von der Gruppe „Fuse“. Diese Gruppe hat es sich zum Ziel gesetzt, die Integration von verschiedenen sozialen Gruppen, ethnischen Minderheiten und unterschiedlicher Generation voranzutreiben. Sie will die Gesellschaft zusammenführen und Grenzen zwischen den verschiedenen Gruppen überwinden helfen.

Es gab bisher in Plovdiv noch keine LGBT-Demo, doch dafür hat sie in Sofia, der Hauptstadt Bulgariens, schon eine über 10 jährige Tradition. Viele Menschen aus Plovdiv fahren zu diesem Anlass dorthin. „Bei den letzten Demos in Sofia, waren es locken über 20.000 Leute aus dem ganzen Land, die dort auf der Straße waren. Betroffene wie Unterstützer.“, erklärt Victor Yankov, stellvertretender Leiter der Stiftung. In einem Abschnitt der Ausstellung werden auch Fotos gezeigt, die Übergriffe von rechtsradikalen Gruppen auf die Demonstrationszüge in den verschiedenen Balkanstädten dokumentieren.

„In Matera, der anderen diesjährigen Kulturhauptstadt soll es auch noch eine LGBT-Demo geben.“, ergänzt Herr Yankov. Zudem ist in Novi Sad, der europäischen Kulturhauptstadt des Jahres 2021, aus diesem Anlass eine LGBT-Demo namens ‚Pride for Culture‘ geplant. Doch die jetzige Ausstellung in Plovdiv hat ein Zeichen gesetzt. Ein mutiges und engagiertes Event für eine Zukunft mit mehr Toleranz. „Und vielleicht haben wir dann ja nächstes Jahr hier in Plovdiv unseren ersten Christopher-Street-Day.“, fügt Yankov augenzwinkernd hinzu.

Plovdiv, europäische Kulturhauptstadt 2019

Plovdiv [Wordpress] – Offiziell ist Plovdiv schon, neben der italienischen Stadt Matera, eine der beiden Kulturhauptstädte Europas. Doch auf den Straßen der zweigrößten Stadt Bulgariens merkt man davon sehr wenig. Nur wenige der ausländischen Besuchern wissen, dass sie sich in einer Kulturhauptstadt befinden.

Die Fußgängerzone und Einkaufsstraße von Plovdiv ist an diesem Nachmittag nur mäßig besucht. Schuld daran mag wohl auch die Hitze sein, die an diesem Tag noch knapp 40 Grad erreichen sollte. Die Menschen drängen sich auf der schmalen Schattenseite der Flaniermeile. Doch trotz einiger kleinerer Banner und einer Installation mit dem Schriftzug „together Plovdiv 2019“ merkt man nicht, dass man sich in einer der diesjährigen Kulturhaupstädte Europas befindet. Größere öffentliche Bühnen oder etwaige Podeste für Kleinkünstler sucht man vergebens. Auch findet man keine Hinweise auf mögliche Veranstaltungen.

Nur in der Touristeninformation wird man auf Nachfrage fündig und bekommt die Termine der nächsten Veranstaltungen frisch auf einem Blatt Papier ausgedruckt. Auch gibt es eine Broschüre (sogar auf Englisch), als eine Art Veranstaltungskalender, doch die ist unübersichtlich gestaltet und das Suchen darin wird zur wahren Geduldsprobe. 
 Von offizieller Seite heißt es, dass 2 Millionen Menschen dieses Jahr die Stadt Plovdiv besuchen werden. Doch selbst optimistische Sachkundige halten diese Zahl für weit übertrieben.

Vom Kulturhaus, dass auch die ‚Oper Plovdiv‘ beherbergt, erfährt man Näheres zu den geplanten Veranstaltungen. So erzählt Frau Nina Dimovska, Leiterin des Kulturhauses, dass mehr als 400 Events unter dem Motto „together 2019“ organisiert werden. „Alle Veranstaltungen, die die Oper aufführen wird, sind sogar schon ausverkauft.“ erklärt Frau Dimovska. Von Open-Air-Opern in antiker Kulisse, über Rock- und Popkonzerten bis hin zu Lesungen, Workshops und Folkloreabenden reicht das Angebot des Festivals.

Eigentlich ein Programm, das viel Unterhaltung verspricht. Doch man fragt sich, wo die Besucher sind. Die meisten der Touristen, die durch die Altstadt spazieren, wissen nichts von einer Kulturhauptstadt und haken die Stadt nur als ‚besucht‘ auf ihrer Balkanroute ab. 
Dinko (Name geändert), ein Geschäftsmann, der einen kleinen Laden in der Altstadt betreibt meint: „Eigentlich habe ich wesentlich mehr Kunden erwartet. Doch die wenigen Leute bleiben kurz vor dem Laden stehen, gucken und gehen weiter.“ Tatsächlich ist sein Umsatz in den letzten Monaten sogar um 10 Prozent zurückgegangen. Seinen wahren Namen will er nicht veröffentlicht sehen, weil er Repressionen von Seiten der Stadt befürchtet.

Das gesamte Festival wird von der Stiftung „Plovdiv 2019“ organisiert. 
Victor Yankov, stellvertrender Leiter der Stiftung, legt Wert darauf, dass die künstlerischen Gruppen ihre Veranstaltungen selbst organisieren und auch die Locations dafür auswählen. Vielleicht sei deswegen so wenig vom alltäglichen Festival in den Straßen der Stadt zu spüren.
 Alle Fäden der verschiedenen künstlerischen Gruppen laufen aber in der Stiftung wieder zusammen.

Besonders stolz ist er aber einige Events, die, für bulgarische Verhältnisse, besonders mutig sind. Dazu zählt eine Fotoausstellung über die LGBT-Bewegung in den Balkanländern und ein Projekt, dass mit Künstlern und Roma-Kindern aus dem Roma-Stadtteil ‚Stolipinovo‘ realisiert wurde. Eigentlich ganz normale Veranstaltungen, doch für das erzkonservative Bulgarien, ist dies fast schon ein revolutionärer Akt.

Eine Kulturhauptstadt sollte das seinem Besucher bieten, weswegen er eine solche Stadt besucht: Nämlich Kultur zum Anfassen und zum Erfahren auf Schritt und Tritt. Nicht versteckt in irgendwelchen Nischen und möglichst noch mit einer Pay-Wall versehen. 
Und dabei wäre es doch so einfach gewesen, dem Beispiel der vorherigen Kulturhauptstädte zu folgen. Plovdiv 2019, eine Kulturhauptstadt in der man die Kultur erst einmal finden muss.